Hört ihr mich?

Die Erde berichtet

aufgezeichnet von Rica Rösner

Ich bin ein Gewohnheitstier, jedes Jahr dieselbe Runde um den gelben Ball. Drehe mich jeden Tag im Kreis, damit alle Seiten von mir auch etwas Sonne abbekommen. Und ich muss sagen, ich liebe es. Ich liebe meine Routine. Die Son ne. Den gleichen Jahresverlauf. Ich liebe diesen beständigen Wechsel. Ich liebe es, dass ich so vielfältig bin. An manchen Stellen ebene Flächen, an anderen Berge. Heiße Quellen und eiskalte Gletscher. Weite Sandstrände und endlose Wälder.

Aber ich spüre seit einigen Jahren, dass sich etwas verändert. Etwas, das ich nicht im Griff habe und das mir nicht gefällt.

Ich kriege plötzlich Schweißausbrüche, obwohl ich eigentlich frieren müsste. Die Sommer sind zu heiß, ich brenne vor Hitze. Riesige Flächen brennen einfach. Mein geliebtes Eis schmilzt und ich kann es nicht aufhalten.

Ich habe Hautausschläge, überall sprießt neuer Beton, wo sonst Blumen und Bäume wuchsen. Mein Wasserhaushalt ist durcheinander, manchmal schwappt es einfach über, als wäre die Badewanne zu voll. Die Sonne brennt viel stärker auf meiner Haut, weil mein Sonnenschutz beschädigt ist. Ich fühle mich nackt, weil meine Regenwälder mir fehlen – mein schönstes Beinkleid.

Ich kann mich nicht mehr so entfalten, wie ich es seit Urzeiten getan habe. Das macht mir Angst, große Angst. Es regnet häufiger, weil ich traurig bin. Es brennt häufiger, weil ich wütend bin. Es gewittert häufiger, weil ich überfordert bin.

Ich glaube, es liegt an der Menschheit. Ich beobachte sie nun schon eine ganze Weile und die Entwicklung der letzten Jahre erscheint mir falsch. Dass alles immer schneller, immer besser und immer mehr werden muss.

Ich lasse das Wetter verrücktspielen, um auf mich aufmerksam zu machen. Denn ich glaube, noch kann ich zu meiner geliebten Routine zurückkehren. Aber nur, wenn die Menschheit wieder zu mir findet – wieder Freundschaft mit mir schließt, so wie es bei all den Tier­ und Pflanzenarten der Fall ist.

Ich mag die Menschen, die mir Liebe schenken. Das leichte Kribbeln auf meiner Haut, wenn sie barfuß durch Felder laufen. Auf mich achten und für mich kämpfen. Jeden Tag.

Denn noch kann ich wieder ich werden, zurück zu mir finden. Aber ich brauche Freund*innen, Unterstützer*innen. Menschen, die für mich laut werden und mich vertreten, wenn mir selbst die Worte fehlen. Also bitte hört mir endlich zu. Und helft mir. Zusammen können wir so viel erreichen.