Auf die Plätze gegen Alltagsrassismus

von der Projektgruppe gegen Hetze

anp: Hallo Kartöffeli! Du hier?

Kartöffeli: Ja, ich bin in den vergangenen vier Jahren viel herumgereist. War in vielen Stämmen und Ländern. Nun wird es Zeit, dass ich wieder in der anp vorbeischaue.

Ja, super! Du, was ich schon immer wissen wollte, wo kommst du eigentlich her?

Na, aus Kassel.

Ja, ich weiß. Ich meine woher wirklich?

(runzelt die Stirn) Na, ich bin hier auf dem Feld aufgewachsen. So wie du auch.

Aber deine Haut ist doch eher dunkel.

Meine Vorfahren kamen vor mehr als 500 Jahren aus Südamerika. Aber seitdem sind meine Familie und ich hier Zuhause. – Schade, dass du mich das fragst.

Wieso?

Mit der Frage sagst du, dass ich nicht hierher gehöre. Sondern ich fremd bin. Dabei haben wir die Kultur mitgeprägt. Was wäre das deutsche Essen ohne Kartoffel? Ich empfinde deine Frage als rassistisch.

Was? Als Pfadfinder*in setze ich mich entschieden gegen Rassismus ein.

Daher gibt es für mich gar keine äußeren Unterschiede – ob nun beim Gemüse oder bei Menschen.

Ich sage ja nicht, dass du Rassist*in bist. Sondern, dass die Frage rassistisch ist. Rassismus ist tief in unserer Gesellschaftsstruktur und den Köpfen vieler Menschen verankert. Vorurteile sind bei allen präsent. Wenn auch unbewusst. Da sie nicht hinterfragt werden, bleiben sie erhalten und werden weitergetragen.

Ich habe doch keine Vorurteile gegen Menschen mit anderer Hautfarbe! Ich gehe gegen Rassismus auf die Straße!

Ich glaube gerne, dass du das so meinst. Für deine Reaktion eben gibt es einen Begriff: White Fragility oder Weiße Zerbrechlichkeit. Ihr Weißen, die in unserer Gesellschaft in der Mehrheit seid, habt rassistische Denkmuster. Werdet ihr damit konfrontiert, reagiert ihr energisch und abwehrend. Eher geht ihr eine Debatte um den Rassismus aus dem Weg, als dass ihr euch euren eigenen Vorurteilen stellt. Allein deine Frage, wo ich wirklich herkomme, ist ein Beispiel für Alltagsrassismus, den ich täglich erlebe. Mit der Frage stempelst du mich als nicht dazugehörig ab. Ich muss mich rechtfertigen. Ich werde genötigt, meine Familiengeschichte preiszugeben.

Ähnlich ist es, wenn Menschen die Straßenseite wechseln, wenn sie mich kommen sehen. Das sind alles unbewusste Verhaltensmuster. Eine Freundin von mir sagte mal treffend: „Man kann sich das wie Nadelstiche vorstellen: Ein Pikser verletzt kaum, aber alle paar Tage gestochen zu werden macht die Haut wund.“

Mmh, das tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe. So habe ich das auch noch nie gesehen. Eigentlich wollte ich dich nur besser kennenlernen. Woher kommt eigentlich dieser Rassismus, der unser Leben so prägt?

Oh, das ist eine lange Geschichte. Rassismus ist im Wesentlichen auf den Kolonialismus zurückzuführen.

Kolonien? Was war das nochmal?

Kolonien sind besetzte Territorien durch ein anderes Land. Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Deutschland Kolonien im heutigen China und in Afrika.

Es waren hauptsächlich wirtschaftliche Interessen, die zu deren Unterwerfung führte. Man wollte an die Rohstoffe der Länder, wie Gold, Gewürze und Farbstoffe gelangen. Dabei nahm man keine Rücksicht auf die Einheimischen. Sie selbst wurden zur Ware und als Sklaven*Sklavinnen verkauft. Widerstände wurden blutig niedergeschlagen.

Um trotzdem noch ruhig schlafen zu können, bedienten sich die Kolonialherren des Rassismus. Sie bewerteten die Einheimischen als primitive und geistig zurückgebliebene Menschen, denen man die „Zivilisation“ bringen müsse. Der weiße Mensch empfand sich und seine Kultur als überlegen. Bis heute gilt Weiß­-Sein als Norm.

Auch wenn Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg keine Kolonien mehr hat, so wirkt die Geschichte doch fort: Um die Anerkennung der grausamen Ermordung und Unterwerfung vieler Tausender Menschen wird bis heute gerungen. Kunstgegenstände, die damals entwendet wurden, sind bis heute zum Teil nicht zurückgegeben worden und stehen nach wie vor auch in deutschen Museen. Auch die wirtschaftlichen Abhängigkeiten bestehen häufig weiterhin. So bestimmen wir westlichen Länder die Preise für Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte. Diese Preise sind unfair und halten die Menschen in Armut. So bleiben die alten Rollen aus der Kolonialzeit erhalten: Die Weißen sind die Überlegenen, sie entscheiden über richtig und falsch. Nicht­-Weiße werden als andersartig wahrgenommen und müssen sich an die weiße Norm anpassen. Ihre Kultur, ihre Werte und ihre Geschichte haben nicht den gleichen Wert.

Oh, Kartöffeli! Das war ganz schön viel Input.

Irgendwie war mir das alles nicht so klar. Was können wir gegen den Rassismus im Alltag tun?

Zuhören ist ein erster Schritt. Hört auf die Geschichten und Erfahrungen von BIPoC (Black, Indigenous, People of Colour). Lasst euch hinterfragen. Seid nicht gekränkt, wenn ihr auf rassistische Verhaltensmuster aufmerksam gemacht werdet. Werdet zu Verbündeten von BIPoCs.

„In den Büchern sind kaum schwarze Personen abgebildet, wenn überhaupt , dann mit Fesseln.“
Clara

„Ich hätte mir im Nachhinein gewünscht, dass mein Schwarz-sein z. B. in einer Gruppenstunde thematisiert wird, da die Gruppe ein total sicherer Ort für so etwas ist.“
Clara

„Ich bin einfach deutsch sozialisiert. Dadurch hat mich jedes Mal, in dem meine Herkunft infrage gestellt wurde, besonders hart getroffen.“
Lukas

Hört euch zum Beispiel das Interview mit Clara und Lukas im Podcast an. Sie sind beide Pfadis im VCP und BIPoC. Sie erzählen von Erfahrungen in ihrer Kindheit und (Pfadfinder*innen­) Jugend, in der Schule und bei den Black Lives­-Matter-­Protesten. Ich kann es nur empfehlen.

Spezial: „Auf die Plätze gegen Hetze“

Glossar: Rassismus