Von Diemelstadt nach Setrawa

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Anna-Lena Neunteufel kommt aus Trendelburg, im „Dreiländereck“ zwischen (Süd)Niedersachsen, (Nord)hessen und dem östlichen Nordrhein-Westfalen. Dort ist sie im Stamm Diemelfüchse zuhause. Zurzeit lebt sie in Indien, in einem kleinen Dorf namens Setrawa in der Wüste im Bundesstaat Rajasthan, nahe der Stadt Jodhpur.
Hier berichtet sie, was sie dort macht, wie sie dahin gekommen ist und wie ihr Alltag aussieht.

Ich bin im Rahmen eines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes über das Deutsche Rote Kreuz hier her gekommen und arbeite nun für die NGO (Nichtregierungsorganisation) „Sambhali Trust“, deren Hauptziel es ist, benachteiligte Frauen zu unterrichten und ihnen so eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Ich lebe hier in einer Gastfamilie, mit zwei Gastschwestern, zwei Gastbrüdern und unseren Gasteltern. Die ganze Familie väterlicherseits lebt in der Nachbarschaft, weshalb Cousinen, Tanten und Onkel ein und ausgehen.

Morgens in der Wüste joggen…

Meistens wache ich morgens um 6.30 Uhr auf dem Dach auf. Ja, ich schlafe auf dem Dach. Dann da die Temperaturen tagsüber noch über 40 Grad sind, hält man es da gut aus und es ist schön, unter dem einzigartigen Sternenhimmel einzuschlafen.
Die frische Morgenkühle nutze ich für ein paar Gymnastikübungen auf dem Dach oder gehe auch mal in die Wüste joggen. Dabei begegne ich Kühen, Kamelen, Pfauen, Antilopen und anderen Wüstenbewohnern.
Im Anschluss genieße ich einen leckeren Chai, der von meiner Gastschwester Rakhi zubereitet wird. Das ist schwarzer Tee mit Gewürzen, viel Zucker und Milch. Und dann beginnt die Hausarbeit: Zuerst wasche ich mein Outfit vom Vortag. Übrigens trage ich hier nur indische Klamotten, bestehend aus Kurta, das ist ein langes Oberteil, eine Stoffhose oder Leggins und einen Dupatta, ein dünner Schal, den man sich über die Schultern legt.

Nach der Handwäsche fülle ich den Wasserfilter auf, fege das Zimmer und helfe der Familie bei der Hausarbeit, z.B. schäle ich die Knoblauchzehen.

Bis elf Uhr hab ich Zeit. Da bereite ich den Unterricht vor, lese oder lerne Hindi.
Um 11 Uhr gehe ich zum Frühstück / Mittagessen. Dieses genau wie das Abendessen bestehen aus einem Gemüse wie z.B. Bohnen, Blumenkohl, Okraschoten oder Kartoffeln, mit viel Knoblauch und Öl zubereitet. Dazu gibt es entweder eine Linsensuppe, eine Milchsuppe mit Zwiebeln oder ein flüssiges Curry. Diese wird aber nicht einfach gelöffelt, sondern mit Chapattis gegessen. Dies sind kleine runde Teigfladen aus Weizenmehl. Einen Tag ohne Chapattis könnte sich ein Inder in dieser Region nicht vorstellen.
Ich habe mich mittlerweile schon sehr daran gewöhnt, mit den Händen zu essen und esse wie eine echte Inderin. Gut gesättigt geht es dann in die naheliegende staatliche Mädchenschule, wo ich eine Stunde lang eine siebte Klasse unterrichte.

Die Mädchen lernen gerne Neues

Der Unterricht macht großen Spaß, da es nur eine kleine Gruppe von acht Mädchen ist, die wirklich Freude daran haben, neue Sachen zu lernen. Bis jetzt habe ich ihnen Dinge wie Uhrzeit und Datum beigebracht. Ich versuche auch, ihnen möglichst lebensnahe Dinge beizubringen, die ihnen im Alltag und in der Zukunft helfen. Natürlich kommt die englische Grammatik nicht zu kurz.

Nach der Mädchenschule habe ich eine kurze Entspannungspause und um 14.15 Uhr marschiere ich dann während der Mittagshitze 10 Minuten zu einer privaten Schule, wo ich an der Tafel vor 34 pubertierenden Jungs stehe und ihnen nach ihrem Schultag noch zusätzlichen Englischunterricht gebe.

Die Jungen sind neugierig…

Zum Glück sind die Jungs sehr diszipliniert und ich kann normalen Unterricht halten. Größtenteils wiederhole und vertiefe ich mit ihnen die Grammatik, die sie schon einmal im Unterricht hatten, die aber noch nicht gut sitzt. Die Jungs sind sehr an Deutschland und der Welt interessiert und stellen mir immer wieder Fragen über unsere Politik oder unsere Landschaft. Es macht mir viel Spaß, mich mit ihnen darüber zu unterhalten und ihnen von zu Hause zu berichten.

Direkt im Anschluss gehe ich dann in die Einrichtung von unserer NGO Sambhali Trust und unterrichte mit den drei anderen Freiwilligen, und drei indischen Lehrerinnen eine Gruppe von 40 Kindern. Sie sind in vier Klassen eingeteilt und ich unterrichte die Anfänger.

Montags werden die Haare gemeinsam gewaschen

Zuallererst beten und singen wir zusammen. Danach putzen wir gemeinsam die Zähne und waschen Arme, Beine und Gesicht. Jeden Montag waschen wir zusätzlich die Haare und untersuchen sie auf Läuse. Zum Glück entdecken wir selten welche und der Großteil der Kinder ist auch gepflegt. Trotzdem führen wir die Hygieneschulung weiterhin durch, damit die Kinder sehen, wie wichtig das ist. Vor allem, wie wichtig es ist, saubere Zähne zu haben und „Karius und Baktus“ fernzuhalten.

Mit meiner Klasse übe ich meist das Alphabet. Wenn sie das gut beherrschen und verstehen, dürfen sie in die nächsthöhere Klasse wechseln. Es ist schwierig, dieses eine Unterrichtsthema abwechslungsreich zu gestalten. Wir haben schon ein riesiges Memory gebastelt mit Groß- und Kleinbuchstaben und der ABC-Song wird jede Stunde mit Eifer gesungen.

Workshops halten die Kinder am Ball

Jeden Samstag ist Workshoptag. Da können wir Freiwilligen unserer Kreativität freien Lauf lassen. Wir hatten bereits Workshops zum Kartoffeldruck, zu Pflanzen, da haben wir Kresse gesät und einen Percussion-Workshop. So etwas Besonderes macht den Kindern immer sehr viel Spaß und sie bleiben dadurch am Ball, auch jeden Tag wieder zum Lernen zu kommen.
Ein weiteres Lockmittel sind die Kekse, die nach jeder Stunde ausgeteilt werden, auch wenn dadurch das Zähneputzen teilweise wieder hinfällig ist.

Auch wenn mein Arbeitstag nur 3 ½ Stunden hat, gehe ich erschöpft nach Hause und schaue ab und zu noch am Tempel vorbei. Dort herrscht immer eine beruhigende Abendstimmung.

So lange es noch hell ist, übe ich auf dem Dach Gitarre oder gehe noch kurz auf den Markt, um mir Obst zu kaufen.
Abends um halb Acht gibt es Abendessen und danach liege ich schon fast auf meiner Matratze auf dem Dach und genieße den Sternenhimmel.