„Die erste Auswilderung werde ich nie vergessen …“

von Andreas Witt

Tierkinder sind die heimlichen Stars in unseren Zoos – denn sie sind ja „so süß“. Auch kleine Seehunde sehen mit ihren großen Kulleraugen sehr niedlich aus. Doch: Seehunde sind Raubtiere, Wildtiere – und keine Haustiere. Werden kleine Seehunde von ihrer Mutter getrennt, nennt man sie „Heuler“. In der Seehundstation Friedrichskoog werden „Heuler“ großgezogen, um sie anschließend wieder im Meer auszuwildern. Die Seehundstation Friedrichskoog liegt an der Elbmündung in Schleswig-Holstein. Die anp hat Charlotte Glaser (18) und Marius Keck (19), die im Rahmen eines FÖJ bzw. des Bundesfreiwilligendienstes hier arbeiten, interviewt!

anp: Was sind „Heuler“?

Charlotte: Heuler sind Jungtiere, die während der Säugezeit von ihrer Mutter getrennt wurden; deswegen nehmen sie den Nährstoff- und Fettgehalt der Muttermilch nicht auf. Heuler sind in der Natur alleine kaum überlebensfähig.

anp: Heulen denn die „Heuler“?

Charlotte: Ja, das „Heulen“ ist der Kontaktlaut zur Mutter. Es klingt so ähnlich wie ein Heulen.

Marius: Das „Heulen“ ist der Suchton, um die Mutter zu rufen. Wenn die Mutter nicht kommt, „heulen“ sie umso lauter. Wegen dieses weinerlichen Suchtons werden sie Heuler genannt.

anp: Sucht denn die Mutter nicht nach ihren kleinen „Heuler“?

Marius: Grundsätzlich sucht sie diesen schon, aber das Wattenmeer und die Küste ist ja bekanntlich relativ groß. Das Jungtier hat den Instinkt, dass es an Land bzw. auf Sandbänken gesäugt wird. Dementsprechend schwimmt es bei einer Trennung im Meer weiter an Land, wodurch es dem Muttertier fast unmöglich ist, das Jungtier zu finden. Das Muttertier weiß ja nicht, wohin ihr Jungtier weitergeschwommen ist. Daher ist es sehr unwahrscheinlich, dass beide sich wiederfinden,

anp: Wie bzw. warum werden kleine Seehunde von Ihrer Mutter getrennt?

Charlotte: Das kann natürliche oder menschengemachte Gründe haben: Natürliche Gründe wären zum Beispiel irgendwelche Sommerstürme: Das Muttertier schwimmt voraus und das Jungtier kommt nicht hinterher, weil die Wellen zu hoch sind. Genauso kommt es vor, dass das Muttertier verstirbt oder erkrankt, oder auch, dass das Muttertier das Junge nicht annimmt, weil es vielleicht die erste Geburt war.

Menschengemachte Gründe sind zum Beispiel, wenn Touristen oder Wattwanderer zu nah an den Sandbänken vorbeilaufen: Seehunde sind Fluchttiere – und dann lässt das Muttertier das Jungtier zurück. Das kann auch passieren, wenn Schiffe zu nah an den Sandbänken vorbeifahren.

anp: Was passiert denn, wenn ein „Heuler“ gefunden wird und zu Euch in die Seehundstation kommt?

Marius: Grundsätzlich werden die Tiere dann erst einmal untersucht: Sie werden bei der Eingangsuntersuchung von Kopf bis Hinterflosse durchgecheckt: Wie lang sie sind? Wie dick sie sind? Welche Zahnlängen haben sie? Dann wird nach äußerlichen Verletzungen geguckt und nach äußeren Anzeichen von Krankheiten. Wenn sie durchgecheckt sind, kommen sie zu uns in die Quarantäne. Das sind Becken, die vom Besucherbereich getrennt sind. Hier sollen die Tiere erst einmal ankommen und runterkommen. Mögliche Krankheiten oder Verletzungen werden hier erst einmal auskuriert, bevor sie dann in den Aufzuchtsbereich kommen, der von den Besuchern einsehbar ist. Hier treffen sie andere Robben und durchleben die Schritte der Aufzucht.

anp: Kleine Seehunde sehen ja sehr niedlich aus. Entwickelt man eine persönliche Beziehung zu den Tieren, wie zu einem Haustier?

Charlotte: Genau dies versuchen wir zu vermeiden, damit sie sich nicht an den Menschen gewöhnen. Denn das Ziel unserer Arbeit ist ja die Auswilderung. Seehunde sind Wildtiere – und keine Haus oder Kuscheltiere! Seehunde sind nicht zu unterschätzen, deshalb halten wir möglichst Abstand – von der Eingangsuntersuchung bis zu Auswilderung.

anp: Aber wenn so ein kleiner Seehund einen mit seinen großen Augen anschaut …

Charlotte: … wird man schnell eines Besseren belehrt! Denn Seehunde können beißen – und das tun sie auch!

anp: Was müssen die Seehunde hier bei Euch lernen, bevor sie ausgewildert werden können, damit sie in der Natur überleben können?

