Flutkatastrophe Ahrtal – Pfadis wirken

Von der Flutkatastrophe im Ahrtal im Juli letztes Jahr haben die meisten von uns zuletzt wohl in den verschiedenen Jahresrückblicken gehört. Zeitlich etwas verspätet berichten Ranger*Rover des Bezirks Homburg aus Niedersachsen. Wir dürfen die weiter bestehende Notsituation der betroffenen Bewohner entlang der Ahr nicht vergessen.

Rückblick auf Mi. den 14. Juli 2021: An diesem Tag steigt der sonst so beschauliche Fluss Ahr von seinem üblichen Pegelstand von unter einem Meter innerhalb von 9 Stunden auf die unvorstellbare Höhe von über 7 Meter an (in Altenahr). Trotz der Warnungen im Vorhinein hat keiner der Anwohner*innen die in kurzer Zeit gefallene große Niederschlagsmenge für möglich gehalten.

Pfa(n)dfinden im Hochwasser-Krisengebiet Ahrtal

Nach einer Reflexion der damals herrschenden Situation und Analyse der Möglichkeiten, wie man als Pfadfinder*innen sinnvoll helfen kann, wurde die folgende Idee entwickelt: Die massenweise im Gebiet verstreuten Pfandflaschen sammeln und den Pfandbetrag für ein konkretes Wiederaufbauprojekt spenden. Mit der Säuberungsaktion der Umwelt, wird anschließend noch etwas Gutes getan.

Im Austausch mit weiteren potenziellen Helfenden und Unterstützern für dieses Vorhaben stellte sich heraus, dass die Idee auf Zustimmung stößt. Nach ca. zehn Tagen und einigen Telefonaten mit Behörden, Helfer-Netzwerken und Sponsoren machte sich eine Gruppe von insgesamt sieben Helfenden aus Südniedersachsen auf ins Krisengebiet.

Am Wochenende vom 06. bis 08. Aug. sollten in Dernau und Umgebung fleißig Pfandflaschen für einen guten Zweck gesammelt werden. Damit an den zwei Tagen Sa. und So. die Tatkraft des Teams voll und ganz genutzt werden kann, machten sich zwei Helfer bereits am Do. auf ins Ahrtal. Mit der Jurte, BigBags, ausreichend Handschuhen und vielen Sammeltaschen im Gepäck wurden die ca. 400 km Entfernung gen Westen bestritten. Unser Zelt schlugen wir in einem Helfercamp oberhalb des Dorfes Marienthal auf. Um eine eigene Verpflegung brauchten wir uns glücklicherweise nicht kümmern. An vielen Ecken im und um das Krisengebiet gab es Helferverpflegungen.
Nach dem Zeltaufbau am Do. Abend begannen wir am Fr. nach dem Frühstück mit der Sondierung der Lage. Fragen wie: Wo lagen die meisten Pfandflaschen? Hatte sich an der überall präsenten Menge an Pfandflaschen etwas geändert? Gab es inzwischen doch schon Sammelstellen? Wo lohnt es sich im kleinen Zweierteam das Sammeln zu starten? beschäftigen uns. Nachdem wir einen ersten Überblick gewinnen konnten, machten wir uns an die Arbeit. Am Vorhandensein von teils sehr stark verdreckten und verschlammten Pfandflaschen hatte sich nicht viel verändert. Das Aufkommen war sehr groß. Nachvollziehbar ist, dass betroffene Anwohner, Einsatzkräfte und Helfende im Zeitraum seit des Auftretens der Flutwelle andere Aufgaben priorisiert haben. So konnten wir voller Tatendrang unsere Aufgabe angehen.

Folgende Sammel- und Sortier-Strategie etablierte sich im Laufe der Arbeit: Zunächst sammelten wir alle Flaschentypen, die uns in die Hände fielen in stabilen Plastik-Umhängetaschen. Diese leerten wir in die 1 qm fassenden BigBags im Bus. Waren diese gefüllt, fuhren wir zu unserem Helfercamp und sortierten die Flaschen. Wir separierten in Altglas, Müll (teilweise Pfandflaschen aus dem Ausland), PET-Einweg und -Mehrweg sowie Glasflaschen. Als letzter Schritt brachten wir die haushaltsunübliche Menge zu den vorher kontaktierten Pfandrückgabestellen.

