Kurzbericht zum 50plus-Treffen in Neudietendorf

von Gebhart Groth

42 echte Teilnehmer*innen, zwei fielen kurzfristig aus. 7 Teammitglieder. Vier TN waren neu in dem Kreis.

Aus dem Stamm nahmen Pfr. Michael Göring und Hendrik Knop zeitweise an dem Treffen teil.

Am Freitag stellten zunächst Eric Stahlmann und Peter „flip“ Keil die derzeitigen Arbeitsfelder auf Bundesebene vor und erläuterten speziell den Beschluss zur Erwachsenenarbeit auf der letzten BV. Daran schloss sich eine lebhafte Diskussion an, die aber aus Zeitgründen abgebrochen werden musste. Ein Ergebnis zeigte sich am Sonntag, als mit 23 Stimmen für das Thema „Erwachsene im Verband – Förderer oder Bremser?“ dieses Inhalt unseres nächsten Treffens 2022 sein wird.

Es schloss sich ein lebhaft vorgetragener Beitrag von Napoleón Mariona an, der als El Salvadorianischer Diplomat diesen Dienst mit den Prinzipien der Pfadfinder verglich und interessante Beispiele brachte.
Am Samstagvormittag wurde nach der Andacht zur Tageslosung der Toten des Verbandes in 2020 und 2021 gedacht. Anschließend drehte sich alles um unser Thema „Sicherheit neu denken“. Ein Referent aus der badischen Landeskirche warb für die Idee einer Konversion der Bundeswehr zu einem weltweit einsatzbereiten THW und einer Weltpolizei statt Armeen. Er stellte dazu konkrete Schritte vor, die bis 2040 durch den Bundestag gefasst werden sollten. Konträr wies der Jugendoffizier aus Erfurt auf die bestehenden internationalen Sicherheitsprobleme durch Terrorismus und ein gegenüber der Ukraine aggressiv handelndes Russland hin. Auch dazu entspann sich eine lebhafte und gut moderierte Diskussion.

Der Nachmittag galt dann dem Besuch des Stammesgeländes in Neudietendorf mit Feier des 30jährigen Stammesjubiläums und der Würdigung der Neudietendörfer Grundsätze der CP von 1921.
Dazu hänge ich auch mein Referat an (siehe unten), vielleicht findet es ja auch bei euch Interesse.

Den Abend gestaltete Elke Bauer mit musikalischer Unterstützung durch Michael Hacker und Andreas Bänisch in gewohnt launiger, aber auch anrührender Weise, als sie in Liedern ihren Lebenslauf darstellte. Das gab Anlass zu Gelächter, aber auch zu Nachdenken.

Der Sonntag verlief leider anders als geplant. Einem Einbruch im Stammesheim fiel nicht nur teure Elektronik, sondern auch das Grillgut zum Opfer. Zudem beschlagnahmte die Polizei den Platz für ihre Spurenermittlung. So wurde der Gottesdienst kurzerhand in den Gemeindesaal der Herrnhuter verlegt (war Gott sei Dank an diesem Sonntag verfügbar) und das Haus organisierte aus sämtlichen Resten belegte Brötchen für das Mittagessen.

Letzte Anmerkungen: alle Teilnehmer*innen begrüßten sehr, dass Eric und Flip die ganze Zeit bei uns waren und für Gespräche zur Verfügung standen. Das war so noch nie der Fall gewesen.

Die beiden anderen Themen für das nächste Treffen waren allgemeinerer Art. ‚Wie leben im Alter‘ erhielt 17 Stimmen; ‚Kirchensteuer oder Kultursteuer‘ erhielt 13 Stimmen.

Unser Treffen 2022 wird vom 2.-4.9. im KnüllHouse bei Neukirchen stattfinden.

100 Jahre Neudietendorfer Grundsätze

Versuch einer Einordnung der Neudietendorfer Grundsätze

12 Namen stehen unter den am 10.6.21 verabschiedeten Neudietendorfer Grundsätzen. Sie vertraten auch nicht alle Teile der existierenden christlichen Pfadfindergruppen im Jungmännerwerk. Aber rückschauend erweisen sie sich als repräsentativ und vor allem wirkmächtig.

Repräsentativ, weil sie die vorhandene Vielfalt in äußerer Form und Arbeitsmethode einbringt und anerkennt (Zitat); wirkmächtig, weil sie dies unter das verbindende Motto ‚Pfadfindertum heißt Lebensgesinnung der Tat‘ [denn, so F. Riebold später: „Unsere Hilfsbereitschaft sei eine stete Willigkeit, die Freude und Liebe, die uns der Herr gab, an Menschen weiterzugeben, die ihrer bedürfen“ –Dokbd. S.37] stellten und damit alle Gruppen erreichten.
Mit diesen Grundsätzen und den folgenden Richtlinien für die praktische Umsetzung begann etwas Neues, das sich wesentlich von der militärisch-nationalen Prägung der Pfadfinderarbeit vor dem I. Weltkrieg unterschied. Dazu verhalf die Ernüchterung durch das Kriegserlebnis und den folgenden politischen Umsturz in Deutschland.

