Ein Sommermärchen für Russland?

von Mona Tarrey

Hätte ich meine Gruppenkinder in Sankt Petersburg vor einigen Wochen gefragt, was für sie ein „Sommermärchen“ bedeutet, sie hätten bestimmt tolle Antworten gefunden. Aber ich bin mir sicher, dass „Fußballweltmeisterschaft“ nicht dabei gewesen wäre. Monatlich trafen wir uns zur Gruppenstunde, haben viel zusammen gelacht und geredet – nur ein Thema kam nie zur Sprache: Fußball! Und das, obwohl doch dieses Jahr die Weltmeisterschaft in Russland ausgetragen wird. Euphorische Stimmung, glückliche Menschen, fröhliche Spiele? Bis zum Tag des Eröffnungsspiels eher ein deprimierendes Thema.

Jeder 6. Russe verdient im Monat weniger, als ein Ticket für die Weltmeisterschaft kostet. Für den Bau neuer Stadien werden Millionen ausgegeben, während die Rente vieler älterer Menschen nicht zum täglichen Leben reicht. Sieben der insgesamt elf Spielstätten wurden extra für die Weltmeisterschaft gebaut. Und bereits sieben beantragten staatliche Gelder, um die Stadien auch in Zukunft betreiben zu können. In sechs Austragungsorten gibt es nicht einmal einen Verein in der ersten Liga und auch dort wo es ihn gibt, geht doch nur ein kleiner Teil der Bevölkerung regelmäßig hin. Mit der Weltmeisterschaft kam neue Infrastruktur, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Fans, abgeschnitten von den Wünschen der Einheimischen. Junge Aktivisten in Sankt Petersburg überlegten die Stadt zu verlassen und entschlossen sich dann doch zum Bleiben. Man konnte zusehen, wie sich Russland veränderte – alles nur eine Fassade? Jede*r wusste, dass die Weltmeisterschaft kommt, keine*r wusste wie es wird und plötzlich war sie da.

Bunte Fahnen, singende Fans und strahlender Sonnenschein – die ersten Spieltage wirkten in Sankt Petersburg tatsächlich wie ein Märchen. Plötzlich durfte man offen auf der Straße Bier trinken und konnte sogar die Polizei nach dem Weg fragen. Plötzlich wurde man von Kontrolleur*innen im Bus angelächelt und der Kassierer im Supermarkt wünschte einem auf Englisch einen schönen Tag. Plötzlich schien aller Ärger vergessen und fast jede*r meiner Freund*innen wagte mal einen neugierigen Blick auf die Fan-Meile. Mit jedem Spiel zog der Fußball mehr Menschen in seinen Bann. Mit jedem Tor wuchs die Begeisterung der internationalen Fans für Russland und die der Russinnen*Russen für die internationalen Fans. Fußball Weltmeisterschaft 2018: Ein Anstoß für Veränderung? Politik hin oder her, Russland war und ist ein tolles Land. Es bleibt zu hoffen, dass mit dem letzten Abpfiff nicht wieder alles in sich zusammen fällt. Dass die Menschen gemeinsam einen Teil dieser schönen neuen (Fußball-)Welt erhalten können und diese vielleicht eines Tages glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende miteinander teilen.