Das Training of Leaders – Mein Fazit

von Benedikt „Benni“ Reusch

Warum dieser Bericht?

Teil unserer Aufgaben als Teilnehmende dieses Kurses ist die Berichterstattung. Ich persönlich wollte hiermit etwas ausführlicher berichten und schreibe diesen Beitrag für den Blog und diverse Landeszeitschriften wie das hesseblättche. Abgesehen von der Aufgabe ist es mir ein Anliegen, über das ToL zu berichten, da das ToL die spannendste und bereicherndste Veranstaltung, die ich seit Jahren besucht habe, war. Obwohl ich mit viel Unsicherheit und gemischten Gefühlen gestartet bin, bin ich seit dem Vorbereitungstreffen auf einer Welle der Euphorie durch das Training gesegelt und surfe auf ihr hoffentlich noch lange weiter. Ich möchte von meinen Erfahrungen und meiner Meinung über die Sachen, die herausragend waren, aber auch über ein paar kritische Stellen berichten. Der Verband sollte wissen, wie das ToL von einem Teilnehmenden gesehen wird und ob es das „wert“ war. Denn das ToL war ein Pilotprojekt, an dem weitergedacht wird und das vielleicht in ähnlicher Form wiederkommt/ wiederkommen kann. Ob das passiert, ist vom Feedback und den Stimmen des letzten Kurses abhängig. Meine Meinung ist nur eine Meinung von vielen und wird sich von anderen Teilnehmendenperspektiven unterscheiden, behaltet das im Hinterkopf, wenn ihr über das ToL und diesen Artikel nachdenkt.

Fakten, Fakten, Fakten.

Das Training of Leaders (ToL) war ein offen ausgeschriebener (Woodbadge-)Kurs des VCP und unserer Partner*innenverbände ZSA (Scouts Association of Zimbabwe) und GGAZ (Girl Guide Association of Zimbabwe). Der Kurs fand vom 27.12.2019 bis zum 05.01.2020 (10 Tage) in Simbabwe statt. Jeder der drei Verbände stellte Teamer*innen und Teilnehmende zu gleichen Teilen, das Training wurde gemeinsam konzipiert und die Kosten für das Training gerecht verteilt. Inhaltliche Schwerpunkte waren die Sustainable Development Goals der United Nations, Leitungskompetenzen und Projektmanagement. Von VCP-Seite haben 15 Personen (10 Frauen, 5 Männer) teilgenommen. Als Teilnehmer*in von deutscher Seite war ein Beitrag von 200€ für das komplette Training inkl. Vor- und Nachbereitungswochenende in der Bundeszentrale (inklusive Reisekosten) zu zahlen, der Rest wurde durch den VCP und durch Fördertöpfe gezahlt.

Wie wars? Viel Tolles … und auch etwas nicht so Tolles

Die Auswahl der Teilnehmenden: Die Reise, die das ToL für mich und für die anderen Teilnehmenden war, hat in dem Moment begonnen, als wir zum ersten Mal davon erfahren haben. Ich persönlich wurde durch Clara, eine der Teamerinnen und Mitglied der Bundesleitung, überzeugt, dass das eine interessante und dufte Sache für mich sein könnte. Im April ging die Ausschreibung über die üblichen VCP-Kanäle raus und man konnte sich bewerben. Ja, bewerben. Es gab 15 Plätze und circa 60 Bewerber*innen. Das ToL-Team nutzte ein mehrstufiges, kriterienbasiertes, blindes Verfahren (die Bewerbungen wurden anonymisiert und von den Teamer*innen einzeln bewertet, dann ein Durchschnitt aus den verschiedenen Bewertungen gebildet) um Cluster zu bilden, wie gut die Bewerber*innen in das Training passen würden (es sollte z.B. auch ein Mix aus erfahrenen Menschen geben und auch aus Menschen, die gerade erst in höhere Leitungsebene ankommen). Es wurde im zweiten Schritt auf eine ausgewogene und zielführende Geschlechter- und Länderverteilung geachtet und am Ende standen 15 Teilnehmende fest. So waren Teilnehmende aus allen VCP-Ländern, außer Nordrhein (weil es von dort keine Bewerbungen gab,) am Ende auf dem ToL vertreten. Die Aufteilung nach Ländern, Erfahrung und Geschlecht finde ich sehr gelungen. Bei jeder Person hatte ich das Gefühl, dass sie hier richtig war. Das liegt sicherlich an der Mühe, die sich das Team bei der Auswahl gegeben hat und war ein großer organisatorischer Pluspunkt.

