Wie der VCP vor 25 Jahren die deutsche Einheit erlebte

„Seit dem 1. Januar 1990 sind die 268 Jugendherbergen in der DDR offen für Gäste aus der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin.“ Diese unscheinbare Meldung in der damaligen VCP-Bundeszeitschrift Kopfnuss beschreibt Weltgeschichte: Im Herbst 1989 hatten die Menschen in Leipzig, Dresden und vielen weiteren Städten die Öffnung der bis dahin scharf bewachten DDR-Grenze friedlich erkämpft. Ein Jahr später schon feierte man am 3. Oktober 1990 ein ganzes, vereinigtes Deutschland. Weil das nun 25 Jahre her ist, versucht das VCP-Bundesarchiv einen Überblick über die Ereignisse und die Haltung des VCP im Strudel der Geschichte.

Dass einmal aus zwei deutschen Staaten einer würde, konnte damals niemand ahnen

So schreibt der damalige Bundesvorsitzende Hans Peter von Kirchbach am 20.11. 1989: „Allgemein bin ich der Auffassung, daß wir langfristig einen VCP-DDR anstreben.“ Die VCP-Verantwortlichen sahen, dass mit der Entmachtung der SED auch freie Jugendarbeit in der DDR möglich werden würde. Bisher war dort die einzige staatlich erlaubte Jugendorganisation die FDJ gewesen (Freie Deutsche Jugend). Bundesleitung und Bundesrat sind sich einig, „daß wir nicht mit einer Haltung des ,Missionierens‘ an mögliche Partner in der DDR herangehen“ (1.-3.12.1989). Diese besonnene Behutsamkeit prägt alle Äußerungen der VCP-Leitung in den kommenden bewegten Wochen und Monaten. Im Januar 1990 mahnen die Bundesvorsitzenden Eva-Maria Pietzcker und Hans Peter von Kirchbach in einem Brief an alle VCP-Mitarbeitenden bei aller Freude über die neuen Möglichkeiten zu Respekt und Zurückhaltung: „Was in der DDR geschieht, ist Sache der Jugend in der DDR selbst. Hilfe ist erforderlich, aber Bevormundung ist nicht gefragt. Die Bürger der DDR haben sich die neue Freiheit selbst in friedlicher Revolution erstritten, sie werden auch ihren weiteren Weg selbst bestimmen.“ Um schnell ein Bild von der Situation vor Ort zu gewinnen, wird zur Bundesrats-Sitzung im Februar 1990 ein kundiger VCPer mit guten DDR-Kontakten eingeladen. Auch Michael “Wallenstein“ Maillard betont, daß Leute in der DDR selber entscheiden müssen, welche Form der Jugendarbeit sich in der DDR entwickelt.“ Ebenfalls schon im Februar 1990 treffen sich in Leipzig VCP-Mitglieder mit Interessierten aus der DDR und tauschen sich darüber aus, wie evangelische Jugendarbeit in der Zukunft aussehen könnte und sollte. Von den DDR-Jugendlichen wird ein echter Austausch gewünscht: „Es ist keine Partnerschaft, wenn wir nur die Nehmenden sind.“ Während der VCP vorsichtige Annäherung betreibt, wird schon im März 1990 eine DDR-DPSG in Magdeburg gegründet. Trotzdem bestärkt der Bundesvorsitzende Hans Peter von Kirchbach die respektvolle Zurückhaltung des Verbandes bei der VCP-Bundesversammlung im Mai 1990. Der VCP solle „unsere Partner ihren Weg selbst bestimmen lassen und Hilfe dort geben, wo diese gesucht wird“. Die Bundeszentrale grübelt über dem Problem, dass DDR-Gruppen VCP-Mitglieder werden wollen – aber die DDR ist immer noch Ausland!

Spontan veranstalten VCPerinnen und VCPer gemeinsam mit Jugendlichen aus den DDR-Ländern ein Zeltlager zwischen Hessen und Thüringen. Besonders verbindend war die gemeinsame Nachtwanderung zu beiden Seiten der nun nicht mehr bedrohlichen Grenze. Die Bundesleitung erwägt unterdessen, das VCP-Bundeslager 1992 in Thüringen zu veranstalten, aber auch hier überwiegt das Gefühl, die neuen Freundinnen und Freunde nicht überfallen zu wollen: „Wir sollten der Entwicklung in der DDR Zeit lassen und nicht […] zeigen wollen, wie man es macht und was wir doch alles (besser) können.“ Tatsächlich sind die Gegebenheiten „drüben“ so ganz anders, als es der VCP in den westlichen Ländern kennt. Die Bundesvorsitzenden erinnern daran, dass „wir lernen von denen, die in einem weltanschaulich kirchenfeindlichen Staat Jugendarbeit auf der Grundlage des Evangeliums geleistet haben, unter ungleich schwierigeren Bedingungen als wir.“ Und der konkrete Alltag unterschied sich massiv vom Wohlstandsland Bundesrepublik: So plant eine bei Magdeburg mit Hilfe des VCP gegründete Gruppe Einsätze zum Umweltschutz, zum Beispiel das Sammeln von Kartoffel-Käfern auf den Feldern der LPG (LPGs waren in der DDR staatlich betriebene landwirtschaftliche Betriebe). Im Sommer 1990 tastet sich der VCP an den Gedanken heran, dass bald DDR und Bundesrepublik ein einziges Deutschland sein werden.

VCP, Rundbrief an Mitarbeitende, Nr. 1 1990, Titel

Eine hauptberufliche Beauftragung für Ostdeutschland wird rasch beschlossen, ebenso eine Projektgruppe „Neue Länder“. Im November 1990 gibt es dort bereits an zehn Standorten VCP-Gruppen und -Initiativen. 1991 gibt es einen runden Anlass, in Neudietendorf zu einem großen Pfingstlager zu laden: Vor 70 Jahren wurde dort die Christliche Pfadfinderschaft gegründet, jetzt will der VCP dort für sich werben. 1992 wird dann das VCP-Bundeslager mit unter dem sprechenden Motto „Grenzenlos“ mit Teilnehmenden aus allen Bundesländern gefeiert.

1995 ziehen in der anp engagierte Mitglieder eine erste Bilanz zum Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten. „Die DDR war ein Scheißstaat… Aber wo ich jetzt bin, das weiß ich nicht, jedenfalls noch nicht zuhause, noch nicht angekommen gewissermaßen,“ schreibt ein Thüringer VCPer. „Ihr Wessis hattet ja gedacht, das sind jetzt fünf neue Länder…, da müssen wir ordentlich reinbuttern, und dann wird’s schon werden…Vergessen habt ihr, daß wir ja auch etwas einbringen.“ Und Hans Peter von Kirchbach, der VCP-„Einheits-Bundesvorsitzende“, erklärt: „Die Kinder und Jugendlichen warten auf uns und unser Engagement. Unser Beitrag zur Einheit ist noch höchst unvollkommen.“