Marius: Sie müssen lernen, was überhaupt Fisch ist: Sie bekommen ja nicht von Anfang an ganzen Fisch zu fressen, sondern zunächst eine Emulsion, die aus Lachsbrei besteht. Danach müssen sie lernen, was Fisch ist und wie man diesen richtig abschluckt, d.h. mit der Schuppenrichtung, damit sich der Fisch nicht in der Speiseröhre verhakt. Anschließend müssen sie lernen, dass der Fisch einem nicht nur vom Menschen ins Maul gesteckt wird, sondern dass man den Fisch jagen muss. Erst wenn die Seehunde dies erlernt haben, können sie ausgewildert werden.

anp: Wart Ihr schon einmal dabei, wenn Seehunde wieder ausgewildert wurden?

Marius: Ja, wir fahren dann in ein naheliegendes Naturschutzgebiet und lassen sie dort aus den Transportboxen rausrobben. Das ist ein Gefühl der Bestätigung, dass die Arbeit funktioniert hat und die Tiere wieder so leben können, wie es von der Natur vorbestimmt ist.

Charlotte: Das ist der wichtigste Moment für die Tiere, wenn sie wieder raus in die Freiheit können.

anp: Wie soll man sich verhalten, wenn man so einen kleinen „Heuler“ am Strand sieht?

Marius: Grundsätzlich ist es wichtig, Abstand zu den Tieren zu halten. Wir empfehlen mindestens 300-500 Meter. Wenn man den Sichtkontakt zu dem Tier verliert, ist der Abstand gut. Hunde sollen angeleint werden, weil Hunde neugierig sind und auf das Tier zugehen können. Danach sollte man auch andere Menschen am Strand darauf aufmerksam machen, ebenfalls Abstand zu halten. Anschließend sollte man uns als Seehundstation oder die Polizei verständigen. Dann wird überprüft, ob das Jungtier wirklich Hilfe braucht – oder ob es nur von der Mutter abgelegt wurde.

anp: Wie steht es um den Lebensraum der Seehunde? Ist dieser Lebensraum bedroht?

Charlotte: Die Wasserqualität in der Nordsee ist in den letzten Jahren tendenziell besser geworden. Aber es gibt Gefahren durch viel Plastikmüll – Mikroplastik oder größeren Plastikmüll. Dieser schwimmt im Meer herum und kann mit Fisch verwechselt werden. Plastik im Magen von Tieren richtet nie Gutes an. Darum die Bitte, seinen Müll vom Strand wieder mitzunehmen und, wenn man Müll sieht, diesen aufzuheben! Seehunde stehen am Ende der Nahrungskette und durch die Konzentration der Schadstoffe ist die Gefahr für Seehunde am höchsten.

Marius: Wenn wir am Strand sind, sind wir im Wohnzimmer der Tiere. Wir sollten unseren Müll – und auch anderen Müll wie z.B. alte Fischernetze – mitnehmen und ausreichend Abstand zu den Tieren halten!

anp: Worin liegt Eure Motivation, Euch als FÖJlerin bzw. BUFDI für den Schutz der Seehunde zu engagieren? Was hat Euch dazu veranlasst, Euch bei der Seehundstation zu bewerben – denn Ihr kommt ja beide nicht von hier von der Küste.

Charlotte: Ich habe mich – bevor ich hierher kam – sehr viel mit Naturschatz und Umweltschutz beschäftigt. Ich bin mit Tieren aufgewachsen. Das ist hier eine perfekte Kombination, zudem noch eine praktische Arbeit. Es ist schön zu wissen, wie die Praxis aussieht, bevor man sich im Studium in die ganze Theorie stürzt. Auch als Orientierung für eine spätere berufliche Laufbahn ist das Arbeiten hier sehr cool, weil man sehr viel Input bekommt, was man später alles machen könnte.

Marius: Ich kann mich Charlotte in den meisten Punkten anschließen. Was ich für mich noch ergänzen möchte, ist: Ich bin selbst Taucher. Ich habe schon zerstörte Riffe, Plastikmüll und durch Plastik oder Fischernetze verendete Tiere gesehen. Ich sehe hier für mich die Möglichkeit, mich aktiv am Tierschutz, Umweltschutz und Schutz der Meere zu beteiligen und den Tieren, die hier aufgenommen werden, ein Leben in freier Wildbahn zurückzugeben, so dass sie gut leben können. Ich will so der Unterwasserwelt, die man als Taucher sieht, etwas zurückgeben.

anp: Wie sieht denn Euer Tagesablauf hier in der Seehundstation aus?