Der niedrige Teilnehmendenbeitrag: Eines der stärksten Argumente für meine Bewerbung zum ToL im Sommer 2019, war der günstige Teilnehmendenbeitrag von 200€. Viele internationale Veranstaltungen, wie das World Scout Jamboree, das Roverway oder das World Scout Moot sind für Teilnehmende wesentlich teurer und nicht bzw. weniger gefördert. Das wiederum stellt für Geringverdiener*innen eine nennenswerte Hürde dar. Durch Fördertöpfe und Unterstützung des Verbandes konnte der Preis sozialverträglich gestaltet werden, was ein wichtiger Grund für meine Teilnahme war. Internationale Erfahrungen so niedrigschwellig anzubieten finde ich ein tolles Signal von der Bundesebene und macht mich stolz in diesem Verband zu sein.

Das internationale Setting und die internationale Begegnung: Ein Leadership-Training im VCP für Leute, die Leitungspositionen in höheren Verbandsebenen innehaben, ist mehr als nötig. Das Problem hier ist weniger der Bedarf, als die stark engagierten Pfadis dann auch auf so eine Veranstaltung zu kriegen. So ein Training ist aus deren (und auch meiner Perspektive) zwar „nett gemeint“, wird aber nicht ohne Weiteres in den vollen Terminkalender eingetragen. Ein für mich inzwischen nicht mehr ersetzbares Kernelement des Trainings bildete daher die Internationalität. Ein Training, das zugleich Reise in ein fernes Land und internationale Begegnung mit anderen Pfadfinder*innen ist, hat offensichtlich in genau die richtige Kerbe geschlagen, damit sich viele sehr qualifizierte und engagierte Leute bewerben. Die internationale Begegnung mit den Scouts und Guides aus Simbabwe war für mich dabei ehrlich gesagt anfangs eher ein nettes Gimmick. Die Reise nach Simbabwe und die Trainingsinhalte standen im Vordergrund. Nach all der gemeinsamen Zeit und dem Austausch mit den Scouts und Guides, hat sich der Begegnungsaspekt für mich nun allerdings zum wesentlichen Element des ToL gemausert. Die Erfahrungen und Freundschaften werden in meinem Kopf bestehen bleiben, selbst nachdem ich die letzte Domäne des Cynefin-Frameworks und das letzte Prinzip des Agilen Managements vergessen haben werde. Das ToL hat mir nach Jahrzehnten Pfadfinderei endlich die Augen geöffnet, warum es VCPer*innen gibt, die für Internationales Pfadfinden leben. I am hooked!

Die intensive Betreuung durch das Team: Wann immer meine Nerven während des Trainings brach lagen, weil z.B. das Pensum zu hoch war, mir Moskitos zusetzten oder ich mit irgendwas oder irgendwem unzufrieden war, hatten die Teamer*innen ein offenes Ohr, gute Ratschläge und Unterstützung parat. Und das, obwohl Aufwand und Belastung für sie deutlich größer waren als für uns.

Auf dem Vorbereitungs- und auf dem Nachbereitungstreffen gab es ein Personalgespräch mit einer Person aus dem Team, die als Mentor*in fungierte. Thema waren persönliche Lernziele, die wir uns für das Training setzen wollten, eine Einschätzung zur Person, die persönliche Aussprache von Wünschen sowie Erwartungen an das Training und Möglichkeiten zu besprechen, wie das ToL von Teamer*innenseite für uns besonders erfolgreich gestaltet werden kann. Diesen Fokus auf jede einzelne Person, „look at the adult child“, das Gesehen und Wahrgenommen werden, hatte ich so nicht erwartet, war aber enorm wichtig für mich und hat meinen persönlichen Lernprozess wahnsinnig unterstützt.

