100 Jahre Neudietendorfer Grundsätze

von Georg Zebisch, Lambsheim

100 Jahre Jubiläum? Das hatten wir doch schon, wird sich der ein oder andere fragen. Hundert Jahre Pfadfinden weltweit, hundert Jahre Pfadfinden in Deutschland, hundert Jahre evangelisches Pfadfinden in Deutschland und nun wieder eines? Ja, denn vor hundert Jahren wurde eine Struktur innerhalb der damaligen Christlichen Pfadfinder geschaffen, die für uns heute normal ist, damals aber erst etabliert werden musste.

Doch gehen wir ein paar Jahre zurück.

Der heutige VCP ist ein Zusammenschluss aus drei verschiedenen Bünden: dem Bund Christlicher Pfadfinderinnen (BCP), dem Evangelischen Mädchenpfadfinder-Bund (EMP) und der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD). Die christlichen Pfadfinder*innen waren zu Beginn keine deutschlandweite, einheitliche Organisation.

Die 15 Neudietendorfer Grundsätze

Die Anfänge reichen in die Zeit 1909/1910 zurück; also in die Zeit des Deutschen Kaiserreichs. Dieses hatte wiederum mehrere Königreiche (z.B. das Königreich Bayern oder das Königreich Württemberg) und Fürstentümer in sich vereint. Die Urkeimzellen der christlichen Pfadfinder* waren in Stuttgart und Nürnberg. Dort entstanden 1910 unabhängig voneinander die ersten Gruppen innerhalb des örtlichen CVJM. Auch an anderen Orten bildeten sich Gruppen. Sachsen wurde ein drittes Schwerpunktland. Die ersten christlichen Pfadfinder*innen waren in Abteilungen der lokalen CVJM-Vereine bzw. der Evangelischen Jünglingsvereine organisiert und immer Mitglied des örtlichen Vereins. Im Laufe der Zeit bildeten sich regionale Strukturen wie das „Württembergische Pfadfinderkorps“, jeweils mit eigener Satzung. Diese waren aber auf eine bestimmte Region (etwa Bayern, Sachsen, Württemberg) beschränkt. Eine deutschlandweite Struktur gab es noch nicht.

Der Erste Weltkrieg und dessen Ende brachten große gesellschaftliche Veränderungen.

Kaiser, Könige und Fürsten dankten ab und die sogenannte „Weimarer Republik“ entstand. Auch die Jugendverbände begannen sich zu wandeln. Es war eine Zeit des Aufbruchs und der neuen Ideen. Die Anfänge der evangelischen Pfadfinderinnenbünde BCP und EMP gehen auf diese Zeit zurück. Militärisch anmutende Uniformen der Kaiserzeit sowie die Organisation in Korps und Regimenter wurde nun abgelegt. Die Entwicklung verlief jedoch nicht überall gleich. Die christlichen Pfadfinder*innengruppen waren sehr unterschiedlich ausgeprägt in dieser Umbruchphase. Sachsen war Vorreiter der neuen bündischen Spielart. Es reifte die Idee, die einzelnen Gruppen zu einer „gemeinsamen Marke“ zusammen zu führen und man wollte auf einen engeren Zusammenschluss zugehen.

So kam es vom 9.–10. Juni 1921 zur Tagung in Neudietendorf (Thüringen), bei der sich die einzelnen regionalen Vertreter* der christlichen Pfadfinder* trafen. Es wurde ein gemeinsames Zeichen gewählt: Das Pfadfinderkreuz. Dieses ist bis heute in Gebrauch. Ebenso wurde ein einheitlicher Name beschlossen: Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD). Als gemeinsame inhaltliche Grundlage dienten die „Neudietendorfer Grundsätze“. Sie spiegelten auch den inhaltlichen Wandel wider hin zum Gesinnungspfadfindertum.

Die CPD war damit noch kein eigener, unabhängiger Verband wie wir ihn heute als VCP kennen, er war immer noch ein Arbeitszweig des Reichsverbandes der evangelischen Jungmännerbünde, jedoch nun mit deutschlandweiten, einheitlichen Grundsätzen, Namen und Zeichen. Ein großer Schritt für das evangelische Pfadfinden!