Neun Jahre Bildungsreferent im VCP

Tim, du warst fast neun Jahre im VCP als Bildungsreferent aktiv. Wenn ich überlege, was du alles gemacht hast, dann fallen mir die Stufenarbeit, Kindesschutz und Prävention, Verbandsentwicklung oder unsere Partnerschaft mit Simbabwe ein – aber auch die Stellvertretung des Generalsekretärs.

Was würdest du im Nachhinein als deine liebsten Themen beschreiben?

Grundsätzlich haben mir immer die Themen Freude gemacht bei denen ich den Eindruck hatte, etwas bewirken zu können und den Verband mitzugestalten. Das waren wirklich viele verschiedene inhaltliche Themen und übrigens nicht immer welche, die im Verband von vornherein mit offenen Armen aufgenommen wurden, wie im Bereich Kindesschutz und Prävention zum Beispiel. Das ist eigentlich eher ein unbequemes Thema aber da haben wir mittlerweile eine große Sensibilität und Handlungskompetenz im Verband erreicht und das freut mich.

Inhaltliche Meilensteine waren sicherlich die Verabschiedung der Stufenkonzeption, die Verständigung auf ein Selbstverständnis zur Prävention sexualisierter Gewalt, der Beschluss einer Strategie im Rahmen der Verbandsentwicklung, aber auch die Aktivitäten im Bereich Nachhaltigkeit, der internationalen Arbeit… und so viel mehr. Es ist genau diese Vielfalt, die für mich VCP ausmacht und auch in der Tätigkeit als Referent so bereichernd war. In jedem Fall hingen die liebsten Themen für mich immer auch mit den Menschen zusammen, mit denen ich diese Themen zusammen erarbeiten durfte.

Wie kam es zu deiner Affinität zu Afrika – oder zum internationalen Bereich?

Pfadfinden ist die größte internationale Jugendbewegung der Welt. Diese Internationalität auch im VCP zu leben und zu erleben war mir immer wichtig. Gemeinsame pfadfinderische Werte, Wurzeln und Praktiken schaffen über Länder und Kulturen hinweg eine Verbindung und sind eine ganz wichtige Grundlage für Begegnung und Austausch. „Wer gemeinsam singt, schießt nicht aufeinander.“ heißt es. Diese Dimension ganz persönlicher interkultureller Begegnung und Freundschaft finde ich in heutigen weltpolitisch eher unruhigen Zeiten besonders wichtig.

Ich persönlich habe mich dabei insbesondere im Aufbau der Partnerschaft zu den simbabwischen Pfadfinderinnen und Pfadfinderverbänden einbringen können und das hat mir sehr geholfen, mich selbst und auch den VCP aus einer anderen Perspektive zu reflektieren. Beeindruckt an den afrikanischen Partnerinnen und Partnern hat mich vor allem die große Hingabe ans Pfadfinden, die unbändige Freude und Überzeugung, mit der Pfadfinden gelebt wird und auch die Gabe, unter widrigsten Bedingungen Kindern und Jugendlichen Hoffnung, Schutz und Freude zu schenken und ihnen eine Perspektive zu geben.

Aber auch im konzeptuell-inhaltlichen Bereich ist internationale Vernetzung wichtig. Ohne die Beteiligung im internationalen Kindesschutznetzwerk „Safe from harm“ des Weltpfadfinderverbands WOSM zum Beispiel stünden wir im Bereich Prävention und Kindesschutz jetzt nicht da, wo wir stehen.

Du bist promovierter Psychologe. In welchen Bereichen konntest du diese Qualifikation besonders nutzen?

