100 Jahre auf neuem pfad – Die anp wird 100!

Im Juni 1921 erschien die erste Ausgabe. Es ist also mehr als angebracht, zurückzuschauen und diese hundert Jahre Revue passieren zu lassen.

von Max Zeterberg

Max Zeterberg Foto: Lena Simosek

Foto: Lena Simosek

Max kommt aus dem Stamm Otto Witte in Berlin-Pankow. Er hat Geschichte studiert und promoviert derzeit zur Jugendverbandsgeschichte in den 60er- und 70er-Jahren.

Ich habe alle 426 Ausgaben angeschaut. Was auf den ersten Blick auffällt: Die anp war früher anders. Es wirkt fast so, als ob das heutige „Magazin Pfadfinden“ kaum mehr als den Namen mit der einstigen Zeitschrift „für Mittelsachsens christliche Pfadfinder- und Pfadfinderinnenschaft“ der Jahre 1921-23 oder dem „Blatt einer jungen Mannschaft“ der 1960er-Jahre gemein hat.

In diesem Artikel werde ich versuchen, ein paar der Wandlungen der anp nachzuzeichnen. Das kann nicht systematisch oder gar vollständig sein. Stattdessen schreibe ich subjektiv über die Dinge, die mir beim Schmökern in den Ausgaben der letzten hundert Jahre aufgefallen sind. Vorangestellt aber die Geschichte im Schnelldurchlauf: Gegründet wurde die anp als die Zeitschrift der evangelischen Pfadfinderinnen und Pfadfinder Sachsens. Im Jahr 1923 übernahm die Christliche Pfadfinderschaft (CP) die anp als ihr Reichsblatt. Im Jahr 1937 erschien die vorerst letzte Ausgabe, da die CP endgültig von der Gestapo verboten wurde. 1951 belebte die neugegründete CP die Zeitschrift wieder. Seit 1973 ist die anp eine Zeitschrift des VCP.

Völlig unterschiedliche Erscheinungen

Es überrascht nicht, dass die anp im Laufe der letzten hundert Jahre sehr unterschiedlich gestaltet war. Lesegewohnheiten haben sich verändert, die Produktionstechnik hat sich weiterentwickelt und die Zielgruppen haben gewechselt. Von 1921 bis 1937 war die anp komplett in Fraktur gesetzt. Ansonsten fällt auf, dass die Zeitschrift bis 1973 relativ klein war: Zu Beginn in etwa A5, ab 1924 geringfügig größer und ab 1951 nochmals etwas größer – aber trotzdem deutlich kleiner als das ab 1973 gebräuchliche A4-Format. Mit der Umstellung auf ein neues Layout 2004 schrumpfte die anp wieder etwas und erreichte die heutige Größe.

Allerdings waren frühere Ausgaben teilweise deutlich dicker und umfassten mitunter über 80 Seiten.

Direkt ins Auge springt, dass die anp erst seit Sommer 2004 im Vollfarbdruck erscheint. Zuvor, seit 1992, wurde neben schwarz und weiß nur eine weitere Farbe genutzt, meistens blau. In den siebzig Jahren vorher lassen sich nur vereinzelt farbige Elemente finden, wie zum Beispiel die mit einer Grundfarbe abgedruckten Holzschnitte in den 20er- und 30er-Jahren.

Apropos Bilder: Bis 1978 wurden Fotos und Grafiken vergleichsweise sparsam eingesetzt. Viele Texte waren nicht bebildert, aber deutlich länger als heutzutage. Mit dem Relaunch der anp 1979 veränderte sich das Text-BildVerhältnis grundlegend: Immer mehr Bilder, immer kürzere Texte. Dieser Trend setzte sich 1992 fort, als sich die anp erstmals an alle Altersstufen richtete. Vorher war sie die Zeitschrift der Jungmannen beziehungsweise Ranger*Rover und/oder Kreuzpfadfinder*innen beziehungsweise Erwachsenen – die jüngeren Pfadis hatten eigene Zeitschriften.

Gesellschaftspolitische Themen

Wenn man sich aber nicht vom Layout abschrecken lässt und die einzelnen Artikel anschaut, scheint es, als wären die Berichte, Kommentare und Diskussionen zu Gesellschaft und Politik früher deutlich dominanter gewesen. Im Gegensatz zu heute, wenn ziemlich darauf geachtet wird, immer irgendeinen Bezug zum Pfadfinden herzustellen, kann man bei den Ausgaben der 20er- und 30ersowie 50er- und 60er-Jahre manchmal fast vergessen, dass es sich um eine Pfadfinder*zeitschrift handelt.

Hierfür ein Beispiel: Die zweite Ausgabe des siebten Jahrgangs vom Februar 1927, betitelt als „Soziales Heft“, umfasste 63 Seiten. Die letzten drei Seiten behandelten unter der Überschrift „Aus der Bewegung“ explizit die CP. Die restlichen 60 Seiten thematisierten soziale Probleme, also Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und die Entfremdung des Proletariats von der Kirche. Die CP oder Pfadfinden im Allgemeinen kommen kaum vor. Lediglich zwei Beiträge plädieren dafür, sich um proletarische Kinder zu bemühen und gegebenenfalls neue Programmformen – heute würde man sagen: offene Jugendarbeit – zu entwickeln, um proletarische Kinder und Jugendliche anzusprechen. Wenn man von diesen
zwei Artikeln absieht, gab es höchstens beiläufige Bezüge
zur CP.

