MEINUNG: Zur Lage der Stämme im Verband

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von Peter „flip“ Keil und Eric Stahlmann | VCP Bundesleitung, Referat Stämme

Stämme sind der Ort im VCP, an dem sich der wichtigste Teil unserer Verbandsarbeit abspielt: Hier sind die Gruppen angesiedelt, in denen Woche für Woche Kinder und Jugendliche das Pfadfinden leben können, in denen sie sich im Kontext unserer Pädagogik entwickeln und Schritt für Schritt Verantwortung für sich und andere übernehmen. Hier vor Ort im Stamm wird diese Arbeit ermöglicht – durch Ausgestaltung der inhaltlichen Angebote und durch Organisation.

Das inhaltliche Angebot im VCP ist unserer Ansicht nach gut. Mit der Stufenkonzeption wurde hier ein Rahmen geschaffen, an welchem sich die Gruppenleiter*innen orientieren können um altersgerechte Themen und Methoden für die Gruppenstunden, die Fahrten und Lager zu entwickeln. Vielerorts scheint das gut zu funktionieren.

Gleichzeitig sind Stämme als Einheiten in unserer Organisationsstruktur sehr zerbrechliche Gebilde. Zwar hört man eher selten von der aktiven Schließung eines Stammes, doch begegnen uns allerorts Berichte über „wenig Aktivität“, „nur noch eine Gruppe“, „keine Mitarbeiter*innen“ oder „die gibt’s nur noch auf dem Papier“. Stämme sterben langsam. Und während anfänglich einfach nur abends am Feuer von früherer Größe berichtet wird, die man selbst nicht mehr erlebt hat, verlassen eines Tages die letzten R*Rs ihren Ort zum Studium und hinterlassen nichts als einige Zelte und einen Hockerkocher im Kirchenkeller.

Im Folgenden soll kein mutloses Bild unseres Verbandes gezeichnet werden. Doch wollen wir in Erinnerung rufen, wie vieler Mühen es bedarf, dass Stammesarbeit über lange Zeiträume gut funktioniert und wie komplex und anspruchsvoll die zukunftsorientierte Führung eines Stammes ist. Wir werden versuchen, das Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

Die Kinderstufe muss man sich leisten können

Die Kinderstufe umfasst im VCP die Altersgruppe der Sieben- bis Zehnjährigen. Eine wichtige Zeit in der Kindheit, in der verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen werden. Es ist auch eine wichtige Zeit für viele Pfadfinder*innen. Viele sind stolz darauf, schon von Kindesbeinen an dabei zu sein. Wer die Kinderstufe fröhlich durchlaufen hat, bleibt vermutlich auch in der Jungpfadfinder*innen-Stufe zunächst dabei.

Und doch sind Kindergruppen nach dem Prinzip der „kleinen Gruppe” bzw. im „Sippenmodell“ auch ein Risiko für Stämme.

Kindestufe muss man sich leisten könne Grafik: Miriam Lochner

Grafik: Miriam Lochner

Hierzu möchten wir eine Rechnung aufmachen: Häufig gehen VCPer*innen mit 18 oder 19 Jahren studieren und verlassen ihren Ort. Mitarbeiter*in wird man im VCP mit 16. Viele stehen ihrem Stamm in der Rolle der Gruppenleitung folglich zwei bis drei Jahre zur Verfügung. Fragt man Stämme, wie viele 15- oder 16-jährige in die Mitarbeiter*innenschaft überführt werden, so antworten viele mit erstaunlich niedrigen Werten. „Wenn es gut läuft, sechs Personen“. Auch mal acht, nicht selten aber auch nur vier oder gar zwei.

