Kirchenlos – Schöne neue Welt?

Von Oliver Mahn

„Ich bin aus der Kirche ausgetreten, glaube aber trotzdem an Gott.“ So oder so ähnlich höre ich das als evangelischer Pfarrer oft in letzter Zeit. Menschen wollen mit der Kirche nichts mehr zu tun haben. Die Gründe dafür sind vielfältig: die Stellung der Frau in der Kirche; die Haltung zu Homosexuellen; die Unfehlbarkeit des Papstes; der Zölibat; die Kirchensteuer. Ganz oft gibt es auch eine sehr persönliche Erfahrung mit Kirche, die nicht gut gelaufen ist. Und dennoch sagen viele der Ausgetretenen, dass sie an Gott glauben, regelmäßig beten und sogar in den Gottesdienst gehen. Kirche ist ihnen also irgendwie immer noch wichtig.

Dazu muss man verstehen, dass Kirche nicht gleich Kirche ist. Mit dem Begriff „Kirche“ werden nämlich ganz unterschiedliche Dinge bezeichnet. Natürlich ist da zuerst einmal das Bauwerk – die Kirche mit Turm, Glocken, Altar und Orgel. Gegen diese Bauwerke haben die meisten Menschen natürlich nichts. Kirchen sind ja ganz hübsch anzuschauen. Oft prägen sie sogar die Skyline einer Stadt. Stellt euch mal Köln ohne Dom, Dresden ohne Frauenkirche oder Hamburg ohne Michel vor.
Dann gibt es die Kirche als Organisation, die sogenannte Amtskirche. Das sind z.B. die Katholische Kirche oder die vielen evangelischen Landeskirchen in Deutschland. Diese Kirchen sind zu einem Teil große Verwaltungen mit einem Chef an der Spitze und verschiedenen Abteilungen. Oft ist es genau diese Amtskirche, gegen die sich der Groll vieler Menschen richtet. Die letzte (und wie ich finde, die wichtigste) Kirche ist die „Kirche Jesu Christi“. Mit dem Begriff beschreiben wir Theolog*innen die Gemeinschaft der Glaubenden, ganz egal, ob sie Mitglied in einer Amtskirche sind oder nicht. Oder anders gesagt: Jede*r die*der glaubt, ist Teil der Kirche Jesu Christi. Austreten geht hier, solange man glaubt, gar nicht. 😉

Nun mag es so aussehen, als sei eine Mitgliedschaft in einer (Amts)Kirche gar nicht nötig. Das ist zu 100% halb richtig, wie einer meiner Lehrer immer gesagt hat. Wer glaubt, hat alles und ist vollwertiges Mitglied der Kirche. Trotzdem ist es für viele Menschen wichtig, ihren Glauben nicht alleine und für sich zu leben. Eine Gemeinschaft gibt Halt und bietet die Möglichkeit, sich auszutauschen über den eigenen Glauben, aber auch über Zweifel. Gerade in schweren Zeiten oder Glaubenskrisen ist Gemeinschaft wichtig. Die Kirchen und ihre Gemeinden wollen genau solche Orte der Gemeinschaft sein. Dass sich in einer solchen Gemeinschaft nicht immer alle einig sind, gehört dazu. Wir alle kennen das aus unseren Familien. Auch hier bin ich nicht immer einverstanden mit der Meinung meines Vaters oder meiner Schwester. Einfach austreten wird hier aber schwer. Glaube und Religion kann etwas ganz Persönliches sein, aber in der Gemeinschaft und im Austausch miteinander kann er wachsen und sich entwickeln.