Was hingegen auffällt, sind die wiederkehrenden Verweise auf Volk und Christentum. Tatsächlich wirkt diese anp-Ausgabe über weite Strecken so, als wäre es eine Zeitschrift der evangelischen Jugend und nicht eines Pfadfinder*innenbunds. Vielleicht haben sich die Autoren* aber auch in erster Linie als Christen* und nicht als Pfadfinder* begriffen.

Auch in den 60er-Jahren hat die anp oft den eigenen Verband eher am Rande betrachtet. Zum Beispiel thematisierte die Ausgabe 1962/5 das politische System der BRD. Zum Schwerpunkt gab es Meinungsartikel und andere Beiträge, aber kaum Bezüge zur CP. Die meisten Artikel hätten auch in anderen Zeitschriften erscheinen können – und tatsächlich waren zwei Beiträge aus den Zeitungen „Welt“ und „Die Zeit“ übernommen. Dass es sich bei der anp um die Zeitschrift eines Pfadfinder*innenbunds handelt, merkte man an den neun Seiten, die außerhalb des Schwerpunkts standen.

Die anp als Debattenmedium

In Hinblick auf die 50er- und 60er-Jahre, fällt noch ein weiterer Unterschied auf: Früher trugen Pfadis in der anp verbandsspezifische und gesellschaftspolitische Kontroversen aus.

Ein Beispiel für eine besonders lebendige Diskussion ist die über die Wehrpflicht. Anlass war die berühmte Kasseler Rede vom hessischen Kirchenpräsident Martin Niemöller am 25. Januar 1959: Angesichts eines drohenden Atomkriegs bezeichnete der bekennende Pazifist „die Ausbildung zum Soldaten [als] die Hohe Schule für Berufsverbrecher“.

Ein paar Monate später, in der Doppelausgabe 1959/3–4, verteidigte der CPer Horst Horchler seine Entscheidung, den Wehrdienst abzuleisten: Erstens brauche es überzeugte Christen* in der Bundeswehr und zweitens gebiete es die weltpolitische Lage, eine schlagkräftige Armee zu haben.

Zwei Ausgaben später, in der anp 1959/6, antwortete ihm der Schriftleiter Ulrich Dahm. Er stellte sich hinter Niemöller: Die evangelische Kirche erlaube den Kriegsdienst nur, wenn der Krieg das kleinere Übel darstelle. Ein Atomkrieg richte aber immer mehr Schaden an, als er verhindere. „So bleibt für Christen, da der Gehorsam unteilbar ist und Kriegsdienst ohne Bereitschaft zum Dienst an Atomwaffen nicht möglich, nur die Kriegsdienstverweigerung“ (S. 127). Statt als „Sünde“ bezeichne er den Kriegsdienst als „Verbrechen“, denn dieses Wort sei zwar „hart und kränkend, aber es nennt die Dinge für jeden verständlich beim Namen, auch für Nichtchristen.“

Dies provozierte erregte Antworten.

In der anp 1960/1 kritisierten gleich fünf Autoren* Ulrich Dahm. Sie warfen ihm vor, ein falsches theologisches Verständnis von Sünde zu haben, die strategische Notwendigkeit von Atomwaffen nicht zu verstehen und gegensätzlichen Meinungen die Legitimität abzusprechen. Seine Argumentation sei ein „Schlag ins Gesicht“ (S. 24) aller CPer in der Bundeswehr. Ulrich Dahm wiederum bekräftigt in der gleichen Ausgabe seine Position und warf seinen Kritikern* unter anderem eine „Kapitulation des christlichen Gehorsams vor der Welt“ (S. 27) vor, also militärische und politische Erwägungen über den Willen Gottes zu stellen.

Damit war die Debatte nicht zu Ende. In der nächsten Ausgabe folgten vier weitere Artikel zum Thema. Inzwischen wurde das Thema breit in der CPD diskutiert, auch auf Lagern und im Bundesthing, wo beschlossen wurde, einen Diskussionsband zum Thema herauszugeben. In der anp 1960/3 war eine gemeinsame Stellungnahme der Gaue Pfälzerwald und Rheingrafen, die beide Positionen zusammenfasste und als legitim gegenüberstellte, das Schlusswort der Debatte.

Ganz abgesehen davon, wie man inhaltlich zu den Beiträgen steht: In der anp diskutierten Pfadfinder*innen über mehrere Ausgaben hinweg ein aktuelles und hochkontroverses Thema mit sachlichen Argumenten, aber auch in emotionaler Betroffenheit.

In diesem Fall ging es um ein gesellschaftliches Thema, aber es wurde auch mit Verve über den eigenen Verband diskutiert.

