Wie Pfadfinden politisch wird

eine Pfadfinderin bei der UN-Frauenrechtskommission in New York

Paula_RDPPaula Neher, Mitglied des Arbeitskreis Internationales im Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder e.V. (BdP), vertritt ab dem 11. März Pfadfinderinnen aus der ganzen Welt bei der 60. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission und dem vorhergehenden Jugendforum. Sie ist Teil der Delegation der Weltpfadfinderinnenorganisation WAGGGS, in der auch der Ring Deutscher Pfadfinderinnenverbände (RDP) Mitglied ist. Denn in New York versammeln sich nicht nur Delegationen einzelner Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen (UN), sondern auch Nichtregierungsorganisationen (NGOs) können Delegierte senden.

Das oberste Ziel der 1946 gegründeten UN-Frauenrechtskommission ist die Stärkung von Frauen und ihrer Rechte. Zu den jährlich stattfindenden Sitzungen sind alle UN-Mitgliedstaaten eingeladen und dort wird darüber beraten, wie sich verschiedene weltpolitische Entscheidungen auf Frauen auswirken und wie eine Verbesserung der Lebenssituation von Frauen erreicht werden kann. Am Ende wird ein Beschluss, eine sogenannte Agreed Conclusion, verabschiedet, der festhält, was die Mitgliedsstaaten in der Frauenpolitik verändern und erreichen wollen.

In diesem Jahr wird das Ganze unter dem Oberthema der 2015 mit der Agenda 2030 neu beschlossenen nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) verhandelt. Diese wurden von den UN verabredet, um weltweiten Problemen und globalen Herausforderungen vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit gemeinsam zu begegnen. So sollen z.B. Armut und Hunger beendet, Ungleichheiten bekämpft und Geschlechtergerechtigkeit erreicht werden. Bildung, Gesundheitsversorgung, Zugang zu Trinkwasser und (nachhaltiger) Energie, nachhaltiger Konsum, die Bekämpfung des Klimawandels und eine globale Partnerschaft sind weitere zentrale Themen der Ziele. Kurz gesagt: Es geht darum, die Welt ein Stück besser zu machen – und das ist auch das Ziel von Pfadfinden.

Paula ist 22 Jahre alt und seit ihrem sechsten Lebensjahr, also seit 1999, Pfadfinderin im BdP. Sie studiert Politik und Wirtschaft und ist seit ihrem Freiwilligendienst 2012/2013 im internationalen Pfadfinderinnenzentrum Pax Lodge in London international im BdP aktiv. Dieses internationale Interesse ist vor allem beim Besuch des World Scout Jamborees 2007 in England entstanden und wurde 2010 bei einem Praktikum im internationalen Pfadfinderzentrum Kandersteg gefestigt. Als Mitglied des AK Internationales des BdP möchte Paula den deutschen Pfadis zeigen, wie bereichernd Pfadfinden außerhalb Deutschlands sein kann. Jetzt darf sie bei der UN-Frauenrechtskommission in New York die Belange der Pfadfinderinnen und Pfadfinder nach außen tragen und mitdiskutieren.
Der RDP im Gespräch mit Paula vor ihrer Abreise:

Liebe Paula, was genau machst du in New York?

Meine Aufgabe wird sein, als eine von zehn WAGGGS-Jugenddelegierten die Interessen von jungen Frauen und Mädchen zu vertreten. Dabei werden wir zum einen unsere Erfahrungen als junge Frauen und als Pfadfinderinnen teilen und zum anderen versuchen, Einfluss auf die Verhandlungen auszuüben, indem wir uns mit verschiedenen Regierungsvertreterinnen und -vertretern zusammensetzen. Außerdem werden wir an vielen Nebenveranstaltungen teilnehmen und dort Informationen sammeln. Spannend ist dabei, dass wir ein Team von Delegierten aus allen Kontinenten sind, da WAGGGS ja Mitgliedsorganisationen in 146 Ländern hat und von diesen auch möglichst viele vertreten sein sollen.

Was sind die wichtigsten Themen, die auf der Veranstaltung besprochen werden?

