Wertschätzung next level

von Natascha Sonnenberg

Jede*r von uns hat sicher eine Antwort auf die Frage, warum er*sie Pfadfinder*in ist. Für mich war ein Teil meiner Antwort immer: die gemeinsamen Werte, die Art, wie man miteinander umgeht, dass man jede*n so nimmt, wie er*sie ist. Immer wieder kommen mir aber Zweifel daran, ob wir im VCP eigentlich wertschätzend genug miteinander umgehen. Warum beschäftigt mich das? Als Schatzmeisterin und damit Teil des Bundesvorstands bin ich schon wegen meines Amtes in einer Position, in der meine Arbeit von vielen Menschen beäugt und bewertet wird. Ich möchte meine Sicht auf Ehrenamt und Wertschätzung sowie meine Gedanken dazu mit Euch teilen. Es würde mich freuen, wenn dieser Beitrag zum Nachdenken anregt.

Vor knapp eineinhalb Jahren wurde ein neuer Bundesvorstand gesucht und ich habe viel darüber nachgedacht, ob ich dieser Aufgabe gewachsen bin. Schon damals lagen meine größten Zweifel neben dem zeitlichen Umfang darin, ob ich der gefühlten Dauerkritik, die einem in diesem Amt entgegenschlägt, gewachsen sein werde. Ich bin mir sicher, ihr kennt das? Man beginnt eine neue Aufgabe und kann es gefühlt niemandem Recht machen.

Nach über einem Jahr im Amt kann ich immer noch nicht sagen, ob ich mit den Erwartungen anderer und wie diese geäußert werden, umgehen kann. Es gibt Phasen, in denen ich aufgeben will und mich frage, ob ich das Aushalten der Erwartungsäußerungen Anderer und die gefühlte Geringschätzung meines Engagements noch lernen werde.

Was lässt mich zweifeln?
Ein paar Beispiele, die ich erlebt und die mich nachdenklich und traurig gemacht haben:

  • Ist es ok, wenn unser nicht wertschätzender Umgang miteinander dazu führt, dass Tränen fließen? Wenn jemand weint, ist was falsch gelaufen, finde ich.
  • Ich verstehe den Gedanken des Feedbackgebens und dass dieses im besten Fall dazu führt, dass sich etwas positiv verändert. Aber ist es okay, Menschen, die Zeit und Engagement in ein Amt gegeben haben, mit harscher Kritik am Ende ihres Engagements abzustempeln? Jede*r Pfadfinder*in soll gestärkt aus einer Arbeit rausgehen, mit Möglichkeiten weiterzuwachsen. Wir sollten beim Feedback geben immer abwägen, wie viel Positives ich damit wirklich (noch) bewirken kann.
  • Reicht es aus, nur formale und juristische Aspekte heranzuziehen bei der Frage, ob mein Verhalten und der Umgang mit einer Personaldebatte in Ordnung ist? Die Einhaltung dieser Punkte ist der Mindestanspruch, aber vor allem sollte es immer darum gehen, abzuschätzen, welche Wirkung eine Personaldebatte auf Menschen hat.
  • Wir erhalten immer wieder E-Mails, die nicht wertschätzend formuliert sind. Verfasser*innen von Facebook-Posts scheinen sich nicht immer bewusst zu sein, dass damit eine Person ganz persönlich und öffentlich angegriffen wird. Je mehr (berechtigte) Kritik ich anbringen möchte, um etwas zu verändern, desto mehr sollte ich überlegen, wie ich es formuliere und ob es nicht besser wäre, nur diese Person einzeln anzusprechen.
  • Jede*r von uns hat mal mehr und mal weniger Zeit. Ist es in Ordnung, wenn wir uns gegenseitig nicht eingehaltene Fristen vorhalten? Warum vertrauen wir nicht, dass der*die andere sein Bestmögliches gibt?

Dies sind nur einige Beispiele aus meinem Umfeld. Doch wie gehe ich mit solchen Situationen um? Ich versuche mich im Perspektivwechsel, frage mich: Warum handeln die Leute so?

Ist man diesen Umgang beispielsweise aus der Schule, der Arbeit gewohnt? Wenn ja, dann müssen wir Pfadfinder*innen den Anfang machen. Die Welt verändern und besser hinterlassen, das ist unser Auftrag und den können wir hier direkt leben.

Ich habe mit einigen Leuten über ihre Wahrnehmung von Wertschätzung im Verband gesprochen. Oft kam die Antwort: „So ist unser Verband eben, Lob für Engagement gibt’s – wenn überhaupt – nur einmal am Ende, wenn man die Aufgaben wieder abgibt.“ Das sollte meiner Meinung nach geändert werden! Warum sagen wir nicht auch „Danke“, wenn jemand etwas wirklich gut macht oder wenn man sieht, wieviel Zeit und Leidenschaft jemand in ein Thema investiert.

In meinem Pfadfinder*innenverband ist Platz für Fehler, Platz für Wachstum und Platz für Vertrauen und Wertschätzung

Ich wünsche mir, dass wir uns im VCP über solche Themen Gedanken machen. Ich wünsche mir viele, die sich trauen, daran mit zu arbeiten. Wir müssen das Vorleben!

Und wenn ihr darüber nachdenken wollt, hier meine Anregungen an euch:

  • Jede*r wird so akzeptiert, wie er*sie ist: Was heißt das eigentlich in Bezug auf mein Land, Stamm oder meine Gruppe? Wie kann ich gut abwägen, Andersartigkeit von Menschen anzuerkennen und damit umzugehen, aber trotzdem genau hinzuschauen, falls Risiken für den Verband entstehen können? Wann muss ich jemanden einfach nochmal eine Chance geben und wann nicht?
  • Wann wurde mir das letzte Mal gesagt, dass ich eine großartige Arbeit mache? Wann habe ich das letzte Mal das zu jemanden gesagt?

Danke sagen – das würde ich nun gerne an dieser Stelle. Aus Platzgründen mache ich das persönlich 😊

Foto: Carsten Schramm