Die erste Einnahme aus der Pfandrückgabe generierten wir bereits am Fr. Abend beim Aldi in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Der Rückgabeautomat dort musste bei unserem Aufkommen seine ganze Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen. Zum Glück stand uns einen Automat der neuesten Generation (Zitat des Aldi Mitarbeiters) zur Verfügung. Dieser erkannte die teils stark eingedrückten und verschmutzten PET-Flaschen ohne große Zwischenfälle. Zwei Einschränkungen gab es dann doch: Zum Einen wird automatisch ein Pfandbon gedruckt, wenn man den Automaten über eine Dauer von zehn Sekunden nicht mit einem neuen Objekt bestückt. Zum Anderen, wenn ein Pfandwert von 25 € erreicht wurde. So hatten wir bereits bei unserer ersten Rückgabe fünfzehn Pfandbons an der Marktkasse einzulösen. Leider musste die Bestückung des Pfandautomaten auch von einer Person alleine durchgeführt werden, denn unglücklicherweise hatte sich auf den bisherigen Fahrten im Krisengebiet ein spitzer Gegenstand in den linken Vorderreifen unseres Busses gebohrt. Ein platter Reifen gehört hier zum Tagesgeschäft. Deshalb sind auch mobile Reifenservices im Einsatz. Einer von ihnen konnte zum Glück unseren Reifen ohne großen Aufwand flicken.

Nach diesem Zwischenfall und dem verspäteten Abendessen stießen die fünf weiteren Helfer zu uns. In der Dämmerung ließen wir den Tag zusammen mit anderen Helfenden am Lagerfeuer ausklingen. Für Aufsehen sorgte scheinbar unser ungewöhnliches Zelt. Wir zelten schwarz!

Sa. Morgen teilten wir uns nach dem üppigen Frühstück in zwei Sammel Teams auf. Gut zu erkennen an unseren bedruckten Warnwesten verfolgten wir die beschriebene Sammel- und Sortier-Strategie ab jetzt mit deutlich mehr Arbeitskraft. Mit unserer Aufschrift “Das Pfand bleibt in der Region” zeigten wir unsere Absicht. Nach einer Stunde Flaschensammeln mit zwei mobilen Trupps, offenbarte sich schnell, dass bereits wieder Pfandflaschen zurückgegeben werden müssen. Gegen 16 Uhr mussten wir unsere Euphorie dann bereits etwas zurückschrauben. Die Pfandrückgabe stellte sich als begrenzender Faktor heraus. Die Aldi Filiale war zwar bis um 20 Uhr geöffnet, aber wir mussten langsam überschlagen, wie viel Zeit die Rückgabe noch in Anspruch nehmen wird. Insgesamt fuhren wir den Aldi in der Wilhelmstraße in Ahrweiler fünfmal an diesem Tag an. Den Pfandautomat so zu bestücken, dass dieser an seine Leistungsgrenze kommt, war eine große Freude. Wir sorgten im Aldi bei den anderen Kunden immer für verwunderte Blicke. Die restlichen Stunden am späten Nachmittag nutzte ein Teil der Gruppe für andere Helfertätigkeiten, wie z. B. das Entkernen von stark in Mitleidenschaft gezogenen Wohnhäusern, in welchen teilweise immer noch Wasser stand.

Sonntag sortierten wir vormittags zuerst Flaschen. Alle Helfer widmeten sich dieser Aufgabe gemeinsam. Dabei sahen wir uns entlang der Ahr in noch nicht besuchten Orten um. Auf der Fahrt entlang des Flusses wurde das ganze Ausmaß der unvorstellbaren Wucht der Hochwasserflut noch einmal besonders deutlich. Gegen 13 Uhr reiste dann der Großteil unserer Gruppe wieder in die Heimat. Die zwei Verbliebenen unterstützten am Nachmittag und Abend beim Schuttabtransport aus einem Wohnhaus in Dernau.

Montag hieß es als Erstes Aufräumen und dann die Jurte abbauen. Bevor wir die Rückreise antreten konnten, mussten jedoch noch die über fünfzig Kisten Mehrweg-Pfandflaschen zum Getränkehändler vor Ort gefahren werden. Unser Bus war bis auf den letzten Kisten-Stellplatz gefüllt. Mit dem letzten Pfandgeld in der Tasche erreichten wir Mo. Abend wieder die Heimat.

Und die Bilanz? Die Sammelaktion hat die Erwartungen weit übertroffen. Insgesamt konnten mit vierzehn fleißigen Händen ca. 4.300 Pfandflaschen gesammelt werden. Daraus ergab sich ein Pfandbetrag von über 1.000 €. Mit weiteren Spenden von Privatpersonen kann ein stolzer Spendenbetrag von 1.300 € verzeichnet werden. Diese Summe wird für ein soziales Wiederaufbauprojekt eingesetzt.

Rückblickend hat auch dieser Hilfseinsatz einer bunten Gruppenkonstellation gezeigt, dass jeder auf seine Art und Weise zur Bewältigung der Flutschäden beitragen kann.

Weiter helfen?

Auch heute ein halbes Jahr nach der Flut sind immer noch Freiwillige aktiv und helfen beim Wiederaufbau. Potentielle Helfer können sich unter https://www.helfer-shuttle.de/ informieren und anmelden, um vor Ort tätig werden.
Eine Hilfscommunity hat sich unter https://www.ahrhelp.com/ gebildet. Hier findet man vielfältige Hilfegesuche sowie -angebote. Vielleicht fällt euch als Stamm oder sonstige Gruppe auch eine Möglichkeit ein aus der Ferne zu unterstützen.