Das ist jetzt im Vorhinein natürlich noch etwas schwer zu sagen, aber das Oberthema ist das Empowerment von Frauen, also die Selbstermächtigung bzw. die Unterstützung bei der Entdeckung eigener Stärken und dem Entwickeln von Selbstbestimmung, und die nachhaltige Entwicklung. Es wird sich also viel darum drehen. Es gibt eine Liste von begleitenden Veranstaltungen, die von verschiedenen Regierungen, den UN oder NGOs ausgerichtet werden und viele von ihnen haben die SDGs, Gewalt gegen Frauen und Gewaltprävention als Themen. Diese Themen werden sicherlich auch in den Verhandlungen eine große Rolle spielen.

Welches Thema liegt dir am meisten am Herzen?

Als Jugenddelegierte und junge Frau ist es mir besonders wichtig, dass junge Menschen und ihre Meinungen nicht nur gehört, sondern auch in die Verhandlungen einbezogen werden. Immerhin geht es um nachhaltige Entwicklung und wir sind als nächste Generation am meisten von den heutigen Entscheidungen betroffen. Das ist immer wieder etwas, worauf man Politikerinnen und Politiker und Regierungen aufmerksam machen muss. Viele meinen, dass es reicht, sich das anzuhören, was wir zu sagen haben, aber wir wollen ja auch sehen, dass unsere Probleme und Sorgen aufgenommen werden und etwas getan wird.

Wie hast du dich auf die Teilnahme vorbereitet?

Zur Vorbereitung gab es sehr viel Unterstützung von WAGGGS. Wir hatten einige Webinare, in denen uns von der Struktur der UN über unsere Aufgaben bis hin zur Packliste alles erklärt wurde, was wir für den CSW wissen müssen. CSW steht für Commission on the Status of Women und ist der englische Begriff für die Frauenrechtskommission. Es hat total Spaß gemacht, bei der Vorbereitung die anderen Jugenddelegierten kennenzulernen. Natürlich gehörte zur Vorbereitung auch etwas eigenständige Arbeit. Ich habe viel über die SDGs recherchiert und auch die ersten Entwürfe der Agreed Conclusion gelesen. Das war zuerst gar nicht so einfach. So eine Agreed Conclusion ist schließlich ein juristisches Dokument.

Außerdem wurden wir in Gruppen zur Vorbereitung verschiedener Bereiche aufgeteilt. Ich bin in der Gruppe, die sich mit der Planung und Gestaltung der von WAGGGS in New York angebotenen Veranstaltungen beschäftigt. Es war dabei super interessant zu sehen, wie man Pfadi-Methoden auch für Veranstaltungen wie diese bei der UN-Frauenrechtskommission anwenden kann. Da merkt man richtig, wie viel Wertvolles wir bei den Pfadis lernen.

Des Weiteren habe ich auch Kontakt zur Deutschen Regierungsdelegation aufgenommen. Ich bin zwar Teil der Delegation einer NGO, aber es ist trotzdem spannend zu hören, was die Rolle der Regierungsdelegation sein wird und wie Deutschland zu den einzelnen Themen der Verhandlungen steht. Schließlich hat das im Rückschluss auch wieder Einfluss auf die deutschen Pfadfinderinnen, die ich in New York vertrete.

Wie bist du Teil der WAGGGS-Delegation geworden?

Auf der WAGGGS-Webseite gab es eine offene Ausschreibung, auf die ich mich mit Unterstützung der amtierenden Internationalen Beauftragten des BdP, Ostara Schwarz, in einem langen Schreiben mit Motivation und Kenntnissen zum Thema beworben habe. WAGGGS versucht immer, eine möglichst internationale Delegation aus allen Kontinenten zusammenzustellen. Deswegen ist die Auswahl auch ein bisschen eine Glückssache, je nachdem wie viele Leute aus Europa sich bewerben. Für die Klimakonferenzen im letzten Jahr hatte ich mich auch beworben, da hat es leider nicht geklappt.

Was ist deine Rolle als Pfadfinderin auf der Konferenz bzw. was genau macht WAGGGS auf der CSW 60?

