Raus in die Neue Welt

Im 19. Jahrhundert verließen Millionen Menschen Europa, um in der Ferne ihr Glück zu suchen. Die meisten kamen von den britischen Inseln, vor allem aus Irland. Knapp 6 Millionen Deutsche wanderten zwischen 1820 und 1930 nach Amerika aus. Gründe dafür gab es viele. Der Wunsch nach religiöser und politischer Freiheit, aber am häufigsten war die blanke wirtschaftliche Not. Für fast alle war es eine Reise ohne Wiederkehr.

BT_auswandererhaus_kojenDie Segelschiffe, mit denen die Auswanderer bis etwa 1880 Deutschland verließen, waren eigentlich Frachtschiffe, die Waren von Amerika nach Europa brachten. Auf der Rückreise von Europa nach Amerika war dann entsprechend Platz frei – und der wurde nun mit auswanderungswilligen Menschen gefüllt: ein gutes Geschäft für die Reedereien. Die Menschen verbrachten die Überfahrt – je nach Klassen – meist eng gedrängt bei schlechter Versorgung und unsäglichen hygienischen Verhältnissen. Gerade Kinder und schwächere Menschen wurden schnell krank und starben. Eine Verbesserung der Situation brachten die Dampfschiffe, die nur noch 14 statt 44 Tagen für die Atlantiküberquerung brauchten. Durch die Konkurrenz zwischen den Reedereien und ein Auswanderungsschutzgesetz wurden die Bedingungen für die Auswanderer besser und auch die Überfahrten günstiger.

Wie es den Menschen im 18. Jahrhundert ergangen ist, lässt sich in Bremerhaven im Deutschen Auswandererhaus nicht nur verfolgen, sondern „nacherleben“.
Mit einer Boarding Pass und Chipkarte kann ich den Weg „meiner“ Auswanderin nachverfolgen. Ich begleite Justina Tubbe, geboren 1795 in Preußen. Nach dem Tod ihres Mannes konnte sie ihren Hof und die Felder nicht alleine bewirtschaften. Missernten durch Unwetter zerstörten endgültig ihre Lebensgrundlage. Mit über 60 Jahren wanderte sie aus nach Texas. Ich folge ihrem Weg über verschiedene Stationen, die erste ist der Wartesaal der 3. Klasse. Die nächste Station ist beeindruckend: Der Abschied an der Kaje. Hier stehen Menschen, Kleinbauern, Dienstmädchen, Handwerker in einfachen Kleidern, eher ängstlich als hoffnungsvoll, verloren in der Menge. Die Geräuschkulisse aus Wellenschlagen, Quietschen von Ankerketten und Befehlen, die von dem Schiff zu kommen scheinen wird ergänzt, als ich meine Chipkarte auf einer Medienstation ablege. Texte aus Abschiedsbriefen von Auswanderern – auf Englisch, polnisch, jiddisch und deutsch sind zu hören. Es ist ein Lebewohl, kein Auf Wiedersehen. In der „Galerie der 7 Millionen“ können die Biografien von Auswanderern gelesen werden. Hier finde ich auch Justina wieder. In der nächsten Station „Überfahrt“ sehe ich, wie eng die Kajüten waren, in der sich die Menschen, die in der 3. Klasse fuhren zusammen drängten. Auch hier lässt die Geräuschkulisse von Husten, Flüstern und Kinderjammern einiges erahnen. Oft brachen auf den Schiffen Seuchen aus, einen Schiffsarzt gab es nicht. Viele fanden nicht das Gelobte Land, sondern nur ein nasses Grab. Aber mit dem Erreichen des Ufers war es noch nicht geschafft. Denn nicht alle waren willkommen – trotz der warmen Worte auf dem Fuß der Freiheitsstatue: „Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren…“ Anarchisten, Revolutionäre, Kranke und Arme waren nicht so sehr als Einwanderer geschätzt, sondern Menschen, die Geld hatten. Aber Justina hat es trotz allem geschafft, auch wenn sie von New York noch wochenlang mit dem Ochsenkarren nach Texas unterwegs war. Sie hat das Gelobte Land erreicht.

Das Deutsche Auswandererhaus ist einen Besuch wert: www.dah-bremerhaven.de

Tipps zum Weiterlesen:

Simone Blaschka-Eick: In die Neue Welt. Reinbek 2010
Bernd Brunner: Nach Amerika. München 2009