#doppelmoral – Wie cool ist Pfadfinden zwischen F4F und WSJ?

von Lena Simosek und Sören Bröcker

Versucht, die Welt ein bisschen besser zurückzulassen, als ihr sie vorgefunden habt.“ So wird unser Gründer Robert Baden-Powell gerne zitiert. Diese Aussage motiviert uns alle tagtäglich im Einsatz für eine bessere Welt. Doch wo hört dieser Einsatz bei uns auf und fängt eine Doppelmoral an? Oder muss ich gar nicht überall 100-prozentig dabei sein?

Internationale Jugendbegegnungen sind super wichtig: Die Teilnehmenden stärken ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstständigkeit, werden offener gegenüber Neuem und Ungewohntem, reflektieren sich selbst, erlangen soziale und interkulturelle Kompetenzen.

Im vergangenen Sommer waren 1400 Pfadfinder*innen aus Deutschland auf dem World Scout Jamboree (WSJ), dem Weltpfadfinder*innentreffen, welches dieses Mal in Nordamerika stattgefunden hat. Es gibt einige Kritik an dem alle vier Jahre stattfindenden, festivalähnlichen Großlager und trotzdem scheint es gleichzeitig das Ereignis zu sein, das in keinem PfadiLebenslauf fehlen darf.

Werfen wir einen Blick auf das diesjährige World Scout Jamboree in den USA. Neben der Kritik, die diese Veranstaltungen immer trifft (es ist sehr teuer), kam in diesem Jahr noch hinzu, dass sich die politische Ausrichtung im Gastgeberland nicht mit unseren moralischen Vorstellungen vereinen lässt. Ein Präsident ist an der Macht, der nicht nur aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen ist, sondern auch sonst eine Einwanderungs- und Diskriminierungspolitik unterstützt, die schon auf der VCP-Bundesversammlung 2017 mit Sorge zur Kenntnis genommen wurde. Ist die Teilnahme am World Scout Jamboree angesichts dieser Umstände also moralisch noch vertretbar oder akzeptieren wir hier die Doppelmoral im Sinne des „once in a lifetime event“?

Doch nicht nur das diesjährige Gastgeberland ist Auslöser für Fragen.

In Deutschland, Europa und der ganzen Welt gehen Jugendliche jeden Freitag auf die Straßen und protestieren für besseren Klimaschutz. Am 20. September waren in Deutschland sogar über 1,4 Millionen Menschen für den Klimaschutz auf der Straße. Auch viele Pfadfinder*innen nahmen an den Demonstrationen teil oder organisierten gar diese Aktionen. Und das während über 45.000 Pfadfinder*innen aus aller Welt nach West Virginia fliegen. Was erwartet sie da? Ok, cool: Der Weltpfadfinder*innen-Verband WOSM hat sich der Agenda 2030 der Vereinten Nationen angenommen und das inhaltliche Programm findet zu den 17 Nachhaltigkeitszielen statt. Im „Sustainability Pledge“ des WSJ in Nordamerika steht „I will always keep in mind the principles of ‚reduce, reuse, and recycle[2].“ Aber was soll das mit den Plastikzelten, dem riesigen Feuerwerk zur Verabschiedung? Die transkontinentalen Flüge, der Aufenthalt auf dem Summit Bechtel Reserve in West Virginia und die Vor- und Nachtour haben doch einen erheblichen Einfluss auf unseren CO2-Fußabdruck und damit auf unsere Umwelt und unser Klima[1].

Wie wurde das von den Teilnehmenden aufgenommen? Gab es eine Positionierung des deutschen Kontingents? In den Diskussionen zu diesem Thema wurde im Netz immer von dem einmaligen, dem „once in a lifetime“ Erlebnis geschrieben. Ja, man kann nur einmal im Leben als Teilnehmer*in auf das Jamboree fahren. Aber rechtfertigt das alles?

Internationale Begegnungen sind und bleiben Teil der internationalen Jugendbewegung, deren Teil wir sind. Gerade dafür gibt es auch Jamborees, nämlich, dass sich junge Menschen gemeinsam für eine bessere Welt einsetzen. Gerade auch mit den internationalen Pfadfinder*innenveranstaltungen können wir darauf aufmerksam machen, was uns wichtig ist! Let’s make our voice count! Gerade wir Pfadfinder*innen, die den Wandel fokussieren, sollten versuchen, hier unsere Doppelmoral zwischen F4F und WSJ energisch zu bekämpfen um glaubwürdig zu bleiben! Denn wir alle wollen doch die Welt eines Tages ein wenig besser hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben – in vielerlei Hinsicht, denn das ist unser „once in a lifetime event“!

Pfadfinden ist so vielfältig – es gibt viel mehr, als nur das Jamboree in seiner jetzigen Form.

Fussnoten

Wie steht ihr zum Jamboree? Schreibt uns an anp@vcp.de

 

Eine Leserbrief zum Artikel von Jakob:

Leserbrief zum Artikel: #doppelmoral – Wie cool ist Pfadfinden zwischen F4F und WSJ?

24. World Scout Jamboree 2019 in West Virginia