3100 Km in 44 Stunden – Hilfstransport für die Ukraine

Ein Pfadfinder ist aktiv darin, Gutes zu tun, nicht passiv, gut zu sein.

Lord Robert Baden-Powell

So ging es auch den Pfadfinder*innen vom Stamm John F. Kennedy aus Frankenthal… Hier berichten sie über ihre Sachspendensammlung und die Fahrt an die Grenze zur Ukraine:

Lediglich ein paar Stunden Vorbereitung hatte es am Freitagmorgen benötigt, um Kleinbus und Dathenushaus zu organisieren und einen Post für Instagram vorzubereiten. Das Bedürfnis, helfen zu wollen, war schon seit Kriegsbeginn zu spüren, die letzten Abende hatte Leon sich informiert über Hilfstransporte zur Grenze und Kontakt mit dem größten Hilfsnetzwerk Münchens hergestellt, um gezielt Menschen in bereits vermittelnde Unterkünfte zu bringen.

Als eine der ersten Initiativen in Frankenthal, hatten wir dann am Freitagmittag sehr spontan zur Sammlung aufgerufen. Freitag bis 21 Uhr waren bereits ein paar Kisten gefüllt, doch hier konnten wir noch nicht ahnen, welcher Ansturm der Hilfsbereitschaft uns am Samstag ereilte. Im Minutentakt fuhren Autos auf dem Parkplatz vor und brachten uns Pakete, Tüten und teils ganze Kofferraumladungen Spenden. Dank intensiver Recherche, hatten wir um das wirklich Wichtigste gebeten: Konserven, Babynahrung/Windeln, Decken/Isomatten/Schlafsäcke, 1.-Hilfe-Kästen.

Mit bis zu 8 helfenden Pfadis von JFK nahmen wir die Spenden entgegen und sortierten diese in themenbasierte Kartons. Zukleben, beschriften, nächster Karton. So ging das den ganzen Samstag, denn der Spendenfluss hörte nicht auf. Überwältigend waren zudem die vielen netten Worte von Spender*innen.

Diese wertvollen Spenden kamen zusammen:

  • Über 220 Konserven
  • 170 Gaskartuschen, 12 Gaskocher + Gaslampen
  • 13 große Kartons Babynahrung, Windeln, Fläschchen, usw.
  • 46 Isomatten, 37 Schlafsäcke
  • Mindestens 100 Decken
  • 4 große Kartons Hygieneartikel
  • 30 Paar Krücken
  • mindestens 60 Taschenlampen
  • ca. 80 Erste-Hilfe-Kästen
  • 40 Powerbanks
  • 7 Smartphones
  • Tiernahrung
  • Wasser, H-Milch, Schmerzmittel, Coronaschnelltests, Desinfektionsmittel, und so viel mehr

Am Sonntag wurde die Ausbeute in den Kleinbus geladen. Kartons bis unter die Autodecke gestapelt, in jeden Millimeter Zwischenraum wurden Decken und Isomatten gestopft. Dank unseren routinierten Packkünsten von Material für Pfadfinderzeltlager, konnten wir tatsächlich sämtliche Spenden im Kleinbus unterbringen. Lediglich ein paar Isomatten und ca. 50 Decken blieben übrig, welche jedoch von einem anderen Hilfstransport aus Heßheim mitgenommen wurden.

22 Uhr Sonntagabend. Abfahrt in Frankenthal. Wir, Daniel Weitsch (Stammesführer JFK) und Leon Arbeiter (Geschäftsführer JFK), fuhren die ganze Nacht, einer fährt, der andere schläft, nach ein paar Stunden wechseln beim laufenden Motor. Nur eine Stunde Pause zum Frühstücken bei McDonald’s an einer Raststätte hinter Krakau, Montagmorgen gegen 9:30 Uhr. Alle anderen Stopps sind lediglich zum Tanken und Auffüllen der Kaffeebecher.

Abseits der Autobahn führte uns unsere Route mehrere Stunden über abenteuerliche Straßen und Serpentinen durch das ländliche Süd-Ost-Polen. Unheimliche Stille bei Schneefall und -3°C wird nur gelegentlich durch Militärfahrzeuge durchbrochen.

Gegen 15 Uhr in Lodyna angekommen, wurden wir von der Polizei zum Umschlagsplatz gelotst, 8 Km Luftlinie von der ukrainischen Grenze gelegen. Hier warteten zwei Dutzend polnische Soldaten und Helfer, die tatkräftig unseren Kleinbus ausluden und über die ein oder andere Kiste staunten! Die Spenden aus Frankenthal wurden direkt sortiert. Manche Materialien in einem Zelt untergestellt, Frostanfälliges ins Haus gebracht. Dieses wurde „alte Schule“ genannt. Von einem deutschsprachigen Helfer, der in seinem normalen Leben deutsche Autos ankauft und nach Polen bringt, bekamen wir Einblicke in die Organisation und Location: Hier kommen derzeit 300 Geflüchtete unter, wir sahen größtenteils junge Menschen, fast nur Frauen. Jeder freie Platz wurde für Feldbetten genutzt. In einer winzigen Küche wuselten bestimmt 10 Leute umher und bereiteten Heißgetränke und Essen für alle zu. Auch wir stärkten uns hier mit äußerst starkem Kaffee, der uns für die nächsten Stunden wach hielt.

Es türmten sich Babynahrung, Lebensmittel und Decken. Auch unsere Kisten waren bereits darunter. Der grenznahe Ort dient als Umschlagsplatz. Spenden werden mit ständig eintreffenden Kleinbussen in die Ukraine gefahren und Personen von dort hergebracht, welche nach einer Stärkung mit Reisebussen weiter ins Landesinnere von Polen gebracht werden. Auch während dem Ausladen unseres Kleinbusses wurden neben uns zwei Reisebusse mit Geflüchteten besetzt.