Die Sessions: Die Einheiten, das Kernstück einer jeden Schulung, waren in vielerlei Hinsicht nennenswert. Viele Sessions waren von Anfang bis Ende in sich schlüssig, komplett durchdacht und wunderbar didaktisiert. Ich habe viele neue Modelle, Konzepte und Gedanken mitgenommen, die ich in meinem weiteren Pfadileben anwenden und weiterentwickeln kann. Und wenn mir Inhalte schon bekannt waren, gab es immer wieder methodische Kniffe der Teamer*innen, die mich überrascht haben und die in meiner eigenen Schulungsarbeit Verwendung finden werden. Wo viel Licht ist, da findet man allerdings auch Schatten. Tolle Sessionkonzepte wurden leider nicht immer gut umgesetzt. Teilweise weil alle Beteiligten etwas zu überarbeitet und/oder zu übermüdet oder einige Teamer*innen des deutsch-simbabwischen Teams zu unerfahren, zu unmotivert oder einfach durch einen sehr anderen pädagogischen Stil geprägt schienen. Ersteres hat mit dem Punkt Workload bzw. dem Zeitplan zu tun und kann in Zukunft verbessert werden. Zweiteres und Drittes kann vielleicht nie wirklich sichergestellt werden in einem ehrenamtlichen Pfadfinder*innenrahmen, in dem Schulungen immer Lernfelder für die Teamer*innen sind und Verbindlichkeit anders funktioniert als in professionellen Settings. Für beide Probleme habe ich Verständnis, ärgerlich und schade ist es für mich trotzdem. Trotzdem habe ich selten eine Schulung erlebt, bei der mich Sessions dermaßen begeistert haben und bei der ich das Handout und die Methodenpläne so sehnlich erwartet habe, wie beim ToL.

Das Commitment des VCP-Teams: Vom ersten Tag des Vorbereitungstreffens bis zum letzten Tag des Nachbereitungstreffens hat mich das Team beeindruckt. Die Größe des Projekts, die Planung, die in jedem Detail sichtbar wurde und die Bereitschaft eben jene wieder über Bord zu werfen, um unser Feedback einzuarbeiten und das Training noch besser für uns zu machen – das alles zeigte das wahnsinnige Engagement des Teams, das teils über eigene Grenzen hinaus ging. Alles, um uns die beste Version des ToL zu liefern und keine faulen Kompromisse zu machen. Solch ein Commitment für ein Projekt habe ich im VCP und anderswo seit geraumer Zeit nicht mehr erlebt und ich bin dankbar dafür, dass das Team sich so sehr für uns eingesetzt hat.

Das zu volle Programm: Schon das Vorbereitungstreffen Ende Oktober war ein Vorgeschmack dafür, was auf dem ToL noch folgen sollte. Das Programm ging jeweils von früh bis spät und die „freie“ Zeit war häufig gleichzeitig für diverse Arbeitsaufträge und gemeinschaftliche Pflichten zu nutzen. Während ich das Tempo auf dem Vorbereitungstreffen noch durchhielt (war ja nur ein Wochenende), gab es während des ToL dann doch irgendwann Ermüdungserscheinungen. Wenn man täglich gefühlt (es gab ja auch Essenspausen) non-stop von 9am bis 9pm Input, Arbeitsaufträge und Reflexion zu bewältigen hat, fährt die Informationsverarbeitung irgendwann runter. Gut geplante und vorbereitete Sessions sind so irgendwann auf übersättigten Boden anstatt auf einen aufnahmebereiten Schwamm gefallen. Weniger wäre hier manchmal mehr gewesen, auch wenn es die Grundproblematik einer jeder Schulung ist, dass man zu viel spannenden Inhalt hat und zu wenig Zeit.

Die Aufteilung in Forms: Während des Trainings war die deutsch-simbabwische Teilnehmendengruppe in 8 deutsch-simbabwisch gemischte Patrols à 4 bis 5 Personen aufgeteilt. Jeweils 4 Patrols bildeten eine feste Form (quasi eine Klasse), mit der man den Großteil seiner Sessions verbrachte. Das bedeutet, dass man einige Simbabwer*innen und VCPer*innen sehr intensiv, eben in den Sessions und mit ihren Gedanken zu Project Management, Communication und Risk Analysis, kennenlernen konnte und andere „nur“ in den Pausen. Die Alternative, die Forms regelmäßig zu mischen, hätte mir besser gefallen.

Das eintönige Essen: Reis mit Bohnen, Reis mit Erdnussbutter, Sadza (eine Art fester Brei aus Maismehl) mit Gemüse und Bohnen, Kohlsalat (mit Sadza oder Reis), Sojaschnetzel (Chunks) und Nudeln waren die warmen Speisen, die sich täglich oder fast-täglich wiederholt haben. Morgens war immer ungetoasteter Toast mit hart gekochten Eiern, Margarine und Marmelade angesagt, manchmal gab es dazu noch Porridge oder mehr Reis mit Erdnussbutter. In den ersten Tagen waren die Speisen neu, interessant und lecker, aber mit zunehmender Wiederholung und fehlender Abwechslung verloren die Mahlzeiten ihre regenerative Kraft in einer kraftzehrenden Zeit.

