Eine unentlich lange Reise

Sie sind eigentlich warme und schaumige Gewässer gewohnt. Sie schwimmen gerne in Anwesenheit ihres Kapitäns in der Badewanne – aber es hatte sie richtig kalt erwischt. Die Rede ist von Tausenden gelben Entchen, grünen Fröschen, blauen Schildkröten und roten Bibern.

Was war passiert? Im Winter 1992 war das unter griechischer Flagge fahrende Frachtschiff „Tokio Express“ unterwegs von Hongkong nach Tacona, einer großen Hafenstadt an der Westküste der USA. In Höhe der Datumsgrenze geriet es am 10. Januar 1992 in einem schweren Sturm, der über den Nordpazifik tobte. Der Seegang war so heftig, dass das Schiff einen Teil seiner Ladung verlor, unter anderem die 29.000 Badewannentiere. Gemeinsam platschten sie ins eisig kalte Wasser und waren fortan ihrem Schicksal überlassen. Doch verglichen mit anderen Schiffbrüchigen ging es den Tierchen gut. Sie können hervorragend schwimmen, brauchen kein Futter und folgen geduldig den Meeresströmungen.

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Nach nur acht Monaten wurden die ersten Gummientchen an den Stränden von Alaska angespült. Nicht nur die Öffentlichkeit interessierte sich plötzlich für das „Friendly Floatees“ das freundliche Treibgut, sondern auch der Meeresforscher Curtis Ebbemeyer. Er fand zunächst heraus, die die meisten Entchen erst mal einige Ehrenrunden auf den großen Ringströmen des Pazifiks drehen. Ein Umlauf dauert immerhin zwischen zwei und drei Jahren. Und hier werden noch viele gelbe Schiffbrüchige vermutet. Doch im Gegensatz zum Müll, der mittlerweile zahlreich in den Weltmeeren schwimmt, können die Badetiere mit der Kraft des Windes den tückischen Strömungen entkommen. So ging es für eine große Gruppe der gelben Entchen nach Süden. Ihre Reise endete an den Stränden von Indonesien und Queensland in Australien, aber auch von Chile.

Andere Entchen reisten nach Norden. 1995 passierten sie die eisigen Gewässer der Beringstraße zwischen Russland und Alaska. Im Jahr 2000 schwammen sie entlang der Ostküste Grönlands in Richtung Atlantik. Nur drei Jahre später wurden sie – von der Sonne gebleicht und von vielen Meerestieren angeknabbert – an den Stränden von Maine und Massachusetts an der Ostküste der USA gesichtet. Im August 2007 – mehr als 15 Jahre Odyssee erreichte einige Entchen den Strand der englischen Grafschaft Devon, nicht weit vom Bristol-Kanal. Die un-entliche Geschichte hat kreative Köpfe nicht nur zu einem Theaterstück und zwei Kinderbüchern inspiriert, sondern auch die holländische Künstlerin Marga Houtman: Sie hat eine große schwimmende Entenskulptur geschaffen, die „Mother Duck“, die nun am Strand von Cornwall die weitgereisten Entchen wartet.