In ständiger Absprache mit dem Hilfsnetzwerk GOROD München wurden wir mit unserem nun leeren 9-Sitzer-Bus zu einem nördlich gelegenen Dorf gesendet, namens Mlyny. Nach zwei Stunden Fahrt dort angekommen, konnten wir, lediglich 5 Km entfernt von der ukrainischen Grenze, 7 Personen, darunter drei Kinder (5, 6 und 15 Jahre) aufnehmen, die dort seit mehreren Tagen in einem, zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten Supermarkt der bekannten Kette „Biedronka“, auf eine Mitfahrgelegenheit nach München warteten. Mehrere Tausend Menschen kommen hier unter, nachdem sie sich über die Grenze retteten. Die Mutter Irina übergab uns ihre Kinder und Babuschkas (ältere Frauen / Omas) die alle im Auto sofort einschliefen. Sie selbst wird mit anderen Frauen aus ihrer Gruppe auf anderem Wege nach Deutschland folgen. Vielleicht finden sie noch ein anderes Auto oder werden sich über Züge oder Reisebusse auf einen beschwerlichen und langen Weg begeben. Doch sie weiß, die Kleinsten und Älteren kommen mit uns auf direktem Weg nach München in Sicherheit. GOROD hält Kontakt und wird sich mit ihren vielen Engagierten um die Gruppe kümmern.

Natürlich hinterlassen solche großen Menschenflüsse im ersten Moment einen chaotische Eindruck. Doch ganz Polen ist auf den Beinen, um diese einmalige Situation mit viel Herzblut bravourös zu meistern. In Grenznähe wuseln tausende Sprinter und Kleinlastwagen umher, an Sammelstellen für Geflüchtete koordiniert die Polizei An- und Abreise über zahllose Reisebusse. Es stehen tausende Feldbetten und dutzende Dixis zur Verfügung und niemand der hier ankommt muss hungern. Respekt an Land und Leute.

Gegen 19 Uhr Montagabend starteten wir dann zur Rückreise über Tschechien und Österreich, ins 12 Autostunden entfernte München. Im Morgengrauen angekommen, brachten wir eine Frau zu einer privaten Wohnung, eine andere Dame wurde von ihrer Tochter abgeholt, die bereits seit 20 Jahren in Deutschland lebt. Die drei Kinder mit ihren zwei Omas, wurden in der zentralen Ankunftsstelle (Luisengymnasium nähe HBF) von Maltesern entgegengenommen und erstversorgt.

Mission erfüllt. Wir bleiben erstmal eine halbe Stunde im Kleinbus sitzen, kommen langsam von zwei Tagen hohem Adrenalinspiegel runter, merken jetzt erst, dass wir das letzte mal Montagmorgen etwas gegessen hatten, das ist 22 Stunden her. Langsam wechselt der Körper vom Funktionsmodus zu Erleichterung. Bevor es weiter in die Heimat geht, brauchen wir eine Pause. Wir organisieren eine Dusche im Hotel LIZZ in München (wärmste Empfehlung), bekommen sogar das Frühstücksbuffet angeboten. Doch wir gehen nun lecker bayerisch essen, bevor wir den Heimweg antreten.

Bei gutem Wetter und schöner Musik, fallen wir an einer Raststätte bei Augsburg für zwei Stunden in Tiefschlaf. Ausgestreckt auf den Rückbänken liegen, kam uns in diesem Moment gemütlicher vor, als jede hochwertigste Matratze. Ein Eis und paar Stunden Fahrt später begrüßt uns die Pfalz mit einem wunderschönen Himmelglühen. Es ist tatsächlich geschafft. Doch jegliches Zeitgefühl fehlt. Waren wir wirklich nur zwei Tage unterwegs oder doch Wochen? Doch lange konnte man nicht darüber grübeln, denn der Schlaf holt uns schnell ein.

In Erinnerung bleiben die Fahrt über abenteuerliche Wege, die unheimliche Atmosphäre am grenznahen Gebiet, Emotionen von uns selbst und die von den getroffenen Flüchtenden und Helfenden, sowie die Erfahrung 730 Meter Luftlinie an der ukrainischen Grenze vorbeigefahren zu sein, einem Land im Krieg, mitten in Europa, nur ein paar Stunden Autofahrt entfernt – das wissen wir selbst nun sehr genau.

Wir Pfadfinder*innen John F. Kennedy sind stolz auf die gelungene Aktion, die so spontan umgesetzt wurde und bei der viele unserer Pfadis fleißig mit anpackten. Unser Verein finanzierte Kleinbusmiete, 536,71 Euro für Sprit sowie zusätzlich 160 Gaskartuschen und weitere Einkäufe für Sachspenden. Dennoch wäre diese Aktion ohne die großartige Hilfe von so vielen Menschen nicht umsetzbar gewesen.

Wir bedanken uns herzlich für die große Unterstützung, Sachspenden und netten Worte von zahlreichen Einwohnenden Frankenthals sowie für Nachrichten und Geldspenden von Freunden und Bekannten aus ganz Deutschland und für das riesengroße Interesse an unserer Aktion. Mit einem solchen Ausmaß an Anteilnahme und Sachspenden, hatten wir während der spontanen Planung zur Sammlung in keiner Weise gerechnet. Vielen Dank!

#staywithukraine #NoWarPlease

Bericht & Kontakt
Leon Arbeiter
leon@vcp-jfk.de

Mehr Bilder und zum Stamm JFK http://vcp-jfk.de/2022/sachspendensammlung-fur-die-ukraine/