Im Vorbeigehen

Gedanken über Stolpersteine, ein Straßenschild, den Adventskranz und den Barmherzigen Samariter

von Andreas Witt

Stolperstein in Hamburg
Foto: Andreas Witt

 

Wenn ich durch meine Straße „Kurzer Kamp“ in Hamburg zum Einkaufen gehe, komme ich an 38 Stolpersteinen vorbei, die in den Bürgersteig vor dem Eingang zu einer Seniorenwohnanlage verlegt sind. Meistens gehe ich einfach vorbei, manchmal aber halte ich auch inne und lese mir die Inschriften durch, wie diese: „Hier wohnte Anita Horneburg, Jg, 1874, deportiert, 1942 Theresienstadt, 1944 Auschwitz, ermordet.“ Ich weiß, dass die Stolpersteine ein Projekt des Künstlers Günter Demning sind – zur Erinnerung an die im Nazi-Deutschland verfolgten, deportierten und ermordeten Menschen. Eine Mahnung für die Gegenwart. Ich weiß aber wenig über das wirkliche Schicksal, das sich hinter diesen Namen und Lebensdaten verbirgt, und nehme mir dann vor, einmal im Internet danach zu recherchieren, die Stolpersteine zu polieren oder eine Kerze zur Erinnerung an die ermordeten Juden meiner Straße aufzustellen – doch nach dem Einkaufen ist es fast immer mit diesem Vorsatz schon wieder vorbei, weil anderes wichtiger erscheint und der Gedanke schon wieder verflogen ist.

Wenn ich zum Treffen der anp-Redaktion in die VCP-Bundeszentrale fahre und in den Wichernweg einbiege, denke ich beim Vorbeigehen an diesem Straßenschild, dass die Anschrift „Wichernweg“ für einen evangelischen Jugendverband eine sehr passable Adresse ist: Johann Hinrich Wichern (1808 – 1881) hat sich als Gründer des „Rauhen Hauses“ in Hamburg für die Belange benachteiligter Jugendlicher aus den damaligen Armutsvierteln der Stadt eingesetzt. In einer alten Bauernkate in Hamburg-Hamm ermöglichte er „verwahrlosten und schwer erziehbaren Kindern“, in familienähnlichen Verhältnissen aufzuwachsen. Das „Rauhe Haus“ wurde so zu einem Vorbild für die moderne Jugendfürsorge. Ferner gilt Johann Hinrich Wichern als Begründer der Inneren Mission und modernen Diakonie. Ein Mann der Praxis und der Tat – und nebenbei war er der Erfinder des Adventskranzes. Weil die Kinder im Rauhen Haus nämlich in der Adventszeit ständig nachfragten, wann endlich Weihnachten sei, steckte Johann Hinrich Wichern am 1. Advent 1839 19 kleine rote und vier große, dicke, weiße Kerzen auf ein altes Wagenrad. Diese wurden dann nacheinander entzündet – an jeden Werktag eine kleine, rote Kerze und an jedem Adventssonntag eine große dicke Kerze mehr, bis schließlich alle 23 Lichter wie ein Strahlenkranz leuchteten. Durch diesen Adventskranz wurde das Warten auf Weihnachten erträglicher und die Adventszeit als Vorbereitungszeit für das Weihnachtsfest erleb- und erfahrbarer.

Wenn ich an einem Adventskranz vorbeikomme, versinnbildlicht er für mich auch das Jesuswort: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben.“ (Joh. 8.12) Jesus war auch ein Mensch der Tat. Er ging nicht vorbei an dem Zöllner Zachäus, der auf einem Baum saß (Lk 19.1-8), oder dem Blindgeborenen (Joh. 9) – und Jesus ermuntert uns im „Gleichnis vom Barmherzigen Samariter“ (Lk 10.25-37) nachdrücklich dem Beispiel des Samariters zu folgen – und nicht (wie der Priester und der Levit in dem Gleichnis) vorbeizugehen an Menschen in Notlagen – oder auch Interesse zu zeigen, an Stolpersteinen oder auch Straßenschildern, die an einen Menschen erinnern sollen.