In Ausschwitz war der Mensch dem Mensch ein Monster

Olaf Eybe, Stammesleiter des Essener VCP-Stammes „Eberhard Wittgen“, war vor wenigen Tagen in Auschwitz, um dort für eine Fotoausstellung zu fotografieren, die aus Anlass des bevorstehenden 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz veranstaltet wird. Begleitet wurde er dabei von seiner Tochter Friederike und dem Fotografen Rolf Krause, die ebenfalls Fotos zu der Ausstellung beisteuern werden. Zugleich diente die Fahrt der Vorbereitung einer Auschwitz-Fahrt, die Mitglieder des Stammes unternehmen werden.
Hier ist eine Auswahl der Bilder zu sehen. Viele kommen einem schon bekannt vor, etliche sind aus einem neuen Blickwinkel. Aber erschütternd sind sie immer.
Wenn man die Bilder sieht, stellen sich viele Fragen. Auch zu den Fotografien und den Fotografen. Olaf Eybe hat einige davon beantwortet.

Seit wann beschäftigst du dich mit dem Thema Vergangenheitsbewältigung?

Seit früher Jugend – prägend war u.a. eine Fahrt als Jugendlicher nach Buchenwald. Ich interessierte mich schon früh für andere Kulturen und Länder. Dank verschiedener Brieffreundschaften kam ich in die USA, aber auch nach Polen. In den Südstaaten der USA erlebte ich üblen Rassismus, das machte mich wütend und motivierte mich, aktiv dagegen anzugehen. Schon bei meinem ersten Aufenthalt in Polen Anfang der 1980er- Jahre überraschte ich meine Gastgeber mit dem Wunsch, Auschwitz besuchen zu wollen. Später studierte ich u.a. Neuere und Osteuropäische Geschichte. Da Bochum und Krakau Partneruniversitäten waren, reiste ich häufig nach Polen und lernte spannende Menschen kennen. Es entstanden Freundschaften, die bis heute bestehen.

Bei dieser Vorprägung erscheint mir der Gang in die Verständigungsarbeit fast zwangsläufig. In den 1990er Jahren wurde ich Vizepräsident der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Sachsen. Nach meiner Rückkehr in meine Heimatstadt Essen gründete ich die Deutsch-Polnische Gesellschaft Essen, die ich elf Jahre leitete. Mit Kulturveranstaltungen gingen wir gegen Vorurteile an. (…)
Vor einigen Monaten begann die Planung für eine Veranstaltungsreihe zum Themenkomplex Auschwitz. Dabei wurde ich von Markus Pein, der auch in der Stammesleitung des Stammes „Eberhard Wittgen“ ist und als Pfarrer in meiner Heimatgemeinde Essen-Überruhr arbeitet, unterstützt.

Ergebnis sind eine Fotoausstellung mit Fotos von Rolf Krause, meiner Tochter Friederike Eybe und mir (Eröffnung 23.1.) und eine Lesung unter dem Motto „Texte (nicht nur) über Auschwitz“ (27.1.) und ein Konzert mit der deutsch-polnischen Gruppe „Margaux und die BANDiten“ (30.1.).

Warum sollten sich die Menschen an den 27.1. – Gedenktag zur Befreiung des KZ Auschwitz – erinnern?

Auschwitz ist Symbol für die industrielle Vernichtung von Menschen durch Menschen. Das Schreckliche bekam hier eine Dimension, die kaum nachvollziehbar ist. Hier scheinen alle moralischen Maßstäbe aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf, aber in Auschwitz war der Mensch dem Mensch ein Monster unter dem Deckmantel von Ideologie und Bürokratie. Der Mensch wurde reduziert auf seinen Materialwert – ein Kilo Menschenhaare zu 50 Pfennig. Über eine Million Menschen wurden hier zu Asche. Die Vernichtung des europäischen Judentums wurde mit deutscher Gründlichkeit vorangetrieben. Sinti und Roma wurden zu Untermenschen degradiert. Homosexuelle wurden ebenso wie religiös und politisch Andersdenkende grausam ermordet. Aber all das konnte zum Glück, wenn auch sehr spät, gestoppt werden. Am 27.1.1945 rückte die Rote Armee in Auschwitz ein und befreite die noch lebenden Gefangenen.

Vor diesem Hintergrund wird der 27.1. zu einem wichtigen Gedenktag, der zum Innehalten in Auschwitz selbst, aber auch an anderen Orten einlädt: einerseits, um das Grauen zu reflektieren und andererseits, um Kräfte zu sammeln, damit man gemeinsam gegen moderne Formen des Faschismus und der Intoleranz angeht. Bei mir persönlich mischt sich darüber hinaus auch Freude in das Gedenken. Das System Auschwitz wurde besiegt und wir haben die Chance erhalten, es besser zu machen. Darum sollten wir diese ergreifen und Toleranz leben. Dabei kann das Christentum eine mögliche Handlungsgrundlage liefern.

Wovon hast du dich während der Fotoaufnahmen leiten lassen?

Auschwitz ist eigentlich „totfotografiert“. Allein im letzten Jahr waren rund 1,5 Million Menschen dort und haben jeden Wachturm aus jedem Winkel fotografiert. Darum habe ich mir neben einigen rein dokumentarischen Fotos mein eigenes Fotokonzept zurecht gelegt. Zu einem bin ich nah an „die Dinge“ herangegangen, um ihnen „auf den Grund zu gehen“. Ich habe also Details fotografiert, die erst auf den zweiten Blick oder nur durch meine Erläuterungen in Auschwitz verortet werden können. Zum anderen wollte ich nicht in der Vergangenheit verharren und wählte Fotos aus, die man unter der Überschrift „Weiterleben nach Auschwitz“ zusammenfassen kann.

Dabei spielen die Natur in Birkenau eine Rolle, aber auch Vorbereitungen zum 70. Jahrestag der Befreiung oder die Darstellung des Museumskonzeptes im Weltkulturerbe Auschwitz.