Wer hat denn nun recht?

Strittige Frage beim Landestreffen der Erwachsenen in RPS Mai 17 im Martin-Butzer-Haus in Bad Dürkheim

Eine kleine Anekdote vorweg: Zweie streiten sich fürchterlich. Kommt ein Dritter hinzu und will schlichten. Er habe recht, sagte der Erste und erläutert seinen Standpunkt. Ja, da hast du recht, meinte der Dritte. Schreit der Zweite: das kann ja gar nicht sein, denn ich habe recht, und behauptet seine Version. Sagt der Dritte: Aber ja, da hast nun du recht. Da beschimpfen alle beide den Dritten: Du kannst doch nicht sagen, dass wir beide recht haben! Meint der Dritte: Da habt ihr nun auch wieder recht.

Für unsere Frühjahrstagung hatten wir uns ein heikles und spannendes theologisches Thema vorgenommen: „Sind Altes und Neues Testament gleichberechtigte Grundlagen unseres heutigen Christentums?“ Ein von mir erstellter Fragebogen nach der Glaubensverbindlichkeit, mit sieben Thesen, vorher an die Freund*e*innen verschickt, hatte das Thema – zugegebenermaßen ziemlich provozierend – angerissen. Sie verdichteten sich in der Frage nach der Diskrepanz zwischen der Gottesvorstellung im AT – ein Gott der Rache (Sintflut), des Zorns (Elias), der Strafe (Sodom) oder der Plage (Hiob), und dem uns durch Christus verkündeten Gott der Barmherzigkeit, Liebe und Vergebung.

Unser Referent, Dr. Werner Schwartz, ehemals Dekan von Frankenthal, dann Direktor der Diakonissenanstalten Speyer-Mannheim, Ehrenpfadfinder unseres Frankenthaler VCP-Stammes, zeigte zuerst einmal die 2000jährige Entwicklungsgeschichte des AT auf, von den archaischen Gesetzen, den historischen Berichten, den ethischen Geboten und Erziehungsmaßnahmen mit vielen Sprüngen und Veränderungen. Schwartz wies auch auf die Gebote der Fürsorge und des Erbarmens sowie auf die Schönheiten der Psalmtexte und die Weisheiten des alten Judentums hin und auf die Entwicklungslinien (trajectories – Flugbahnen) die sich im Alten auf das Neue Testament hin zeigen. Vor allem aber: Jesus war Jude, in seiner jüdischen Umwelt und der damalige Denkweise großgeworden und erzogen und hat selbst bei seinen Reden und Predigten immer wieder auf die altüberlieferten Texte hingewiesen – „wie denn die Schrift sagt …“

Es ist natürlich nicht möglich, das mehr als dreistündige lebhafte Gespräch hier zu reflektieren. Ein Fazit konnten wir jedenfalls ziehen: Gott-sei-Dank ist in unserer Evangelischen Kirche die Freiheit des Denkens möglich und muss nicht durch unrealistische Dogmen, Fundamentalismus und einfältige Engstirnigkeit eingeschränkt werden. Auch ein bibelkritisches Lesen des AT ist möglich und hilfreich wenn man dabei, über zwei Jahrtausende hinweg, die Umstände betrachtet, in denen die Texte von vielen hunderten Menschen und in ihrer jeweiligen Zeit verfasst wurden, mit den unterschiedlichsten Zielsetzungen und Wissensständen, theologischen Ansätzen, erzieherischen Absichten und auch mit manchmal allzu deutlichen Widersprüchen.

Dann nämlich erschließen sich viel besser eben diese Weisheiten z.B. in den Sprüchen oder im Kohelet oder die wunderbare Sprache in den Psalmen.

Die gleiche Lesart der Bibel ist genauso sinnvoll im NT. Denn dann versteht man erst richtig die Verherrlichung Christi durch Paulus und die Evangelisten, die tiefe Symbolik in den Bildern und Gleichnissen, den Heiligen Geist in der Lehre Jesu und die lebensbejahende und befreiende Botschaft des Evangeliums.

Mokka