Buchecke: Wir wollten nichts, wir wollten alles

Wir wollten nichts, wir wollten allesSanne Munk Jensen und Glenn Ringtved, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2015

Um es kurz zu machen: Dieses Buch ist definitiv nichts für schwache Nerven. Es beginnt mit dem Ende: nämlich auf dem Obduktionstisch in einem Leichenschauhaus. Die toten Hauptdarsteller des Dramas: Louise, hübsche und brave Tochter aus gutem Hause. Liam, Sohn eines irischen Einwanderers mit desolater Familie, zwielichtigem Umgang und ständig in Geldproblemen. Die beiden Wasserleichen sind mit Handschellen aneinandergeschlossen. So haben sie mit einem Sprung von der Brücke ihr Leben gemeinsam beendet. Louises Mutter bricht darüber fast zusammen. Der Vater beschließt, selbst die Ermittlungen in die Hand zu nehmen. Die Geschichte ist romantisch, gnadenlos, grauenhaft. Wie sich Louise in Liam verliebt, sich selbst in dieser Leidenschaft findet und genau darin auch wieder verliert und wie die beiden dabei halb blind in die Katastrophe schlittern, dabei immer mal wieder Hoffnung schöpfen, kann man nur atemlos verfolgen. Aber der Wunsch nach schnellem Geld hat Liam in den Abgrund geführt und die aufopferungsvollen Versuche von Louise, ihn um wirklich jeden Preis zu retten sind fast unerträglich zu lesen. Die Fassungslosigkeit der Eltern, ihre Entfremdung und Verzweiflung ist fast ebenso deprimierend wie der Absturz von Louise. Die Geschichte spielt in Dänemark, aber könnte überall passieren.

Dem dänischen Autorenteam ist ein ungewöhnliches und beeindruckendes Buch gelungen. Eine gewisse Komik erlebt man durch die erzählende Rolle der toten Louise, die wie ein Geist über der Szene schwebt und ihrem Vater bei der Aufklärung ihres Todes und vor allem ihres Lebens hilft. Diese Prise Sarkasmus schafft eine Spur Abstand zum Geschehen. Für hartgesottene Leserinnen und Leser ab 16 Jahre.

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