15- oder 16 Jährige werden Mitarbeiter*innen Grafik: Miriam Lochner

Grafik: Miriam Lochner

Unsere Gruppen im VCP werden in der Regel von zwei Gruppenleiter*innen geleitet. Wenn wir Gruppen im Alter von sieben Jahren in der Kinderstufe einsetzen, resultieren daraus neun Jahre mit je zwei Gruppenleiter*innen. Die Gruppenleiter*innen verlassen den Stamm mit 18 oder 19, also nach zwei oder drei Jahren, wir benötigen zur Begleitung der Gruppe also drei Paare oder viereinhalb sprich sechs oder gar neun Personen. Wenn die Mitglieder der Gruppe irgendwann 16 Jahre alt werden, sind jedoch nur noch zwei bis fünf Gruppenkinder übrig. Der Stamm schrumpft! Der Stamm setzt mehr Mitarbeiter*innen in der Gruppenarbeit ein, als sich aus der Gruppenarbeit neue Mitarbeiter*innen ergeben. Eine Kinderstufe dieser Art kann sich nicht jeder Stamm „leisten“. Und doch ist es eines der üblichen Modelle im VCP. Gerade für junge Gruppenleitungen wirkt die Übernahme einer Kindergruppe wie ein (inhaltlich) einfacher Einstieg. Nicht selten haben Stämme schlichtweg den Anspruch, ihre Gruppen im Kindesalter zu beginnen.

Rechnerisch schrumpfen diese Stämme heute. Äußere Einflüsse wie die Abschaffung der Wehrpflicht (und der damit
verbundene Wegfall des Zivis) sowie das mancherorts geltende G8 (verkürzte Zeit auf dem Gymnasium) haben diesen
Effekt verstärkt indem sie die aktive Zeit der Mitarbeit vor
Ort verkürzten.

Das Meuten-Konzept

Entspannung kann das „Meuten-Konzept“ bringen. Hier werden die Kinder zwischen sieben und zehn Jahren in einer großen Gruppe gemeinsam geleitet. Aus den ältesten Kindern werden von Zeit zu Zeit Pfadi-Gruppen aus der Meute heraus gegründet. Die Meute selbst ist eine organisatorische Konstante. Es kommen stetig neue Kinder hinzu, die in dieser Altersgruppe Interesse am Pfadfinden haben und es werden immer wieder Kinder zu Pfadfinder*innen, doch die Meute bleibt.

Stämme, die dieses Konzept verfolgen, profitieren zunächst von einer gewissen Bündelungswirkung. Drei, teilweise auch vier Jahrgänge werden von derselben Gruppenleitung betreut. Im Sinne unserer obigen Rechnung sorgt das für ein wenig Entspannung – aber nicht für viel. Auf der Seite des Nachwuchses neuer Pfadfinder*innen-Gruppen sorgt das Meuten-Konzept aber vielerorts für Kontinuität, da regelmäßige Ausgründungen zu immer neuen Gruppen führen.

Wirklich entlastend wirkt das Modell aber erst, wenn ältere Mitglieder des Stammes zur Leitung der Meute eingesetzt werden und diese Aufgabe langfristig übernehmen.

Unsere Stufenkonzeption sieht erwachsene Gruppenleitungen in der Kinderstufe sogar explizit vor. Hier wird zwar von einem pädagogischen bzw. entwicklungspsychologischen Standpunkt aus argumentiert, aber auch aus einer organisatorischen Sicht können Erwachsene im VCP auf der Ebene der Stämme an dieser Stelle einen sehr wichtigen Beitrag zur Stabilität leisten.

Der durch Jugendliche zu überbrückende Zeitraum verkürzt sich damit auf etwa fünf bis sechs Jahre und kann im besten Fall mit zwei Gruppenleiterpaaren bewältigt werden. Unsere Rechnung von oben geht dann positiv aus; der Stamm wächst!