Die neue Organisation, immer noch Teil des Jungmännerwerkes, verstand sich als Bund junger und etwas älterer erwachsener Männer (Mitglied konnte man ab 17 Jahren werden; die Gründer waren in den 30er Jahren ihres Alters), die als bewußt Glaubende in lebenslanger Gemeinschaft „Christen der Tat“ sein wollten und dafür die pfadfinderischen Methoden als geeignete Grundlage der praktischen Ausübung heranzogen. In der letzten anp schrieb dazu ein junger Historiker: „ Vielleicht haben sich die Autoren aber auch in erster Linie als Christen und nicht als Pfadfinder begriffen“. Dieses ‚Vielleicht‘ hätte er ruhig wegfallen lassen können. Für die Führenden der damaligen CP war das die wirklich alles bestimmende Grundlage. Das kommt auch im Kreuz als Bundeszeichen zum Ausdruck.

Und das zeigen die Grundsätze ganz deutlich, in denen davon gesprochen wird, ‚an Gott gebunden‘ zu sein, seinen Willen ‚aus der Bibel kennenlernen‘ zu wollen (= in regelmäßiger Bibellese) und ‚mit Gottes Hilfe‘ das eigene Wesen zu formen. Überhaupt ging es wesentlich um eine Selbsterziehung und Selbstformung zu einer christlich bestimmten Lebensführung, die alles ‚Unreine‘ und alle Süchte (besonders Alkohol und Tabakwaren) mied, ‚Schmutz und Schund‘ bekämpfte. Dazu zählten u.a. Tanzvergnügen, Bars, frivole und ‚das Volkstum‘ herabsetzende Filme, die entsprechende Literatur und Kunst. Denn ‚Volk‘ war ein von Gott vorgesehenes gesellschaftliches Ordnungselement. Und die anderen genannten Beispiele Ausdruck sittlicher Not, die gegen die 10 Gebote und Jesu Botschaft, wie sie in den Evangelien zum Ausdruck kommt, verstieß.

Das ist uns heute fremd und hat ja auch seine sehr problematischen Seiten, zu denen wir nicht zurückkehren möchten. Und wie schwierig diese Selbsterziehung ist, wie oft sie scheitern kann, wurde auch damals im Schrifttum erörtert. Sie waren durchaus Realisten, wollten aber die Ziele hochstecken und setzten auf die Truppführer (der Begriff ‚Stamm‘ kam etwas später) als Vorbilder.

Da kann man durchaus von einem Elitedenken sprechen, dass sich an den alten Kreuzrittern orientierte, die als entschiedene Gefolgsleute Jesu (historisch z.T. miss-)verstanden wurden. Auch das ist uns heute eher fremd.
Allerdings korrespondiert diese Erwartung mit ebenfalls hohen Vorstellungen von älteren Jugendlichen. Sie werden als ‚tatfreudig‘ bezeichnet und ihnen wird Einsatzwille für eine gute Sache unterstellt. Das trifft auch in der Gegenwart zu, wenn wir bspw. an ‚Fridays for Future‘ denken.

Zurück zur ‚sittlichen Not‘. Ich möchte ergänzen, dass nicht nur seelische Nöte des einzelnen Menschen oder des Volkes, sondern auch sozialpolitische Fragen wie Armut und Wohnungsnot diskutiert wurden. Hilfeleistungen überall da, wo die Bedarfe waren, sollten selbstverständlich sein. Fritz Riebold formulierte 1925: „Jede Pfadfindergruppe sollte eine Hilfskasse haben“… und zu deren Finanzierung schrieb er “Wir gönnen uns einmal eine Fahrt nicht, wir fahren einmal weniger mit der Straßenbahn…“ (Dok.bd. S.36) Und zu dieser Hilfe zählte er u.a. Besuche bei Kranken, Liedvorträge in den Höfen (der Großstädte) und die Unterstützung der Stadtmission und deren Herbergen.
Zum Abschluss: Ich meine, für die Gruppen den biblischen Bezug sinnig zu machen und ein ‚Christentum der Tat‘ als einen Wesenszug christlicher Pfadfinderarbeit zu bedenken und umzusetzen, ist auch heute von gesellschaftlicher und menschlicher Bedeutung. Das bleibt nach meiner Auffassung das Erbe dieser Grundsätze.

Gebhart Groth (VCP-Bocholt)

Literatur:

  • Berichte … Dokumente aus der Arbeit und Gemeinschaft der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands, Kassel 1960
  • Kreuz und Lilie – Christl. Pfadfinder in Deutschland von 1909 bis 1972; Bauer, Besser, Keyler, Sudermann (Hg.), Wichern Verlag, Berlin 2013

100 Jahre Neudietendorfer Grundsätze