Gerüch(t)eküche

von Anna Sämisch

Das folgende Rezept ist besonders für Köch*innen mit hohem Mitteilungsbedürfnis geeignet. Je weniger Ansehen die Zubereitenden am Herd haben, umso mehr wird es sie freuen, mithilfe dieses Rezepts ein wahrhaft gutes Gerücht zu zaubern und die Aufmerksamkeit der Beköstigten auf sich ziehen zu können.

Andere Leser*innen mit feiner Nase werden die Kochanleitung hingegen als angebrannten Humor identifizieren.

Man nehme:

  • 1 Packung Sensationsmischung
  • ½ Fläschchen Wasser aus einer unbekannten Quelle
  • 1 Prise Neid, Vorurteile oder Rassismus
  • 1 Messerspitze Schwarz-Weiß-Wurz

Zuerst gebe man die Mischpackung Sensation in ein großes Sieb, um die groben, nicht in die Suppe passenden Stückchen auszusieben. So entfalten die feinen Stückchen ihre Wirkung umso besser.

Anschließend nehme man ein Fläschchen Wasser aus einer unbekannten Quelle und gebe die Hälfte des Inhalts in die Sensationsmischung (Wasser aus unbekannten Quellen ist vor allem aufgrund seiner besonderen Duftnote gut geeignet. Die Duftnote weckt bei den Beköstigten Neugier, die sich als Kribbeln in der Nase bemerkbar macht. Mit dem Kribbeln kommt gewöhnlicher Weise die Frage auf, wie viel Wasser echt und wie viel gepanscht ist. Besonders stark ist das Kribbeln, wenn in der Sensationsmischung einige Skandal-Partikel oder im Wasser Ablagerungen persönlicher Betroffenheit enthalten sind).

Je nach Vorlieben und Erwartungen der Beköstigten schmecke man die Suppe mit etwas Neid, Vorurteilen oder Rassismus ab. In den meisten Situationen lohnt es sich auch, eine Messerspitze gemahlenen Schwarz-Weiß-Wurz zuzugeben. Er macht die Suppe besser verdaulich.

Das ‚Gerücht‘ ist zwingend heiß zu servieren. Man teile es am besten mit Freund*innen in sozialen Netzwerken. Ein großer Vorteil des Gerüchts ist, dass es sich beim Teilen – ähnlich wie mit den 5 Broten und 2 Fischen bei der Speisung der 5.000 – vermehrt, statt zur Neige zu gehen. Beachtlich ist dabei die Geschwindigkeit, mit der die Suppe die Herzen der Follower erwärmt, wenn alle erfolgreich von der Suppe Überzeugten eine kleine Zutat hinzufügen und das Gerücht erneut posten.

Hinweis: Unter Umständen kann das Abwaschen mühsam sein. Manchmal bleiben Suppenreste am Topf kleben und geben der Speise beim nächsten Kochversuch eine üble Note. Noch fataler sind die Suppenspritzer in analogen sowie digitalen sozialen Netzwerken. Ab und an hilft es, das Rezept vollständig (inklusive Herkunft des verwendeten Wassers) online zu stellen, um den Aufruhr um die nicht deutbare Duftnote zu beenden. In anderen Fällen ist auf einmal ein anderes Gerücht so begehrt, dass die Spritzer der eigenen Suppe nicht mehr auffallen. Wirklich unbefleckt bleibt allerdings nur, wer merkwürdig riechende Gerüchte nicht teilt, sondern für sich behält.