Der Meinungsaustausch hatte über viele Jahre einen festen Ort in der anp: Es gab die Rubriken „Am eckigen Tisch“ (50er- und 60er-Jahre), „Zur Diskussion“ (1974–1983) und „Meinungen – Kontrovers.“ (1983–91). Zudem konnten sich Leser*innen in Briefen zu Wort melden. Insbesondere in den 90er-Jahren, als es keine Debatten-Rubrik mehr gab, entwickelten sich intensive Diskussionen zwischen Leser*innen.

Mitte der 00er-Jahre hatte die Diskussionsfreudigkeit nachgelassen. Der Versuch von 2004, die Briefe unter dem Titel „Debatte“ zu bündeln, wurde schon nach wenigen Ausgaben aufgegeben. Seit dem Relaunch 2016 werden gar keine Leser*innenbriefe mehr abgedruckt.

Heutzutage werden Debatten nicht mehr in der anp geführt. Es gibt zwar ab und zu Meinungsartikel: Zum Beispiel in anp 2017/3 die Forderung nach einem BundeslagerAbendprogramm jenseits von saufen und singen. Oder die Kritik an der ökologischen Doppelmoral eines Jamborees in Ausgabe 2019/3. Aber ein Beitrag ist noch keine Debatte. Im Falle der Jamboree-Kritik wurde eine Replik auf dem VCP-Blog veröffentlicht, aber in der anp wurde keine Antwort abgedruckt.

Was bleibt

Es scheint so, als hätte sich der erste Eindruck bestätigt: Die heutige anp ist völlig anders als frühere Jahrgänge. In dieser Totalität stimmt diese Aussage aber nicht. Denn es gibt Kontinuitäten – nur ist es deutlich interessanter, über die Veränderungen zu schreiben. Das, was gleichgeblieben ist, fällt dabei hinten runter.

Das sind in erster Linie die zahllosen Berichte über das Leben in CP und VCP, die es immer in der anp gegeben hat. Dazu zählen Reportagen von Fahrten und Lagern, Meldungen aus den Gliederungen und seit 1952 auch aus den Weltverbänden sowie Vorstellungen von Ländern, Stämmen, Gruppen oder einzelnen Pfadis – zum Beispiel die Rubrik „Pfadi des Monats“ in den 00er-Jahren. Eine Konstante sind auch die persönlichen Nachrichten, selbst wenn sich diese Rubrik inzwischen auf Nachrufe beschränkt – früher wurden auch Verlobungen, Vermählungen, Geburten und zeitweilig sogar Berufswechsel bekanntgegeben.

Die Wandlungen der anp waren nie unbegründet.

Für die Zukunft wünsche ich ihr weiterhin interessierte Leser*innen und dass sie die Fähigkeit sich zu wandeln und wenn nötig neu zu erfinden beibehält – dann werden es bestimmt auch noch weitere hundert Jahre! Und ich hoffe, dass dieser Artikel ein Interesse an den alten anp-Ausgaben geweckt hat. Es gibt viel zu entdecken: Über Pfadfinden früher, über die politischen Positionen von Pfadis und die vielen persönlichen Highlights, die alle VCPer*innen sicherlich finden werden. Für mich war das mein erster Wortbeitrag in der anp (2006/3): Das Programm des Bundeslagers sei langweilig gewesen – würde ich heute noch unterschreiben.

Schriftleitung/Chefredaktion

1921 bis 22: Karl Friede
1923 (2. Jahrgang, Heft 3) bis 1937: Fritz Riebold
1938 bis 50: keine anp
1951 bis 54: Aule Hussong
1955 bis 57: Hermann Haaß
1958 (1 bis 4): Heinrich Karsch (kommissarisch)
1958/5 bis 1968: Ulrich Dahm
1969 bis 1971: Frank-Peter Hopf
1972: keine anp
1973: Reinhardt Liedtke
1974 bis 1975/1: Reinhardt Liedtke, Bernhard Kühntopf
1975/2 bis 3: Reinhardt Liedtke
1975/4 bis 1978/1: Bernd Lindner
1978/2: Bernd Lindner, Christoph Schubert
1978/Nullnummer bis 1979/1: Christoph Schubert
1979/2 bis 1980: Rüdiger Jung
1981 bis 1983/2: Christoph Schubert
1983/3 bis 1990): Thomas Korte
1991 bis 1999/2: Walter Linkmann
1999/3: Bundesleitung kommissarisch
1999/4&5 bis 2017/1: Diane Tempel-Bornett
Seit 2017/2: Lena Dohmann

Weitere Literatur

• Blog-Artikel von Bernd Eichhorn: https://go.vcp.de/verbandszeitschriften
• Gerd Pfetscher: Die Publikationen, in: Bauer/Besser/Keyler/Sudermann: Kreuz und Lilie. Christliche Pfadfinder in Deutschland von 1909 bis 1972, S. 368–400.

Anmerkung

In dem Text ist häufig nur von Pfadfindern* die Rede, da die anp erst seit 1973 die Zeitschrift eines gemischtgeschlechtlichen Pfadfinder*innenverbandes ist.

 

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