Marius: Eigentlich sind unsere Aufgaben weitgefächert. Wir unterstützen im Besucherbereich: d.h. wir machen Führungen, kommentieren Fütterungen und sind einfach als Ansprechpartner da.

Im Bereich der Tierpflege unterstützen wir ebenfalls: Wir untersuchen die Tiere, wir füttern die Tiere und sind tätig in der Vor- und Nachbereitung des Futters. Logischerweise gehört auch das Putzen dazu, weil die Hygiene hier sehr wichtig ist. Wir sind eine Art Allrounder hier in der Station und können fast überall eingesetzt werden.

anp: Was sind Eure Lieblingstätigkeiten?

Charlotte: Bei mir ist dies definitiv die Arbeit mit den Tieren, sei es das Füttern oder das Untersuchen. Das mache ich schon sehr, sehr gerne. Aber auch im Besucherbereich kann die Arbeit viel Spaß machen. Denn manchmal kommen da sehr spannende Fragen von interessierten Menschen.

anp: Was war denn die interessanteste Frage, die Euch gestellt wurde?

Charlotte: Also ein Kind hat mich einmal gefragt, warum Robben Robben heißen – aber das konnte ich nicht so richtig beantworten.

Marius: Einmal kam ein Kind an und fragte, warum die Tiere denn nur Fisch bekommen, und ob wir für die Tiere nicht auch mal Bolognese kochen könnten. Denn es wäre doch langweilig, immer nur Fisch zu fressen.

Die spannendsten Fragen sind die Fragen von Kindern, weil man auf diese Fragen selbst gar nicht kommen würde. Diese Fragen sind auch die lustigsten.

anp: Gab es ein besonders prägendes Ereignis oder Erlebnis bei Eurer Tätigkeit hier?

Marius: Manche Besucher bleiben einem im Gedächtnis, weil man mit diesen lange spricht und sehr intensive Gespräche führt. Wenn ich merke, dass die Besucher sehr interessiert daran sind, was wir hier machen, unterhalte ich mich manchmal zwanzig bis dreißig Minuten. Das bleibt im Gedächtnis!

Charlotte: Die erste Auswilderung werde ich nicht vergessen, weil dies das Ziel ist, auf das wir hinarbeiten. Aber auch, dass wir den Tieren so nah sein können, ist sehr prägend.

anp: Ihr kommt beide nicht von der Küste. Es gibt viele Menschen, die ans Meer fahren, um hier Urlaub zu machen und sich zu erholen. Ihr arbeitet jetzt hier, wo andere Leute Urlaub machen: Wie fühlt sich dies an?

Charlotte: Wir haben hier ja nicht direkt das Meer vor der Nase. Wenn wir mal nach Friedrichskoog-Spitze an den Strand fahren, dann ist das in unserer Freizeit. Ich meine, eigentlich ist es Luxus pur, dort zu leben und zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. Denn es ist ja wunderschön hier.

Marius: Ich kannte die Gegend hier vorher eigentlich nur aus dem Urlaub. Als ich dann hier angekommen bin und mir klar wurde, dass ich jetzt ein Jahr hier bin und hier arbeite, habe ich mich gefreut. Es ist ein ungewohntes Gefühl. Vielleicht wird es irgendwann zur Normalität, dass man hier lebt, wo andere Leute Urlaub machen.

anp: Wie lange seid Ihr denn jetzt schon hier?

Charlotte: Ich bin noch nicht ganz zwei Monate hier.

Marius: Ich bin jetzt knapp dreieinhalb Wochen hier.

anp: Dann habt Ihr beide nach noch ein knappes Jahr hier vor Euch. Ich wünsche Euch weiterhin viel Spaß und Erfolg bei Eurer Arbeit. Vielen Dank, dass Ihr Euch Zeit genommen habt für dieses Interview!

Unter folgenden Links gibt es weitere Informationen über die Arbeit der Seehundstation Friedrichskoog und die Möglichkeiten, hier ein FÖJ, den BFD oder ein Praktikum zu absolvieren:

Allgemein:

https://www.seehundstation-friedrichskoog.de/

Aufzucht:

https://www.seehundstation-friedrichskoog.de/aufzucht/

FÖJ/BFD/Praktikum:

https://www.seehundstation-friedrichskoog.de/jobs-mitarbeit/

Bildungsangebote und Wissen:

https://www.seehundstation-friedrichskoog.de/bildung/

Patenschaft:

https://www.seehundstation-friedrichskoog.de/spenden/

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Grafik: Jascha Buder