Leserbrief zum Artikel: #doppelmoral – Wie cool ist Pfadfinden zwischen F4F und WSJ?

Liebes anp-Team, liebe Lena, lieber Sören,

DANKE!

Ihr sprecht mir mit eurem Artikel zum Jamboree und der diesbezüglichen Doppelmoral so von der Seele.

Ein paar Sätze zu mir: Ich bin 17 Jahre alt, seid Februar einer der aktivsten FFF-Aktivist*innen in meiner Heimatstadt Dessau. Seit März diesen Jahres bin ich in der Landesleitung vom VCP Mitteldeutschland und ich war im Sommer in Amerika. Zum Worldsoutjamboree. Mit der ostdeutschen Unit ‘Sophie Scholl’.

 

Und ich stehe dazu.

Das Jamboree ist an Erfahrungswerten nicht zu vergleichen. Das sage ich, auch wenn ich dem Jamboree bzw. dem, was WOSM mittlerweile aus dem Weltpfadfindertreffen macht, sehr kritisch gegenüberstehe.

Ihr habt es in eurem Artikel schon erwähnt, ich möchte das – quasi aus erster Hand – nochmal bestätigen und ausführen:

Punkt eins: Die Feuerwerke, die es zu der Opening und Closing Ceremony gab. Mein Erlebnis dazu war folgendes: Ich stand, nachdem das Feuerwerk begonnen hatte, einfach nur noch da und dachte, was passiert hier gerade? Am Cultural Day haben noch alle Ban Ki-Moon, dem ehemaligen UN-Generalsekretär und seinen Appellen zur Nachhaltigkeit applaudiert, jetzt tun sie das gleiche bei diesem riesigen Feuerwerk, das nicht enden will. Und in einem Naturschutzgebiet stattfindet. Warum?

Aber auch andere Sachen waren irrsinnig: Der Schießstand wurde schon angesprochen, die Plastikzelte, die dem Platz nach größtenteils bestätigten Gerüchten, von der kanadischen Firma ‘Coleman’ für jedes Lager neu gesponsert werden, konnten mitgenommen werden. Warum?

Und das Niveau, auf dem sich mit dem Thema Nachhaltigkeit, Sustainability auseinandergesetzt wurde. Schrecklich

Ich bin FFF-Aktivist, beschäftige mich seit Jahren mit der Thematik, habe, weil ich abgesehen vom Jamboree noch nie geflogen bin (was auch für die nächsten zehn Jahre so bleiben wird – mindestens) und durch meine Eltern schon ein bisschen nachhaltig erzogen wurde, ein relativ reines Gewissen für westliche Verhältnisse und ich kann über Klimaschutz in Deutschland sagen: ER IST GRAUENHAFT. WAHRHAFTIG.

Aber im Vergleich zu den USA ist er der Himmel!

Absurd.

Paradebeispiel: Das Sustainability Treehouse. Zwar ist Treehouse eins der wenigen Wörter, die im Englischen zusammengeschrieben werde, aber eigentlich gehören sie zusammen. Ich hatte mich im Vorfeld riesig auf das Hauptthema des Jamborees, Sustainability, gefreut, insbesondere auf das Sustainability Treehouse.

Ich wurde maßlos enttäuscht.

Weder handelt es sich um ein Haus – es gibt zwar abgeschlossene Räume (2-3) aber kein Haus im herkömmlichen Sinne, wohnen kann da niemand – noch um ein BAUM-haus – eine Stahlkonstruktion hat mit Bäumen herzlich wenig zu tun. Und – o Wunder aller Wunder – nachhaltig würde ich es auch nicht nennen wollen. JA, der Strom wird komplett selbst hergestellt (auf dem Dach mit Photovoltaik/ Solar und Windkraftanlage), aber wofür? Für die dermaßen schlechte Ausstellung innen drin mit den fünf, sechs Monitoren. Ernsthaft?

