Zwischen Irrsinn und Sinnsuche

„Das glaubst du doch nicht wirklich, diesen Irrsinn?“, wer- de ich argwöhnisch gefragt. Wir sitzen mit einer kleinen Gruppe am Lagerfeuer und jemand hat ein Ouja-Brett zwischen uns ausgebreitet. Auf dem Brett ist das Alphabet abgebildet und die Ziffern von null bis neun. Angeblich soll man damit Geister beschwören können, um ihnen Fragen zu stellen.

von Rica Rösner

Ich zucke mit den Schultern, woher soll ich schon wissen, ob das wirklich funktioniert? Die Dunkelheit von draußen sickert in das Zelt und lässt mich frösteln. Nur das Feuer und ein paar Kerzen erhellen die Jurte. Eine Mutprobe solle es sein, doch ich frage mich, ob da nicht mehr dahintersteckt. Wir sind zu fünft und wenn ich in die Gesichter der anderen schaue, sehen sie ähnlich angespannt wie ich selbst aus.

Wir drehen einen kleinen Becher auf den Kopf und stellen ihn auf das Brett. Dann legt jede*r einen Finger auf den Becher, so sei die Verbindung zum Geist hergestellt. Die erste Frage lautet: „Ist ein Geist anwesend?“ Wir stellen sie alle gleichzeitig. Ich muss ein Lachen unterdrücken, weiß nicht, ob das hier irrsinnig oder sinnvoll ist. Erst einmal passiert rein gar nichts. Geschlagene zehn Minuten lang.

Dann – ganz langsam – bewegt sich der Becher erst zum J und dann zum A. Wir schauen uns gespannt an. Wir stellen ein paar Fragen und werden immer aufgeregter. Dann rücke ich zum Teil vor, der mich wirklich interessiert: „Woher weiß ich, dass wir uns das nicht einbilden?“

Der Geist bleibt uns eine Antwort schuldig. Und selbst das Internet hilft mir nicht wirklich weiter, was jetzt wahr und falsch ist. Was sind denn eigentlich Mythen, frage ich mich.

Mythen und Legenden sind sagenhafte Geschichten. Sie erzählen oft Dinge, die uns unerklärlich oder übernatürlich erscheinen. Aber Mythen erzählen uns so viel mehr, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Wenn man ihren Ursprung betrachtet, ihnen mal auf den Zahn fühlt, kann man viel über die Zeit erfahren, in der die Mythen entstanden sind. Sie zeigen auf, welche Probleme die Erzählenden bewegt. Und anhand von Mythen kann man erkennen, wie sich eine Gesellschaft wandelt. Mit welchen Themen sie sich beschäftigt.

Es gibt nun einmal Dinge auf der Welt, die wir nicht verstehen.

Ein Grundbedürfnis der Menschheit ist aber logisches Denken. Wenn es für scheinbar Unerklärliches keine logische Herleitung gibt, sucht man oft Hilfe im Übernatürlichen. Ob das nun Irrsinn oder Sinnsuche ist, ist dabei letztlich nicht zu beantworten. Um es mit den Worten einer Agnostikerin[1] zu sagen: „Wer bin ich, um zu wissen, welche Mythen wahr und welche erfunden sind?

Aber bei einigen Mythen bin ich mir dann doch recht sicher, dass sie bloßer Humbug sind. Und zwar betreffen diese Mythen dich und mich als Pfadfinder*innen. Um mal ein bisschen Leben in die Gerüchteküche zu bringen, folgen hier einige der wohl bekanntesten Mythen uns Pfadfinder*innen betreffend:

Wusstet ihr …

  • … dass Pfadfinder*innen älteren Damen immer über die Straße helfen? Natürlich trägt der*die Pfadfinder*in dann auch selbstlos die Einkäufe der älteren Dame. Ob der älteren Generation auch wirklich geholfen werden muss, steht auf einem anderen Blatt. Oder ob sie das überhaupt möchte.
  • … natürlich wird älteren Damen nicht immer über die Straße geholfen. Und wir haben auch andere Dinge zu tun als den ganzen Tag an der Ampel zu stehen. Freundlich und höflich sind Pfadfinder*innen selbstverständlich trotzdem.
  • Wusstet ihr, dass Pfadfinder*innen immer neue Pfade im Wald finden und sowieso nur draußen unterwegs sind? Am liebsten ohne Karte und Kompass und stets mit einem Lächeln im Gesicht und einem Lied auf den Lippen.
  • … natürlich laufen Pfadfinder*innen nicht den ganzen Tag durch den Wald. Pfadfinden besteht aus so viel mehr: Planen, organisieren, kreativ sein, demonstrieren, Lagerfeuer machen, Aktionen durchführen, sich für Mensch und Umwelt einsetzen und und und.
  • Wusstet ihr, dass Pfadfinder*innen von Tür zu Tür gehen, um Kekse zu verkaufen? Vorzugsweise trockene Butterkekse, die vom Geschmack eher an Backsteine als an Zuckergebäck erinnern.
  • … natürlich verkaufen wir keine Kekse an Haustüren. Diese Tradition kommt aus den Vereinigten Staaten. Dort verkaufen die (ehemals) strikt nach Jungs und Mädchen getrennten Gruppen tatsächlich Kekse – und das nicht nur vor der Tür, sondern auch auf Supermarktplätzen. Über den Geschmack kann ich allerdings nichts sagen.
  • Wusstet ihr, dass Pfadfinder*innen immer in der Kirche sind und bei den Liedern am lautesten und voller Enthusiasmus mitsingen?
  • … natürlich sind Pfadfinder*innen nicht immer in der Kirche. Der BdP – Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder ist zum Beispiel konfessionslos. Und auch im VCP ist der christliche Teil eine Komponente des Pfadfindens.
  • Wusstet ihr, dass Pfadfinder*innen immer eine Uniform tragen? Dabei ist die Uniform stets in die Hose gesteckt und das Halstuch so eng geschnürt, dass einem fast die Luft wegbleibt.
  • … natürlich tragen Pfadfinder*innen nicht immer eine Kluft. Die Kluft dient lediglich als Erkennungsmerkmal und um soziale Ungleichheiten aufgrund des Kleidungsstils zu vermeiden.

Na, kennt ihr noch mehr irrsinnige Mythen, die das Pfadfinden betreffen oder habt ihr vielleicht sogar selbst ein Ouja-Brett? Dann schickt sie uns gern und erzählt uns von euren Erfahrungen! Und wer weiß, vielleicht steckt in dem einen oder anderen Mythos ja doch ein Fünkchen Wahrheit.

  • [1]Ein*e Agnostiker*in sagt von sich selbst, nicht zu wissen, ob es einen Gott oder vielleicht auch mehrere Götter gibt. Sie gehen davon aus, dass es dem Menschen nicht möglich ist, sicher diese Fragen zu beantworten, da es keine endgültigen Beweise für eine (Nicht-)Existenz gibt.