Ist der VCP offen für alle?

Singerunde in einer Oase auf dem Bundeslager “Weitblick”.
Foto: VCP/Moritz Hedrich

Was macht man abends auf einem Pfadfinderlager, wenn man nicht singt und nicht trinkt?

Ein Kommentar von Jost Lambrecht.

Jugendliche unbegleitete Geflüchtete in Jugendhilfeeinrichtungen leben ein Leben, dass in Vielem von dem abweicht, was Jugendliche kennen, die in Deutschland in Familien aufwachsen. Vieles, was für die meisten von uns selbstverständlich ist, erleben Jugendliche in diesen Lebenslagen vollkommen anders. Viele kümmern sich selbst um ihr Pausenbrot. Auch ihr Mittagessen und ihr Abendbrot müssen sich viele selber zubereiten. Hinzu kommen unzählige Termine bei Behörden und Ämtern, sowie das Asylverfahren. Wirkliche Freizeit ist für jugendliche unbegleitete Geflüchtete stark begrenzt. Ihre Lebenssituation ist unstet: Nie ist klar, ob nicht bald die Gelegenheit kommt in eine bessere Einrichtung mit Einzelzimmer zu ziehen und ob man dann am anderen Ende der Stadt wohnt, weit entfernt von Freunden oder dem Verein. Längerfristige Pläne zu schmieden (wie im Sommer mal wegzufahren), ist deshalb schwierig.

Dennoch sind drei jugendliche unbegleitete Geflüchtete im Alter von 17 und 18 Jahren mit auf dem VCP Bundeslager in Wittenberg gewesen. Sie wünschten sich unbedingt einmal wegzufahren. Den Wunsch hatten tatsächlich noch einige mehr. Aber sie sind im Monat davor umgezogen, oder hatten während des Lagers ihre Asylanhörungen.

Die Anmeldung war eine kleine Herausforderung. Bedingt durch den kurzen Planungshorizont der Jugendlichen, lagen Idee und Anmeldeschluss sehr nah beieinander. In dieser Zeit musste ein Antrag an den rdp gestellt werden, um den Jugendlichen die Teilnahme zu ermöglichen. Amtsvormünder mussten in der Urlaubszeit dem Vorhaben zustimmen und die unterschrieben Anmeldeformulare zurücksenden. Isomatten, Rucksäcke und Schlafsäcke ließen sich glücklicherweise innerhalb von 10 Minuten über einen Facebook Aufruf organisieren.

Endlich auf dem Lager hatten wir eine schöne Zeit. Von unserem Partnerstamm Otto Witte aus Pankow und der Kochgruppe wurden wir gut aufgenommen und einfach in den Lagerablauf einbezogen. Es wurde gemeinsam gekocht und gegessen. Die Jungs besuchten Workshops und andere Programmpunkte an denen sie viel Spaß hatten. Pausen machten wir immer wieder im Restecafé des VCP Schleswig-Holstein, wo wir guten Tee und Kaffee tranken. Dort konnten die Jungs auch außer der Reihe die Handys laden-was wirklich wichtig war, denn die Handys sind der Draht zu den Familien in den Heimatländern. Auch der Ausflug nach Wittenberg gefiel ihnen gut, sowie der erste Stammesabend mit viel Gesang und Gruppenspielen. Am wichtigsten war jedoch einmal aus dem Alltag herauszukommen und was anderes zu erleben. Einer der Jungs äußerte sogar, dass er das erste Mal seit er in Deutschland sei, abends direkt einschlafe und erst aufwache, wenn er wieder geweckt werde. Sonst wälze er sich immer stundenlang umher, bevor er einschlafe. Trotz allem gab es auch immer wieder Phasen der Langeweile. Vor allem abends, wenn alle Lagerteilnehmer*innen, die das 16. Lebensjahr erreicht haben, innerhalb kürzester Zeit in den Oasen verschwinden. Für Jugendliche, die mit bündischem Liedgut nicht viel anfangen können und keinen Alkohol trinken, gibt es abends auf einem Bundeslager leider nicht viel zu tun. Damit sind die drei jungen Geflüchteten sicher nicht alleine. Auch gibt es viele, die der zahlreichen sexistischen, teils sogar rassistischen Texten im bündischen Liedgut überdrüssig sind. Es ist meines Erachtens nach angebracht zu fragen, wer sich damit ausgeschlossen fühlt und nicht Pfadfinder*in wird oder bleibt. Schließen wir durch unser Programm ganze gesellschaftliche Gruppen aus? Zumindest bei der Abendgestaltung unserer Bundeslager liegt dies nahe. Dabei wäre dem mit ein bisschen Kreativität und Vielfalt bereits abgeholfen. Müssen es wirklich vier Oasen sein, in denen gesungen wird? Wie wäre es mit einem Lagerkino, einem Brettspielkasino usw.?

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass im VCP eine große Offenheit besteht, Geflüchtete in die Arbeit mit einzubeziehen. In allen konkreten Problemlagen war es möglich, schnell irgendwo Unterstützung zu bekommen. Strukturell und kulturell gibt es allerdings eine ganze Reihe an nicht-offensichtlichen Hürden, die aber überwindbar sind. Zum Beispiel könnten Kontingentsplätze für Jugendliche aus benachteiligten Milieus geschaffen werden. Das vereinfacht die Anmeldung. Anmeldeinformationen sollten mehrsprachig sein. Die Programmdarstellung sollte mit Bildern oder Videos unterstützt werden und ohne viel Vorwissen verständlich sein. Unzählige Studien weisen darauf hin, dass ein großer Anteil von Kindern und Jugendlichen den Inhalt auch einfacher Texte nicht erfasst.

Ich nehme mit, dass es durchaus funktioniert, geflüchteten Jugendlichen Pfadfinden näher zu bringen und Erlebnisse zu teilen. Dies bedeutet allerdings noch lange nicht, dass sie gleichwertig teilhaben können. Ist uns das ein Anliegen, reicht Offenheit nicht aus. Dies Umzusetzen bedarf einer bewussten Entscheidung und auch den Willen etwas zu verändern und entsprechender Ressourcen. Doch vielleicht ist es genau das, was Pfadfinden benötigt, um gesellschaftlich relevant und zukunftsfähig zu sein.

“Zukunftsfähig sein” ist auch ein Handlungsfeld bei der Pfadfindung. Lest hier ein Interview mit Jost und Jamal.

Pfadfindung: Offen sein