Advent – Zeit des Wartens oder Zeit des Schlemmens?

von Oliver Mahn

Lebkuchen, Spekulatius, Pfeffernüsse, Schoko-Nikoläuse und all die anderen Leckereien liegen schon seit vielen Wochen verführerisch im Supermarkt. Der Eine oder die Andere von euch haben sicher, so wie ich, schon im November oder sogar schon im Oktober davon genascht. Dabei sind die süßen Sachen doch eigentlich erst für Advent und Weihnachten gedacht. Die Evangelische Kirche in Deutschland versucht seit vielen Jahren mit der Aktion „Advent ist im Dezember“ vom Lebkuchenessen im Spätsommer abzuhalten. Dabei schmeckt so einen kleiner Zimtstern oder Dominostein doch auch schon im September so lecker. Viele Menschen ärgern sich darüber, wenn kurz nach den Sommerferien die ersten Spekulatius und Marzipankartoffeln im Supermarkt stehen. Da bekomme ich fast ein schlechtes Gewissen, wenn ich an der Kasse die Lebkuchen aufs Band lege und die ältere Dame vor mir leicht den Kopf schüttelt. Dabei ist uns allen doch klar, dass Christstollen und Printen eigentlich in den Advent gehörten. Umso überraschender ist, dass das gar nicht stimmt: die Adventszeit ist ursprünglich eine Fastenzeit. Bei all der Schokolade, den Keksen und dem Marzipan kann man das kaum glauben, aber so ist es.

Foto: Peter Diehl

Eine solche Vorbereitungszeit gibt es auch vor Ostern – die Fastenzeit oder Passionszeit. Advent und Passion sind Vorbereitungszeiten und beide haben viel gemeinsam. Vor vielen hundert Jahren war der Advent sogar genauso lang wir die Passionszeit – 40 Tage. In den Gottesdiensten fehlen einige besonders fröhliche Teile, die es sonst immer gibt (z.B. das Halleluja). Wenn wir vor Ostern oder im Advent eine Kirche besuchen, dann fällt uns auf, dass die Kirche in violett und lila geschmückt ist. Es ist die Farbe der Besinnung und der Vorbereitung und sie taucht nur zu diesen Zeiten in der Kirche auf. Es gibt also viele Gemeinsamkeiten zwischen Passion und Advent und dazu gehört auch, dass die Zeit vor Weihnachten, so wie die Zeit vor Ostern eigentlich eine Fastenzeit ist.

Wenn ich faste, verzichte ich bewusst auf etwas, dass ich eigentlich sehr gerne mag. Das können Süßigkeiten, Fleisch oder mein Lieblingsessen sein, aber auch Fernsehen, Autofahren oder Computerspielen. Immer wenn ich dann eigentlich etwas Süßes essen würde, tue ich es nicht und erinnere ich mich daran, warum ich es nicht tut. Ich mache mir bewusst, dass gerade eine besondere Zeit ist, eine Zeit der Vorbereitung.

Die Adventszeit soll eine bewusste Zeit zum Vorbereiten auf Weihnachten sein. Darum ist sie eine Fastenzeit. Bei uns ist diese Tradition verloren gegangen. All die süßen Verführungen im Supermarkt machen es uns ja auch nicht leicht. In vielen christlichen Kirchen auf der Welt wird aber auch heute noch im Advent gefastet. Vielleicht wäre es ja einen Versuch wert, es einmal zu versuchen und der Verführung im Supermarkt zu widerstehen oder die Lebkuchen erst am Heiligen Abend zu essen. Vielleicht schmecken sie dann sogar noch besser.