Wenn sich die 90-jährige Oma freut

Wir haben bei „nurINprur“ mit einem der drei Gründer*innen gesprochen

Maximilian Randelshofer, VCP Bayern

Erschienen in der KIM II 2019

Im Ingolstädter Bahnhofs/Südwestviertel ist er, unscheinbar kurz vor dem Ende einer langen Straße kurz vor dem Hauptbahnhof, der Unverpackt-Laden: „NurInPur.“ Ein ehemaliger Autohändler war auf dem Grundstück beherbergt. Daneben steht ein modernes Geschäftshaus mit Büros und einer Bäckerei. Davor kann der Unverpackt-Laden schon mal übersehen werden.

Im Inneren erlebt man erstmal eine gewisse Entschleunigung beim Einkaufen. Keine meterlangen vollen Regale mit gefühlt hunderten von verschieden Artikeln in der gleichen Produktgruppe. Man sieht: loses Gemüse ohne Verpackung, Gewürze abgefüllt in großen Fässern, Müsli in Schüttgefäßen, Süßigkeiten in Gläsern und so weiter. Auch wenn ich in dieser Zeit nicht gelebt habe. Genauso stellt man sich einen alten Tante-Emma-Laden auf dem Land vor. Es gibt von allem etwas, nicht zu viel und nicht zu wenig. Nach unserem gemeinsamen Einkauf spreche ich mit Andreas Kuhn, Mitgründer und Gesellschafter von „NurINPur“ über ihre Beweggründe einen Unverpackt-Laden zu eröffnen, die Kunden und die Probleme mit denen die Gründer nach wie vor kämpfen müssen.

Andreas Kuhn, Simon Stapf und Kathrin Mantel – so heißen die Gründer des Unverpacktladens „NurINPur“. Alle drei sind hauptberuflich tätig und haben sozusagen nebenberuflich „aus Idealismus und als Herzensangelegenheit“, den Laden Oktober 2018 eröffnet. Finanziert haben die drei das Projekt mit privaten Eigenmitteln und über Crownfunding. 175 Unterstützer*innen haben ihr Kapital für den Laden zur Verfügung gestellt. Bereits 2014 wurde mit dem Projekt begonnen. Um den Laden eröffnen zu können musste das Gebäude umfassend saniert werden.

NurINPur“ will aber mehr als Geschäft sein in dem unverpackte Lebensmittel und der tägliche Grundbedarf eingekauft werden kann. Es wird zweimal die Woche ein Mittagstisch angeboten mit Zutaten aus dem Laden. Außerdem ist Show-Cooking und das Zeigen von Filmen geplant. Regelmäßig besuchen auch Schulklassen den Laden.

Doch welche Kunden gehen zu „NurINPur“? Sind es nur Ökos oder Menschen die gutes Geld verdienen und sich so versuchen ein reines Gewissen zu kaufen? „Vom Schulalter, über den Manager aus der gehobenen Mittelschicht der mit seinem SUV kommt, bis hin zur 90-jährigen Oma mit Rollator, die sich freut bedarfsgerecht einkaufen zu können, ist der Kundenkreis bunt gemischt“, erklärt mir Andreas.

Vor allem ein Aspekt ist den Gründern wichtig. „Es ist uns bekannt, wo die Lebensmittel herkommen. Wir kennen bis auf wenige Ausnahmen alle Lieferanten“ sagt Andreas und ergänzt: „Oftmals läuft die Beschaffung zum Beispiel beim Getreide auf dem kurzen Dienstweg.“

So einfach und gemütlich der Laden auch wirkt, so schwer ist oftmals die Beschaffung der passenden Lebensmittel. Passend bedeutet in diesem Fall in möglichst großen Verpackungseinheiten, denn kleinere Verpackungseinheiten bedeuten auch mehr Verpackung oder eben die Verpackung selbst ist das Problem. Andreas erklärt dies an einem Nudel-Lieferanten aus Baden-Württemberg. „Wir wollten Nudeln in 20-Kilo-Papier-Säcken dort kaufen. In kleineren Verpackungseinheiten werden die Nudeln dort schon produziert. Die Umstellung der Produktion auf 20-Kilo-Einheiten würde beim Lieferanten allerdings zwei Jahre dauern.“ Ganz ohne Verpackung geht es bei einer Handvoll Lebensmittel dann doch nicht. Früchte oder Nüsse, die Schiffwege hinter sich haben müssen schon deswegen verpackt oder vakuumieret werden, aufgrund des möglichen Schädlingsbefalls, Geschmacksverlusts oder drohenden Pilzbefalls.

Zurzeit werden immer mehr Unverpackt-Läden eröffnet in Deutschland. 20 Kilometer entfernt von Ingolstadt, eröffnete Anfang April in Neuburg/Donau die „Auffüllbar.“ Andreas ist Idealist, aber keiner der belehren will mit der Brechstange. Er hat für durchschnittliche Konsumverhalten in Deutschland eine einfache Erklärung: „Es wird den Verbraucher*innen oftmals keine andere Wahl gelassen.“

Fakt ist, die Unverpackt-Läden haben einen Nerv getroffen bei allen Bevölkerungsschichten. Die Kunst ist oftmals nur, aus seiner eigenen Komfortzone auszubrechen. Auch ich.