Die 95 Thesen und die Thesentür

Oder: Über die These, dass Luthers temperamentvoller Thesenanschlag kein historisches Ereignis, sondern lediglich eine glorifizierende Legende über den Reformator darstellt.

von Andreas Witt

Die Tür der Schlosskirche von Wittenberg zählt wegen Luthers Thesenanschlag zu den berühmtesten Kirchentüren der Welt: Der Reformator Martin Luther schreitet am 31. Oktober 1517 zielgerichtet auf die schwere Holztür zu. Dann  nagelt er mit donnernden Hammerschlägen seine berühmten 95 Thesen gegen den Ablasshandel an diese Tür der Schlosskirche zu Wittenberg und hebt durch diese Provokation die Welt der Kirche aus den Angeln.

Allerdings diente die Tür der Schlosskirche zur damaligen Zeit vermutlich als „Schwarzes Brett“ der damals noch jungen Universität Wittenberg. Waren also Luthers 95 Thesen ein Informationszettel am „Schwarzen Brett“, der dann Weltgeschichte schrieb? Kritische Stimmen bezweifeln sogar dies, zumal Luther selbst in seinen Schriften von einem derartigen Thesenanschlag nichts berichtet. Auch in den sogenannten „Tischreden“ erzählt der offensichtlich bei Tisch geschwätzige Luther nichts über dieses Ereignis. Die Tischreden sind protokollierte Monologe, kurze Reden oder Aussprüche des Reformators, die dieser bei den Mahlzeiten im „Schwarzen Kloster“ gesagt hat. Das „Schwarze Kloster“ war nach der Hochzeit des Reformators mit Katharina von Bora das Heim der Familie Luther. Sie beherbergten hier auch Studenten und andere befreundete Gäste – eine große Tischgesellschaft war daher nicht ungewöhnlich. So vermitteln die „Tischreden“ Luthers ein sehr lebhaftes Bild des großen Reformators, enthalten aber keine Informationen zum berühmten Thesenanschlag.

So steht lediglich fest, dass Martin Luther seine Thesen als Anlage zu einem Brief an Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Mainz, am 31. Oktober 1517 verschickte. Auffällig ist an diesem Dokument, dass der Reformator den Brief erstmals mit dem Namen „Martinus Luther“ unterzeichnet hat, obwohl sein Geburtsname ursprünglich „Luder“ lautete. Die Namensänderung von „Luder“ zu „Luther“ bezeugt das gewachsene Selbstbewusstsein des Mönchs und Theologieprofessors, denn er leitete diesen neuen Namen von dem griechischen Adjektiv „eleutheros“ = „frei“ ab. Luther fühlte sich offensichtlich nach seiner „reformatorischen Entdeckung“ des gnädigen Gottes als „befreit“. Den Geburtsnamen ins Griechsiche zu übersetzen war unter Gelehrten zur damaligen Zeit nicht ungewöhnlich. So hat auch Philipp Melanchthon, Luthers Freund und bedeutendster Weggefährte, seinen Geburtsnamen „Schwarzerd“ gräzisiert.

Melanchthon – wie Luther Professor an der Universität Wittenberg – ist wohl auch die wichtigste Quelle für den Thesenanschlag. Er schreibt in einem Vorwort zu Luthers Werken: „Und diese (Thesen) schlug er (Luther) öffentlich an der Kirche neben dem Schloss an am Vorabend des Festes Allerheiligen im Jahre 1517.“  Da Melanchthon aber erst 1518 nach Wittenberg kam, war er höchstwahrscheinlich kein direkter Augenzeuge dieses von ihm beschriebenen Ereignisses. Ferner erschien der besagte Bericht Melanchthons vom Thesenanschlag erst im Jahr 1546 kurz nach dem Tode Luthers, so dass kritische Historiker hier eine zielgerichtete Legendenbildung vermuten und die Historizität des Ereignisses Thesenanschlag in Frage stellen. Ähnlich verhält es sich mit der zweiten schriftlichen Quelle zum Thesenanschlag. Es handelt sich dabei um eine kurze Notiz aus dem Jahr 1540 von Georg Rörer, einem Mitarbeiter Luthers. Diese Notiz wurde 2006 in der Universitätsbibliothek von Jena entdeckt. Aber auch Rörer kann eigentlich kein Augenzeuge des Thesenanschlags gewesen kein.

Im Übrigen wird auch kritisch angemerkt, dass der Reformator – angenommen, dass er seine Thesen tatsächlich an der Thesentür veröffentlicht hat – diese vermutlich mit Leim angeklebt hätte, denn sonst hätte die Kirchentür in ihre Funktion als Schwarzes Universitätsbrett von unzähligen Nagellöchern übersät gewesen sein müssen: Also klebriger Leimtopf statt donnernder Hammer?

Eins ist jedoch sicher: Die jetzige Thesentür an der Schlosskirche von Wittenberg, auf der Luthers 95 Thesen im Bronzeguss verewigt sind, stammt als Geschenk des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV aus dem Jahre 1858. Denn die historische Holztür wurde im 18. Jahrhundert unwiederbringlich bei einem Brand zerstört.

Thesen-Geländespiel

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