In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit Entwicklungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen beschäftigt, und das hat mir direkt zu Beginn meiner Tätigkeit geholfen, als es um die inhaltliche und entwicklungspsychologische Ausarbeitung der Stufenkonzeption ging. Ansonsten habe ich immer versucht, Wissenschaft und VCP zusammenzubringen, weil ich finde, dass der VCP einerseits ein großartiges Forschungs- und Erkenntnisfeld für die Jugendforschung ist und andererseits sehr von Forschungsergebnissen (z.B. aus Jugendstudien) profitieren kann. Ich freue mich, dass zunehmend mehr VCPerinnen und VCPer ihre wissenschaftlichen Arbeiten, die sie im Rahmen ihres Studiums schreiben müssen im oder über den VCP schreiben. Das habe ich immer sehr gerne begleitet.

Welche Großveranstaltungen im VCP haben dich am meisten beeindruckt?

Ehrlich gesagt bleiben mir vermutlich eher die kleinen Gruppen in Erinnerung als die großen Events. Gerade in kleineren Teams und in inhaltlichen Fach-, Projekt- und Arbeitsgruppen hatte ich das Gefühl, mich wirksam einbringen zu können. Aber natürlich war die Teilnahme am Jamboree in Schweden oder auf den Bundeslagern 2010 und 2014 auch etwas ganz besonderes für mich. Inmitten dieser vielen jungen Menschen habe ich immer wieder gemerkt, für wen wir die ganze inhaltliche Arbeit in der Bundeszentrale eigentlich machen.

Was hat dir in deiner Zeit als Bildungsreferent besonders gut gefallen?

Ich finde, dass wir trotz aller Unterschiedlichkeit und inhaltlicher Differenzen, die es immer gibt, im VCP eine sehr wertschätzende und respektvolle Kultur des Miteinanders haben. Eine Kultur, die auch bei mir als Referenten immer auch den Mensch dahinter gesehen hat und nie nur die Aufgabe oder Funktion. Das betrifft sowohl die Zusammenarbeit mit der Bundesleitung, als auch mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Bundeszentrale oder in den zahlreichen Gruppen und Gremien des Verbands, in denen ich mitwirken konnte.

Was hat dich eher irritiert?

Obwohl ich auch VCPer bin hatte ich manchmal das Gefühl, als Hauptberuflicher etwas nebendran zu stehen oder nicht richtig dazuzugehören. An diese Rolle musste ich mich erst gewöhnen.

Wenn du heute versuchst, zurückzublicken – was kannst du aus dieser Zeit im VCP mitnehmen? Gibt es etwas, auf das du besonders stolz bist?

Es erfüllt mich mit Freude, wenn ich sehe, dass die Dinge, an denen ich mitarbeiten konnte, im Verband Wirkung entfalten, dass sie umgesetzt werden und vor Ort als hilfreich und unterstützend wahrgenommen werden und den VCP weiter bringen.

Ich nehme mit, dass am Abend des Tages am Lagerfeuer manch hitzig geführte Debatte in einem ganz anderen, sanfteren Licht erscheint. Ich nehme die Erkenntnis mit, dass wir als christliche Pfadfinderinnen und Pfadfinder eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen. Und ich nehme mit, dass sich im VCP inhaltliche Arbeit und der Wille zur ernsthaften Auseinandersetzung auf der einen Seite und Spaß, Humor und Ausgelassenheit auf der anderen Seite wunderbar ergänzen.
Ganz persönlich ist mir auch meine Aufnahme als Pfadfinder in den VCP in unvergesslicher Erinnerung. Sie hat in unvergleichlich schöner Atmosphäre gemeinsam mit den simbabwischen Pfadfinderinnen und Pfadfindern und der VCP-Delegation stattgefunden – an dem Ort, an dem 1959 das erste zentralafrikanische Jamboree stattfand.

Was klar ist, ich gehe nicht als der Mensch, als der ich vor fast neun Jahren gekommen bin. Der VCP hat mich als Person stark geprägt und ich nehme viel mit. Und außerdem bleibe ich ja VCPer und bin schon gespannt, wo und wie wir uns wiedersehen!

Viele Grüße und Gut Pfad!
Tim

Ein spannendes Abenteuer in Zimbabwe