Das Jahr 45 n. Chr.

Ein Ausflug ins antike Antiochia zur Wiege des Christentums

von Andreas Witt

Wir befinden uns (ungefähr) im Jahre 45 n. Chr. (nach Christus). Ganz Gallien ist von den Römern besetzt, und nicht nur ganz Gallien, sondern der gesamte Mittelmeerraum gehört zum Imperium Romanum und wird von dem Kaiser Claudius regiert. Dieser wird im Jahre 54 n. Chr. von seiner Frau Agrippina vergiftet werden, damit Nero, ihr (von Claudius adoptierter) Sohn aus erster Ehe, den Kaiserthron besteigen kann. Kaiser Nero wird dann im Jahre 64 n. Chr. die Christen für den großen Brand in Rom verantwortlich machen und damit die erste große Christenverfolgung in Rom starten – aber diese Ereignisse liegen im Jahre 45 noch in der Zukunft.

Denn jetzt befinden wir uns erst einmal in der römischen Provinz Syrien, in der pulsierenden Provinzhauptstadt Antiochia am Fluss Orontes, nach Rom und Alexandria die drittgrößte Metropole des römischen Imperiums. In dieser Weltstadt stand um das Jahr 45 die Wiege des Christentums. Hier wurden nämlich die Anhänger*innen der christlichen Urgemeinden das erste Mal „Christianoi“ (= „Christianer“ = „Anhänger des Christus“ = Christen) genannt (Apg. 11.26), was bedeutet, dass sie als eigenständige Religion wahrgenommen wurden – und nicht mehr nur als eine spezielle Glaubensrichtung des Judentums. Die neue Religion „Christentum“ war also geboren!

Doch wieso stand quasi die Wiege des Christentums in der Stadt Antiochia und nicht in Jerusalem?

Wenn wir, wie die meisten Theolog*innen dies tun, davon ausgehen, dass Jesus im Jahre 30 n. Chr. in Jerusalem gekreuzigt wurde, danach seinen Anhänger*innen erschienen ist und 50 Tage nach dem Ostergeschehen der Heilige Geist wie ein „Brausen vom Himmel“ (Apg. 2) über die ersten Jesusanhänger*innen kam, war das Pfingstereignis, das heutzutage gerne als „Geburtstag der Kirche“ bezeichnet wird, im Jahre 45 n. Chr. gerade mal 15 Jahre her. Allerdings, ob diese Jahreszahlen stimmen, kann man nicht so genau sagen: Denn die Bibel und andere antike Schriftsteller*innen überliefern überwiegend ungenaue Zeitangaben. Nach dem Pfingstereignis gewannen die Urgemeinden viele neue Anhänger*innen. Dies missfiel der jüdischen Obrigkeit in Jerusalem. Der Konflikt gipfelte schließlich ungefähr im Jahr 33 n. Chr. in der Steinigung des Stephanus, der somit zum ersten christlichen Märtyrer wurde (Apg. 7). Danach „erhob sich (…) eine große Verfolgung über die Gemeinde in Jerusalem; da zerstreuten sich alle in die Länder Judäa und Samarien, außer den Aposteln.“ (Apg. 8.1.) Unter den Verfolgern war auch ein gewisser Saulus (Apg. 8.3), der nach seiner Bekehrung (Apg. 9) später unter dem geänderten Namen Paulus zu einem wichtigen Missionar der frühen Gemeinden werden sollte.

Im Rahmen der Flüchtlingswellen kamen Mitglieder der Jerusalemer Gemeinde in die syrische Provinz-Hauptstadt Antiochia (Apg. 11.19): „Es waren aber einige unter ihnen, Männer aus Zypern und Kyrene, die kamen nach Antiochia und redeten auch zu den Griechen und predigten das Evangelium vom Herrn Jesus“ (Apg. 11.20). Das war neu, auch „Nicht-Juden“ bzw. „Heiden“ zu missionieren. Durch diese sogenannte „Heidenmission“, über die es zwischenzeitlich zum heftigen Streit mit der Jerusalemer-Gemeinde kam, wuchs die Gemeinde in Antiochia und entwickelte sich zum neuen Zentrum der jungen Religion. Denn dadurch, dass die Beschneidung – damals bei erwachsenen Männern ein nicht ganz unproblematischer Eingriff – und das Einhalten der strengen jüdischen Speisevorschriften nicht mehr zwingend gefordert waren, standen die Türen zum Glauben an Jesus Christus auch für „Nicht-Juden“ offen und somit waren die Weichen in Richtung Expansion zur Weltreligion Christentum gestellt. Von Antiochia aus brach der Apostel Paulus zu seinen drei großen Missionsreisen auf und brachte den Glauben an Jesus Christus sogar bis nach Rom.

Warum war das Christentum aber für viele Menschen außerhalb des Judentums interessant und attraktiv? Die Vielzahl der aufkommenden geheimen Mysterienkulte, wie zum Beispiel der Mithras- oder der Dionysos-Kult, legt nahe, dass relativ viele Menschen an den traditionellen griechisch-römischen Göttern zweifelten und sich spirituell auf die Suche machten. Antiochia war um das Jahr 45 n. Chr. herum vermutlich ein multikultureller Schmelztiegel verschiedenster religiöser Vorstellungen und Kulte.

Doch was unterschied nun das Christentum von den anderen Religionen und Kulten?

Vielleicht war es – neben der christlichen Jenseits-Erwartung und der Vorstellung eines allmächtigen Schöpfergottes – der Gedanke der Freiheit und Gleichheit: „Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. (…) Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Gal. 3, 26 + 28).

Ja, so oder so ähnlich könnte es gewesen sein im Jahre 45 n. Chr. in Antiochia am Fluss Orontes. Aber Achtung: Es gab im Imperium Romanum mehrere Städte namens Antiochia. Heutzutage heißt unser Antiochia Antakya und liegt in der Türkei, im Grenzgebiet zu Syrien, wo – wie wir aus den Medien wissen – zurzeit ein furchtbarer Krieg tobt. Heute leben überwiegend sunnitische Muslime in Antakya und nur ganz Weniges erinnert in der modernen Stadt an ihre einstige große Bedeutung für die Geschichte des Christentums. Denn: Obwohl die Krippe Jesu (nach biblischer Überlieferung) in Bethlehem stand, Jesus überwiegend in Galiläa wirkte und in Jerusalem gekreuzigt wurde, stand die Wiege des Christentums als Weltreligion in Antiochia.

Übrigens: Ungefähr 45 Jahre nach dem Pfingstereignis, d.h. so um das Jahr 75 n. Chr., verfasste der Evangelist Matthäus wahrscheinlich in Syrien – und vermutlich sogar in Antiochia – sein Evangelium. Aber das wäre ein anderer Ausflug in die Kirchengeschichte!