Wir wollten ihnen den Weg etwas erträglicher machen

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Viele VCPerinnen und VCPer engagieren sich für geflüchtete Menschen. Philipp Marx und Sophia Poremski vom Stamm Nikolaus Graf von Zinzendorf fuhren in ein Flüchtlingscamp im slowenischen Grenzgebiet. Mit dabei: waren Sophia Poremski, 20, Kinderkrankenschwester, Sindy Nguyen, 18, Annika Schwarz, 16 und Philipp Marx, 17, sie besuchen das Max-Planck-Gymnasium. Nicht zu vergessen: Bernd Schwarz, Vater von Annika.
Philipp berichtet anp von seinen Erfahrungen vor Ort.

anp: Wie seid ihr dazu gekommen, zum Flüchtlingscamp zu fahren und dort zu helfen?

Philipp: Sophia und ich haben uns zunächst überlegt, mit unserem Stamm Flüchtlingsarbeit in Ludwigshafen zu machen und haben einen Spielenachmittag im Flüchtlingsheim “Rampenweg“ organisiert. Während wir das organisiert haben, trafen wir auf Dolly el-Ghabour, die schon mehrere Konvois in Richtung Balkan vorbereitet hat. Sie hat uns erklärt, was alles zu machen ist und so haben wir hektisch angefangen, bei uns an der Schule und im Pfadistamm sowie in der Gemeinde Kleider- und Geldspenden zu sammeln.

anp: Der Aufwand, dorthin zu fahren ist ja deutlich größer als vor Ort zu helfen… Warum habt ihr das auf euch genommen?

Philipp: Es ist wichtig, den Flüchtlingen hier zu helfen, aber sie müssen ja erst einmal hier herkommen. Unterwegs erfahren sie so viel Leid, Elend und Ablehnung. Nasse Schuhe, keine warme Kleidung, nicht genug zu essen und – wie geht es den Kindern? Wir wollten ihnen diesen Weg etwas erträglicher machen.

anp: Erzähl doch mal von der Fahrt…

Philipp: Wir waren vom 02.01. bis zum 08.01. in Dobova (Obrezje) an der slowenischen Grenze zu Kroatien. Die ersten vier Nächte waren wir in einem Hostel in der kroatischen Hauptstadt Zagreb untergebracht, später haben wir in einem Hostel in Breschize (Slowenien) geschlafen. Dann haben wir das Flüchtlingscamp besucht.

anp: Wie sah eure Arbeit im Camp aus?

Philipp: An jedem der fünf Tage dort hatten wir 8-Stunden-Schichten, die ersten zwei von 7.00 bis 15.00 Uhr und die drei letzten von 15.00 bis 23.00 Uhr. Am ersten Tag haben wir alle Kleiderspenden abgeliefert. An den restlichen Tagen haben wir von den Spendengeldern das eingekauft, was am dringendsten gebraucht wurde, d.h. warme, wasserfeste Herrenschuhe, Handschuhe, Babyflaschen, Schokoriegel.
Vor Ort waren drei große weiße Zelte mit leichter Beheizung und Holzfußboden aufgebaut. In die passten jeweils rund 1000 Menschen. Die Zustände waren menschenunwürdig, alles klebt, alles stinkt und es zieht aus allen Richtungen. Die Flüchtlinge kamen mit Zügen an den HBF und von dort aus per Bus zum Camp. Dort bekamen sie ein kleines Lunchpaket, wurden in einem Zelt gesammelt, registriert und dann auf die beiden anderen Zelte aufgeteilt. Nach vier bis sechs Stunden wurden sie wieder mit Bussen abgeholt und sie fuhren weiter nach Österreich oder wieder zurück nach Kroatien.
Auf dem ganzen Weg haben sie keine Freiheit. überall steht Polizei und Militär. Deshalb waren wir für sie als freiwillige Helfer die einzigen Ansprechpartner, mit denen sie normal reden konnten, bei denen sie keine Angst haben mussten, vielleicht was Falsches zu sagen. Wir haben ihnen Essen und Klamotten gegeben, sie zum Ärztezelt begleitet und ihre Fragen beantwortet. Sie waren immer sehr freundlich, herzlich und dankbar, obwohl sie so geprägt von den Erlebnissen ihrer Flucht waren… Ich durfte sogar ein kleines Baby tragen, als die Mutter ganz erschöpft zum Arzt musste.
Außerdem mussten wir die Zelte immer komplett reinigen, die Decken zusammenlegen (es gab keine Liegen) und Dinge von A nach B tragen.

anp: Wie wurde euer Hilfsdienst organsiert?

Philipp: Wir waren bei der slowenischen Organisation “Slowenska Philantopia“ angemeldet. Von dieser Organisation waren in jeder Schicht insgesamt 10 Freiwillige in jeder Schicht da. Die meisten aus Slowenien und Kroatien, aber auch aus Belgien, den Niederlanden, den USA und Österreich. Jedes Mal hat uns ein Koordinator gesagt, was zu machen ist. Es war aber alles sehr locker, alle waren freundlich und viele waren überrascht davon, dass wir so einen weiten Weg auf und genommen und alles selbst geplant und uns das getraut haben. Andere kamen, weil sie ihre Familie besuchen oder in der Nähe arbeiteten. Alle haben sich für unsere Geschichte interessiert und ein Amerikaner, mit dem ich heute noch Kontakt habe, hat sich vorgenommen, dasselbe in seiner Heimat New York zu machen. Seine Eltern kamen aus Slowenien. Auch das Militär und die zum Teil ausländische Polizei waren zumindest zu uns freundlich und hilfsbereit. Wir konnten jederzeit in ein warmes Zelt vom Roten Kreuz gehen, dort essen, uns aufwärmen und Energie tanken.
Am Schluss habe ich die restlichen 150€ (von insgesamt ca. 1600 €) Spenden in der Hauptzentrale von “Slowenska Philantopia in der Hauptstadt Ljublijana persönlich überreicht.

anp: Und wie geht es euch jetzt damit?

Philipp: Zusammenfassend war die ganze Reise zwar körperlich sehr anstrengend, aber eben auch sehr erfüllend. Wir haben gesehen, dass das, was wir machten etwas Gutes war und es auch ankam. Das Lachen von fremden Kindern und Erwachsenen zu sehen, war wirklich unbeschreiblich.
Das Flüchtlingscamp wurde von vielen deutschen Online-Medien oft hart angegangen. Ich finde zu Unrecht… Es fehlt einfach an Geld. Der Staat versorgt das Camp kaum, aber die sehr hart arbeitenden Engagierten können nichts dafür, sie geben ihr Bestes. Aber natürlich werden sie durch diese Kritik in Mitleidenschaft gezogen.

anp: Philipp, würdest du bzw. würdet ihr das wieder machen?

Philipp: Auf jeden Fall! Zwar nicht in nächster Zeit, aber vielleicht wieder Ende des Jahres! Je nachdem, wie die Situation dann aussieht… 🙂