Die Rolle der Erwachsenen im Stamm

Was die vorigen zwei Abschnitte zum Ausdruck bringen sollten, ist, dass es im Stamm ein Gleichgewicht geben muss, zwischen den Bedarfen an Mitarbeiter*innen in Gruppen und anderen Ämtern und der Anzahl der dafür zur Verfügung stehenden Menschen. Dieses Gleichgewicht ist jedoch nicht frei definierbar oder ein statisches Gebilde, sondern ein fortwährender Kreislauf, den es stabil zu halten gilt. Kinder werden älter, werden dann R*Rs, übernehmen Gruppen und verlassen schließlich die aktive Arbeit des Stammes. Zugang und Abgang in und aus der Mitarbeiter*innenschaft eines Stammes muss sich mindestens die Waage halten. Ist der Zugang geringer und der Abgang größer, schrumpft der Stamm und kann weniger Gruppen anbieten.

Eine Ausdehnung der oben beschriebenen zwei bis drei Jahre, die Mitarbeiter*innen aktiv sind, hat einen enormen Effekt auf die Möglichkeiten eines Stammes.

Und so sind nicht selten Zufälle und individuelle Lebenswege einzelner Mitglieder „Erfolgsfaktoren“ funktionierender Stämme: Ein Mitglied, das ihr FSJ vor Ort macht und damit ein Jahr länger dabei ist. Oder – wie unter den Autoren geschehen – ein Mitglied, dass mal eine Klasse wiederholt hat und deshalb auch noch mit zwanzig Jahren da ist. Mitarbeiter*innen, die eine Ausbildung vor Ort machen und es schaffen, trotz Beruf und Schule das Pfadfinden nebenbei weiter betreiben zu können. Oder eben Ältere, die noch oder wieder vor Ort sind und den Stamm unterstützen. All das ist ein Plus für einen Stamm, hier stehen zusätzliche Ressourcen zur Verfügung.

Wir sollten uns im VCP aktiv damit auseinandersetzen, wie wichtig die Altersgruppen jenseits der zwanzig Jahre für die Stabilität der Stammesarbeit sein können. Nicht wenige Stämme gibt es nur, weil sie durch Erwachsene gegründet wurden und nicht wenige Stämme gibt es nur noch, weil Erwachsene in den schwierigen Jahren ihre Arbeit intensiviert haben und damit zu einer Kontinuität in der Arbeit des Stammes beigetragen haben. In der Rolle der oben beschrieben Meutenleitung oder an anderer Stelle.

Konstruktive Rollen für Ältere Grafik: Miriam Lochner

Grafik: Miriam Lochner

„Jugend führt Jugend“

Der alte bündische Grundsatz von „Jugend führt Jugend“ wird an vielen Stellen im Verband hochgehalten und hat Tradition in den Verbänden und Bünden. Ein hehres Ziel, doch in einer engen Auslegung halten wir diesen geläufigen Ausspruch für gefährlich. Nicht für die einzelne Gruppe, sondern für die Zukunftsfähigkeit des Stammes. Dass die Gruppen eines Stammes vorzugsweise von R*Rs geleitet werden, ist gut und richtig. Auch ist es aus unserer Sicht von großer Bedeutung, dass die „aktive“ Generation die jeweilige Stammesleitung stellt oder an ihr auf Augenhöhe beteiligt ist. Doch sollten Stämme überlegen, ob Ältere an bestimmten Stellen im Stamm nicht sehr wertvolle Beiträge leisten können.

Das Stellen der richtigen Fragen im Stammesrat, das Führen der Kasse, der Überblick über die Fördermittel und deren Beantragung, der kontinuierliche Kontakt zur Gemeinde oder zur Kommune – all das und einiges mehr sind Aufgaben, die bei einer ansonsten hohen Fluktuation in der Kernmitarbeitendenschaft nur schwerlich in einer zuverlässigen Art organisiert werden können.

Hier spielen auch Aspekte wie die Weitergabe von Wissen, Erfahrung und Beziehungen eine Rolle.

