Happy Birthday: Seit 1850 Jahren nur fast fertig

Über die wechselvolle, unfertige Geschichte der „Porta Nigra“

von Andreas Witt

„Panta rhei – alles fließt“ oder auch auch „Alles ist im Fluss.“ wusste der griechische Philosoph oder auch „Alles ist Heraklit. Weiterhin: „Tempora mutantur, et nos mutamur in illis.“ – „Die Zeiten verändern sich, und auch wir verändern uns in ihnen.“, wie ein lateinisches Sprichwort formuliert.

Die Porta Nigra wurde von den Römern im Jahr 170 nach Christi (n. Chr.) errichtet. Dieses Datum kennen wir so genau, da Archäolog*innen vor zwei Jahren im Fundament der römischen Stadtmauer Eichenpfosten gefunden haben. Deren Fälldatum konnte mit Hilfe der Jahresringe exakt ermittelt werden. Da die Römer üblicherweise Bäume direkt nach dem Fällen verbauten, kennen wir somit das exakte Baujahr der Stadtmauer, die zeitgleich mit der Porta Nigra errichtet wurde. Das heißt, dieses Stadttor wird in diesem Jahr 1850 Jahre alt und zählt damit zu den ältesten Gebäuden Deutschlands!

Hercle!

Beim Herkules!

Damals in römischer Zeit trug die Porta Nigra vermutlich den Namen „Porta Martis“ („Tor des Kriegsgottes Mars“) – aber das wissen wir im Gegensatz zum Baujahr nicht so ganz genau. Fest steht, dass die Porta als repräsentatives Nordtor der kaiserlichen Residenzstadt „Augusta Treverorum“ (heutiges Trier) aus rund 7200 großen Sandsteinquadern erbaut wurde. Diese Steine wurden ohne Mörtel oder Zement stabil übereinander geschichtet. Die römischen Baumeister hatten die Steine ursprünglich noch mit Metallklammern aus Blei oder Eisen verbunden. Doch, weil Metall im Mittelalter sehr wertvoll war, wurden diese Klammern herausgebrochen. Trotzdem steht das mächtige Stadttor noch heute und bezeugt die außerordentliche Qualität römischer Ingenieurskunst und Bautechnik.

Quales artifices perierunt!

Was für großartige Baumeister sind dahin geschieden!

An den Sandsteinquadern können wir allerdings erkennen, dass der Bau dieses Stadttores nur fast fertig ist – denn viele der Sandsteinquader sind nicht vollständig geglättet, sondern nur provisorisch behauen. Außerdem sind die Bohrungen für die Türangeln ein Indiz dafür, dass das Tor nie ganz fertig geworden ist. Aufgrund der unfertig behauenen Steine konnte dort nie eine bewegliche Tür eingesetzt worden sein.

Delirant isti Romani

Die spinnen, die Römer!

Doch warum mutierte die Porta Nigra nach dem Zerfall des römischen Reiches nicht wie die allermeisten anderen römischen Großbauten im Mittelalter zu einem Steinbruch zum Bau von neuen Gebäuden? Weil ab dem Jahr 1042 aus der Ruine der Porta Nigra die Simeonskirche auferstanden ist. Halleluja!

Doch wer war Simeon?

Der Mönch Simeon kam im Jahre 1027 aus dem Katharinenkloster auf dem Sinai als Gesandter nach Trier und begleitete den Trierer Erzbischoff (mit dem heute lustig klingenden Namen) Poppo von Babenberg auf eine Pilgerfahrt ins Heilige Land. Nach seiner Rückkehr nach Trier im Jahr 1030 beschloss Simeon, in dem zerfallenen römischen Stadttor als Eremit zu leben. So ließ er sich im Ostturm einmauern, um hier in aller Einsamkeit zu beten und zu meditieren. Durch einen Korb wurde er von der Bevölkerung mit Nahrung versorgt. Nach Simeons Tod im Jahr 1035 veranlasste der Erzbischoff dessen Heiligsprechung und ließ die römische Stadttorruine zu einer Wallfahrtskirche umbauen – genaugenommen sogar zu einer Doppelkirche: Stiftskirche oben, Volkskirche unten.

Warum steht aber die Kirche heute nicht mehr?

Tempora mutantur!

Die Zeiten ändern sich

Im Jahr 1794 eroberten französische Revolutionstruppen die Stadt. Als zehn Jahre später Napoleon nach Trier kam, befahl dieser – in der fälschlichen Annahme, das zur Kirche umgebaute alte Stadttor sei ursprünglich ein keltisches oder gallisches Bauwerk gewesen – die Kirche zu einem Tor zurückzubauen. Doch dieser Rückbau ist auch nur fast fertig geworden. Denn als das Rheinland ein paar Jahre später unter preußische Herrschaft fiel, wurde der Rückbau der Kirche zwar zunächst fortgesetzt, dann aber gestoppt. So erinnert die halbrunde Apsis des Ostturms – genauso wie zahlreiche Reliefs – noch heute an den mittelalterlichen Kirchbau.

Edepol!

Bei Pollux!

Wieder nur fast fertig!

Und heute ist die zweifach unfertige Porta Nigra UNESCO-Weltkulturerbe, Wahrzeichen der Stadt Trier und viel fotografierter Touristenmagnet.

Fabula docet:

Die Geschichte lehrt:

Fast fertig reicht also vollkommen!

O tempora! O mores!

Oh Zeiten, oh Sitten!

Und warum heißt die „Porta Nigra“ nicht mehr „PORTA MARTIS“?

Tempora mutantur, lapides mutantur in illis.

Zeiten ändern sich, (und auch) Steine verändern sich in jenen!

Der ursprünglich weiße Sandstein verfärbte sich in Folge von Umwelteinflüssen im Laufe der Zeit von weiß nach schwarz und gab dem Bauwerk seinen heutigen Namen: „Porta Nigra“ („Schwarzes Tor“). Also:

Panta rhei.

Alles fließt.