Das ist eine gute Frage. Hier wird es etwas komplizierter, weil das auch etwas mit den Strukturen der UN zu tun hat. Wichtig zu wissen ist auf jeden Fall, dass in der UN nicht nur die Mitgliedsstaaten Akteure sind, sondern auch Nichtregierungsorganisationen mitwirken dürfen und regelmäßig konsultiert werden. WAGGGS und WOSM, zwei der sechs weltweit größten Jugendorganisationen und somit wichtige NGOs, haben einen Sitz beim Wirtschafts- und Sozialrat der UN (ECOSOC). Der UN-Frauenrat ist Teil dieses Ausschusses und für WAGGGS als NGO und weltgrößtem Verband, der die Interessen von Mädchen und jungen Frauen vertritt, besonders wichtig. WAGGGS versucht hier sozusagen die Politik in eine Richtung zu lenken, die Mädchen und junge Frauen, insbesondere für die 10 Millionen Mitglieder, am besten ist.

Wir sind als WAGGGS-Jugenddelegierte Beobachterinnen im Verhandlungsraum und werden nach unserer Meinung gefragt. Wir nehmen, wie schon erwähnt, nebenbei auch an anderen Veranstaltungen teil und organisieren selbst welche, zum Beispiel zum Thema „Voices against Violence“ (Gewaltfreiheit). Hierbei werden Reden von Politikerinnen und Politikern zu dem Thema gehalten, wir stellen unsere Arbeit vor, z.B. die WAGGGS-Kampagne „Stop the Violence“, und versuchen gemeinsam mit weiteren Gästen Lösungen für das Problem von Gewalt gegen Frauen zu finden.

Wie sehen deine Erwartungen aus und was erhoffst du dir durch die Teilnahme?

Für mich ist das Ganze eine spannende Erfahrung und ich weiß noch nicht so recht, was mich genau erwartet. Ich kann mir vorstellen, dass ich viele interessante und beeindruckende Leute kennenlernen werde und ich viel über die internationale Frauenpolitik und die Situation von Frauen in anderen Ländern lernen werde. Ich denke aber auch, dass mich einige Frustrationen darüber, wie viel man wirklich beeinflussen kann, und insbesondere wenig Schlaf erwarten. Aber mit wenig Schlaf lernt man auf Pfadfinder-Veranstaltungen ja umzugehen… Ich hoffe natürlich, dass wir bei den Verhandlungen etwas bewirken können und am Ende einige unserer Positionen in der verabschiedeten Agreed Conclusion wiederfinden werden.

Glaubst du, dass es konkrete Ergebnisse geben wird, so dass sich die Situation von Frauen (in bestimmten Ländern oder in bestimmten Themenbereichen) verbessert?

Ich denke, durch die nachhaltigen Entwicklungsziele ist ein guter Weg für eine tatsächliche Veränderung der Situation von Frauen geebnet worden. Dadurch dass die SDGs diesmal verbindlicher für die unterzeichnenden Staaten sind als die vorausgegangenen Entwicklungsziele, besteht eine größere Chance, dass einzelne Staaten genug Druck verspüren, ihre Politik zu ändern. Insbesondere auf dem Feld der Prävention von Gewalt gegen Frauen besteht weltweiter Handlungsbedarf und es ist schon im Programm der Kommission zu sehen, dass dies auch erkannt wurde. Europäische Länder sind davon genauso betroffen wie alle anderen Kontinente. Selbst wenn die Formen der Gewaltausübung andere sind, ist das Problem nicht weniger relevant. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich hier durch die UN-Frauenrechtskommission in der Frauenpolitik etwas ändern wird.

Worauf freust du dich am meisten?

Die Antwort ist ganz leicht: auf die Leute. Ich bin sehr gespannt darauf, die anderen Jugenddelegierten kennenzulernen und mich mit vielen Menschen zu unterhalten, die sich mit dem Thema Frauenpolitik und Gleichberechtigung intensiv auseinander gesetzt haben. Ich bin mir sicher, dass ich unglaublich viele neue Kontakte knüpfen werde und mich danach mit neuer Motivation in die Pfadi-Arbeit im AK International im BdP stürzen kann. Es ist im Nachhinein nämlich immer am tollsten, wenn man aus erster Hand berichten kann, was wir als Pfadis alles bewegen können und welche Möglichkeiten uns offen stehen.

Wir danken dir für das ausführliche Interview und wünschen dir einen erfolgreichen Aufenthalt in New York.