Wer mit sechzehn Jahren eine Gruppenleitung und womöglich auch gleich eine Stammesleitung übernimmt, startet damit einen persönlichen Lernprozess und sammelt Erfahrungen. Learning by Doing im besten Sinne der Idee – begleitet von Schulungsangeboten des Verbandes. Fehler zu machen, ist hier Teil unseres Konzeptes. Für die langfristige Stabilität eines Stammes kann jedoch das rollenbewusste (!) Einbringen von Erfahrungen in diesen Prozess stark begünstigend wirken.

Alte Stämme sind häufig Zufall oder Glück – und manchmal das Ergebnis von Planung

So wie wir die Balance im Niveau der Mitarbeiter*innenschaft oben beschrieben haben, entsteht der Eindruck eines sehr zerbrechlichen Gebildes. Stämme, die nur R*Rs im Stammesrat sitzen haben, müssen tatsächlich rechnen, wie es die nächsten Jahre weiter geht und wer wann geht. Irritationen, wie ein Auslandsjahr einer*eines Einzelnen oder gar ein Streit können Stämme dieser Art in Bedrängnis bringen. Stämme in dieser Organisationsform haben entweder eine stark etablierte und präzise Steuerung und eine zuverlässig zyklische Zukunftsplanung oder schlicht und ergreifend Glück. Deutlich stabiler sind Stämme mit einer Uni im Ort oder in der Nähe, mit Erwachsenen im Hintergrund, mit Einzelnen, die länger bleiben, mit Quereinsteiger*innen, die zusätzlich dazu kommen.

Zur Wahrheit gehört aus unserer Sicht auch, dass eine 16-jährige Stammesleitung zunächst einmal auf der operativen Ebene schaut, dass alles seinen Gang geht: Wer plant das PfiLa? Haben wir einen Bulli fürs Abzelten? Sind die Einladungen für den Elternabend schon raus? Warum macht die Gruppe Schneehuhn jede Woche dasselbe? Ist das Jurtendach immer noch gerissen? Alltägliche Fragen im Stamm, die es zu klären gilt – und viel Arbeit. Einen strategischen Blick auf den eigenen Stamm hat man in dieser Rolle nicht einfach so und die Perspektive erschließt sich auch nicht nebenbei. Mit Abstand auf den eigenen Stamm zu blicken, seinen historischen Werdegang nachzuvollziehen und die aktuelle Situation hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die nahe und mittlere Zukunft einzuschätzen, dazu braucht es Ruhe, gute Gespräche, Abstand vom Alltag und möglicherweise auch eine Moderation.

Die Verantwortung des Verbandes

Als Verband sollten wir all dies nicht dem Zufall überlassen. Das Baghira-Programm leistet hier bereits einen sehr wertvollen und stammesspezifischen Beitrag. Dennoch sollten wir uns eingehend mit verschiedenen Organisationsmodellen von Stämmen befassen und Empfehlungen aussprechen, die unter zumutbaren Anstrengungen für langfristige Stabilität sorgen. Ganz ähnlich wie wir den pädagogischen Teil unserer Jugendarbeit schulen, sollten wir auch den organisatorischen Teil stärker in den Fokus unserer Aufmerksamkeit rücken. Wir sollten ein tieferes Verständnis dort schaffen, wo es gebraucht wird: In jeder aktiven Generation eines Stammes aufs Neue.

Unser Verband sollte dafür sorgen, dass Stämme ihre Zukunft und ihre Vergangenheit ganz selbstverständlich im Blick haben, dass es vor Ort ein tiefes Verständnis für den Zyklus der Generationen und seine zahlenmäßigen Zusammenhänge gibt.

Wir sollten die Möglichkeiten konstruktiver Rollen von Älteren besprechen und ins Bewusstsein rücken und damit Wissenstransfer, soziale Verankerung zu lokalen Partnern und finanzielle Sicherheit fördern.

Hier liegen Aufgaben für den Verband. Insbesondere für den Bund und die Länder. Hiermit kann der Arbeit vor Ort in den Stämmen durch die „Ebenen“ geholfen werden.

Bedarf an Leitungen Grafik: Eric Stahlmann

Grafik: Eric Stahlmann

 

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