Die Verwehrung des Woodbadges für Teamer*innen: Das ToL war für die Teilnehmenden ein Woodbadge-Training. Das Woodbadge-Framework ist ein offizieller, weltweit geltender WOSM-Schulungsrahmen, der Menschen zu Pfadfinderleiter*innen ausbildet. Dazu gehört unter anderem ein Projekt, dass man im Rahmen des Woodbadge-Trainings realisieren muss. Für unser Projekt haben wir vor Ort eine Session in unserem Patrol vorbereitet und durchgeführt, während des Trainings und im Nachhinein haben wir Sessions des ToL evaluiert und überarbeitet und sollten noch über das ToL Bericht erstatten. Dafür bekamen wir beim Nachbereitungstreffen das Woodbadge verliehen. Zwei unserer deutschen Teamer*innen haben das Woodbadge selbst und dürfen damit z.B. auch unser Woodbadge-Training anleiten. Die vier andere deutschen Teamer*innen führen mit uns zwar das Woodbadge-Training durch schulen uns in den Inhalten und haben mit dem ToL ein ziemlich großes Projekt vorgelegt, bekommen dafür allerdings nicht das Woodbadge verliehen. Die Bundesleitung hatte das letztes Jahr so entschieden. Leider kann ich diese Entscheidung vor dem Hintergrund, wofür wir selbst das Woodbadge bekommen und was unsere Teamer*innen geleistet haben, nicht teilen und fühle mich schlecht angesichts dieser unfairen Behandlung. Wenn eine Gruppe für dieses Training das Woodbadge verdient hätte, dann meiner Meinung nach viel eher unsere Teamer*innen und nicht wir als Teilnehmer*innen.

Mein Fazit

Ich hatte eine wahnsinnig tolle Zeit auf dem ToL. Die positiven Seiten überwiegen für mich persönlich bei weitem die negativen, die sich eher wie kleine Unannehmlichkeiten anfühlen, aber in keiner Weise das Training bestimmt haben. Ich habe das Gefühl eine Menge mitgenommen zu haben und gewachsen zu sein. Das ist tatsächlich etwas, das ich so nicht erwartet hatte. Ich hatte nicht geglaubt, dass mich eine VCP-Schulung nochmal so einfängt, herausfordert und mir so viele neue Ideen und Perspektiven für mein weiteres Engagement im Verband und für mein persönliches Leben gibt. Und dass ich plötzlich Freundschaften nach Simbabwe pflege und versuche eine internationale Begegnung in naher Zukunft möglich zu machen. Zuletzt hat der Schulungsmotivationsboost mich wieder voll erwischt, obwohl ich dachte ich bin vielleicht eigentlich zu alt dafür. Ich hab enorm Bock darauf in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren Sachen zu wuppen! Und dafür bin ich unglaublich dankbar.

Abgesehen von meinen persönlichen Erfahrungen auf dem Training, glaube ich inzwischen, dass das ToL eine gute Investition für den Verband sein kann. Ja, das ToL kostet den Verband mehr als andere Schulungen. Ja, beim ToL werden einige wenige intensiv gefördert. Und ja, das ToL hat keine gute Umweltbilanz im VCP-Schulungskontext. Und trotzdem sind die Effekte, die ich bei mir, bei anderen und bei uns als Gruppe beobachtet habe so groß, dass ich glaube, dass diese Investition eine richtige Entscheidung für den VCP war und weiterhin sein wird. Landesleitungen, Bundesleitungsmitglieder, Landes- und Bundeslagerleitungen, Schulungsleitungen etc. in unserem Verband intensiv zu schulen und zu fördern wirkt sich in die Breite aus. Gute Leitung, motivierte Leitung umzusetzen lohnt sich für mehr als die 15 Teilnehmenden des Trainings. Ich bin gespannt darauf, wie das Echo im Verband ist und ob eine zweite Durchführung in der Bundesleitung in Zukunft positiv bewertet wird. Meine Meinung dazu steht fest.

TOL was is denn das?