Grenzgang – eine Fahrt nach Ravensbrück

von Marta Nahlik (Momo)

Grenzen erkunden, bis an die Grenze gehen, Grenzen finden und Grenzen überschreiten.

Meine Grenze – mein Horizont – was ist erlaubt?

Die Ranger und Rover des VCP Mitteldeutschland haben sich am ersten Maiwochenende auf den Weg gemacht, um sich den Spuren der bündischen Jugend und dem Konzentrationslager Ravensbrück anzunähern.

Mit dem Kanu ging es in Großzerlang los – wo lässt sich leichter die Grenze überschreiten von unserem jetzigen Verband hin in die Vergangenheit? Wir begaben uns also auf eine Reise – gemeinsam im selben Boot.

Wie konnte die HJ so groß werden? Wieso konnte sie so leicht auf bündische Traditionen zurückgreifen? Fiel es den Bünden leicht sich in die HJ einzugliedern? Und wie hätte ich mich in dieser Zeit verhalten? – Das waren Fragen, die uns auf der Reise beschäftigten.

Wir ließen den Themen Zeit, gaben uns Raum, nachzudenken, gemeinsam die Reise und die Natur zu genießen. – Gemeinsam auf dem Weg.

Wir beschäftigten uns über unser Liedgut auch mit unserer Geschichte: Was singen wir da eigentlich, wenn wir da fröhlich Büttel, Bock oder platte Ratte aufschlagen? Woher kommen diese Lieder, wer hat sie geschrieben und wovon singen sie? – Erstaunliche Geschichten.

Mit Theater und Bewegung suchten wir einen emotionalen Zugang zum Thema. Dort verwischten Grenzen zwischen Tätern und Opfern, zwischen Aufseher*innen und Häftlingen im Konzentrationslager.

Wir versuchten uns in mögliche Figuren der Zeit hineinzuversetzen, wir tauschten uns aus, fühlten nach und ließen auf uns wirken. – Hielten Zeit auch im Schweigen aus.

Nach zwei Tagen auf den Seen Brandenburgs ereichten wir Fürstenberg. Gegenüber am See war schon die Gedenkstätte zu sehen. Dorthin sollte unser Weg am 30. Mai führen. Genau 73 Jahre zuvor hatte der erste sowjetische Soldat diesen Ort betreten.

Der Ort an sich berührte uns: Wie viele Geschichten haben sich hier zugetragen; wie viele Lebenslichter sind hier ausgelöscht worden. Welches Leid hier ertragen wurde, welches Unrecht hier geschah. Wir blieben einen ganzen Tag und konnten nicht erfassen, noch alles sehen, noch alle Fragen stellen.

Die Fahrt hat Spuren in uns hinterlassen: Gemeinsam im Kanu sitzen und singen, gemeinsam schweigen, gemeinsam beten, gemeinsam singen, gemeinsam am Lagerfeuer sitzen, diskutieren und vorlesen. Das sind wesentliche Elemente der bündischen Jugend und wesentliche Elemente unseres Pfadefindens.

Der Ort hat Spuren in uns hinterlassen: Wir haben einen Ort gesehen, an dem getötet wurde, an dem geschlagen, geschrien und gedemütigt wurde, an dem gearbeitet wurde, an dem aber auch eine Pfadfinderinnengruppe gegründet wurde und an dem junge Mädchen gelebt haben, die Pfadfinderinnen waren.

Viel zu oft übergehen wir unsere eigene Geschichte oder Hintergründe unserer Lieder. Viel zu oft gehen wir achtlos vorüber. Viel zu oft verschließen wir Ohren und Augen. Viel zu oft werden wir mit einem Bus in einer Gedenkstätte abgekippt, hindurchgejagt und viel zu oft lassen wir nicht zu, dass wir geprägt werden – dass in uns Spuren bleiben. Nicht nur Ravensbrück ist eine Fahrt und all die Zeit wert.

Geht auf Fahrt, nehmt euch Zeit, genießt, macht euch zusammen auf den Weg, lasst solches Unrecht nie wieder geschehen, sperrt eure Augen auf und behütet, was wir für Freiheiten haben und lasst uns solche Orte und Geschichten nicht vergessen.

Momo