Grenzenlose Freiheit für alle Kinder!

von Andreas Witt

Über Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf und Jesus

Außerhalb der kleinen, kleinen Stadt lag ein alter verwahrloster Garten. In dem Garten stand ein altes Haus, und in dem Haus wohnte Pippi Langstrumpf. Sie war neun Jahre alt, und sie wohnte ganz allein da. Sie hatte keine Mutter und keinen Vater, und eigentlich war das sehr schön, denn so war niemand da, der ihr sagen konnte, dass sie zu Bett gehen sollte, gerade wenn sie mitten im schönsten Spiel war, und niemand, der sie zwingen konnte, Lebertran zu nehmen, wenn sie lieber Bonbons essen wollte.

Mit diese Worten beginnt Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker „Pippi Langstrumpf“. Die „Villa Kunterbunt“ stellt als „sturmfreie Bude“ einen Ort grenzenloser Freiheit dar. Ein realitätsferner Kindheitstraum? Ob in der „Schule“, beim Einkaufen im „Bonbonladen“ oder beim „Kaffeekränzchen“, die rothaarige Pippi mit ihren Sommersprossen im Gesicht widersetzt sich erfolgreich den gesellschaftlichen Regeln und Pflichten – nach dem Motto: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ Pippi – ein Spiegelbild für grenzenloses Kinderglück oder kriminelle Kinderanarchie?

„Ich würde mir wünschen, dass das Leben der Kinder hier in Schweden und auf der ganzen Welt schöner wäre, als es ist. Es ist eine verkehrte Welt, in der es schwierig ist, glücklich zu sein.“, sagte Astrid Lindgren in einem Gespräch, und etwas später: „Die Welt von heute macht mich recht bange. Wenn ich morgens erwache, mache ich mir oft große Sorgen, wenn ich daran denke, was viele Kinder heute zu ertragen haben. Die Vorstellung, dass es Todesschwadronen gibt, die auf die Straßenkinder in Brasilien schießen, oder das traurige Los der Kinder in Ruanda, das kann mich um meinen Schlaf bringen. Die Menschen sind zu so ungeheuerlichen Dingen fähig, dass es mir oft sehr schwer fällt, noch an das Gute im Menschen zu glauben. Wer Kindern ein solches Leid antut, ist bestimmt nicht das Ebenbild Gottes.“

Kinder hingegen lassen die Ebenbildlichkeit Gottes erkennen, wenn Jesus sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Himmelreich!“ (Mk 10.14) Jesus hätte wahrscheinlich ein ähnlich großes Herz für Kinder wie Astrid Lindgren – lassen es zumindest mehrere Bibelstellen vermuten. Doch was zeichnet Kinder gegenüber Erwachsenen aus? Was heißt es, wenn Jesus uns auffordert: „Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen!“ (Mt 18.3) Astrid Lindgren sagt: „Kinder tragen in sich eine Ahnung von allem, was es im Leben gibt, und können es ganz spontan ausdrücken. Vielleicht werden die Kinder von Gott mit sehr viel Klarsicht in die Welt geschickt. Einige können ihren Verstand schon sehr früh gebrauchen, anderen gelingt das nicht. Manchmal möchte man meinen, Kinder könnten den Großen etwas über die Zusammenhänge im Leben sagen, die sie schon längst vergessen haben.“

Ein Perspektivwechsel als Versuch, die Welt mit Kinderaugen zu sehen, kann ein Anfang dafür sein, um wiederzuerkennen, was man als „Große*r“ vergessen hat – oder man folgt dem Beispiel von Pippi und ihren Freund*innen Thomas und Annika und isst im Dunkeln eine „Krummelus“ mit den Worten: „Liebe kleine Krummelus, niemals will ich werden gruß.“ Doch das funktioniert – glaube ich – leider nur dann, wenn man noch nicht „gruß“ ist!

Interviewnachweis: Felizitas von Schönborn, Astrid Lindgren – Das Paradies für Kinder, Freiburg im Breisgau 1995, S. 38, S. 40 und S. 50.