Klar, bei Ausstellungen kann man mit dem nachhaltigen Bildungsfaktor argumentieren – zu Recht – aber hier nicht. Große Probleme wie Verkehrssektor, Landwirtschaft und Co. werden de facto gar nicht berücksichtigt, teilweise liegt der Schwerpunkt auf klimatechnisch gesehenen “Peanuts”. Einzig der amerikanische Energiehaushalt (15-20% Erneuerbare) wird mit einer winzig kleinen Statistik am Rande erwähnt.

Eine qualitativ angemessene Auseinandersetzung mit der so hochgelobt propagierten Sustainability sieht anders aus.

Ich wurde zum Jamboree von Radio SAW interviewt, wo ich mich auch zu dem Thema positioniert habe. Zu hören gibt’s den zwei Minuten langen Beitrag hier: https://soundcloud.com/thorstenkessler/2019-08-24_3_worldscoutjamboree

Wenn ich die Vollversion finde, schicke ich sie noch hinterher.

ABER: Ich bin nach wie vor ein prinzipieller Befürworter des Jamborees.

Die Erfahrung, die ich dort und während der Vortour machen durfte ist bis dato einmalig. Und wird es mindestens größtenteils bleiben. Es ist unglaublich wichtig, am eigenen Leib zu erfahren, dass man mit anderen Menschen frei in Kontakt treten kann, ohne dass sofort Religion, Hautfarbe, Herkunft, Politik oder vieles weitere dazwischen steht. Das ist das wichtigste, was ich auf dem Jamboree gelernt habe.

Aber auch für andere war die Präsenz von deutschen Pfadfinder*innen unglaublich wichtig.

Denn wir haben eine Fridays-for-Future-Demonstration auf dem Jamboree veranstaltet (Kern davon war meine Unit ‘Sophie Scholl’), die sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Innerhalb eines Tages haben wir 500 Pfadfinder*innen, vor allem Deutsche (zu denen hatten wir die nötigen Mobilisierungsconnections), aber auch Italiener teilgenommen haben.

Und, da muss ich eurer Kritik am Deutschen Kontingent ein bisschen widersprechen, die auch vom Deutschen Kontingent UNTERSTÜTZT und VERBREITET wurde.

Übrigens gab es zum Thema Schießstand auch eine Anweisung von “ganz oben” aus der Kontingentsleitung, dass wir nicht als Deutsche Pfadfinder*innen schießen dürfen und somit auch nicht in deutscher Kluft und deutschem Halstuch. Leider haben sich daran nicht alle gehalten.

Ich für meinen Teil habe auch nicht geschossen.

Und auch Nachhaltigkeit wurde vom Deutschen Kontingent sehr verbreitet. Es gab Stände über nachhaltige Siegel und über die Ringekluft, die ja auch Fairtrade ist, genauso wie auch der Deutsche-Kontingents-Merch.

In meiner Unit wurde auch offen für eine CO2-Kompensation geworben, die auch ich vollzogen habe, selbstverständlich im Bewusstsein, dass das CO2, das ich durch die beiden Flüge in die Luft gepustet habe, erstmal nicht so schnell wieder da rauskommt, Kompensation hin oder her.

Ich finde, unter diesen ganzen Aspekten (und noch vielen mehr) ist eine Teilnahme am Jamboree berechtigt und gerechtfertigt, auch im Sinne der Völkerverständigung und der von BiPi mitgegebene Auftrag, Friedenspfadfinder*innen zu sein.

Aber bitte mit kritischer Auseinandersetzung!!!

Insofern: Vielen vielen Dank, dass ihr das Thema in die anp gebracht habt und dann auch noch so weit nach vorne!

Viele liebe Grüße und Gut Pfad!

Jakob Krueger

PS: Auch die Qualität der anp wird immer besser. Vielen Dank! Es ist schön eine solche Entwicklung beobachten zu dürfen.

 

Leserbrief zum Artikel:

#doppelmoral – Wie cool ist Pfadfinden zwischen F4F und WSJ?