Pfadfinden im Verborgenen

von Max Zeterberg

Auch Pfadfinden war in Deutschland mal nur im Geheimen möglich. Zum Beispiel während des deutschen Faschismus: Damals waren alle Jugendgruppen außer der Hitlerjugend (HJ) verboten. Die HJ mit ihren Untergliederungen Jungen und Mädchen sollte die einzige Jugendorganisation sein. Bis 1934 wurden die allermeisten anderen Jugendverbände verboten, mussten ihre Mitglieder an die HJ abgeben oder haben sich selbst aufgelöst. Das betraf auch die meisten Pfadfinder*innenbünde.

Die größten interkonfessionellen Pfadfinderbünde hatten sich noch im März 1933 zum „Großdeutschen Bund“ zusammengeschlossen und zum Nationalsozialismus bekannt, um durch ihre Größe und die öffentlich bekundete Linientreue einem Verbot zu entgehen. Das hat aber nichts gebracht, der Großdeutsche Bund wurde im Juni 1933 verboten. Die evangelischen Pfadfinder*innenbünde mussten alle ihre Mitglieder unter 18 Jahren an die Hitlerjugend abgeben. Von den größeren Bünden durfte nur die katholische DPSG noch bis 1938 weitermachen, aber auch ihre Gruppen waren immer stärkerer Repression ausgesetzt.

Abgesehen von dieser Sonderregelung war Pfadfinden ab 1934 fast nur noch illegal, also im Geheimen möglich. Über diese illegalen Aktivitäten gibt es nur wenige Berichte und noch weniger Belege. Denn schriftliche Aufzeichnungen oder Fotos wurden vermieden. Wenn sie gefunden worden wären, hätte das die Jugendlichen in Gefahr gebracht. Es liegt aber vermutlich nicht nur an diesem Überlieferungsproblem, dass wir nur wenig über geheimes Pfadfinden wissen. Wahrscheinlicher ist, dass es nur eine kleine Minderheit war, die sich in der Illegalität weiter getroffen hat. Geheimes Pfadfinden war also die Ausnahme und nicht die Regel.

Was aber nur sehr wenigen bekannt ist: Zu dieser Ausnahme gehörte einer der Vorgängerbünde des VCP. Der spätere Bund Christlicher Pfadfinderinnen (BCP) hat sich bereits Ostern 1942 gegründet! Diese Gründung war so abenteuerlich, wie man es sonst nur aus schlechten Filmen kennt. Im Buch „Feuer und Altar“ wird sie folgendermaßen beschrieben:

In den Ostertagen 1942 findet in Castell ein heimliches Treffen statt. […] Sieben Mädchen spricht Christel an. Sie steigen am 5. April 1942 in der Nacht vom Ostersonntag zum Ostermontag über die Mauer in den Friedhof der Fürstenfamilie. Und versammeln sich um das große steinerne Kreuz. Sie schließen den Ring. Und jede Anwesende spricht das Gelöbnis: ‚Ich verspreche meinem Herren Jesus Christus Treue. Sein Evangelium soll die Richtschnur meines Lebens sein.
(Hedwig Döbereiner: Feuer und Altar, S. 79)

In den folgenden Jahren werden an verschiedenen Orten in Bayern Pfadfinderinnengruppen gegründet, die sich nach Kriegsende 1945 ganz offiziell zum BCP zusammenschlossen.

Diese Geschichte sollte uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die große Mehrheit der Pfadfinder*innen bereitwillig im Nationalsozialismus mitmachte und sich der HJ anschloss. Das trifft insbesondere auf die evangelischen Pfadfinder*innen zu, die auch schon vor 1933 teilweise mit der HJ zusammengearbeitet und in ihrem Schriftgut oft eine geistige Nähe zum Nationalsozialismus gezeigt hatten.

Diese Zeitleiste ist ursprünglich 2005 in dem Artikel Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg erschienen.

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Max Zeterberg

Foto: Lena Simosek

Max Zeterberg aus dem VCP Berlin­-Brandenburg promoviert an der Uni Kassel zu Geschichte von Jugendverbänden in den 60er – und 70er-Jahren am Beispiel der Pfadfinder*innen.