Jamboree 2019 – Interview mit (einem Teil) der Kontingentsleitung

Interview mit Marie, Peter und Tiemo aus der Kontingentsleitung für das World Scout Jamboree 2019 in den USA

v. l. n. r. Sarah „Gutemiene“, Philipp, Tiemo, Björn, Peter, Marie

Hallo ihr drei. Ich bin froh euch zu treffen, ich hätte mal ein paar Fragen zum kommenden Jamboree. Habt ihr einen Moment?

Peter: Na klar.

Warum organisiert ihr die Fahrt des deutschen Kontingents zum Jamboree eigentlich mit allen drei Verbänden gemeinsam und wie kamt ihr auf die Idee?

Marie: Die Idee ist nicht einfach so auf dem weißen Blatt entstanden, sie hat sich vielmehr im Laufe der letzten Jahre entwickelt. In Schweden und Japan haben wir auch schon zusammengearbeitet, damals ging es allerdings eher um organisatorische Aspekte und eine Koordination auf Ring-Ebene. Andere Punkte, wie zum Beispiel die Vorbereitung der Trupps oder die finanzielle Abwicklung lagen in der Verantwortung der Verbände.

Tiemo: Die drei Verbände treten schon seit langer Zeit bei den Jamborees und den Moots als ein gemeinsames Kontingent auf. Das liegt daran, dass die Verbände nur gemeinsam über den Ring deutscher Pfadfinderverbände, dem rdp, in der Weltpfadfinderbewegung, WOSM, Mitglied sind. Auf Weltebene unterscheidet keiner zwischen der DPSG, dem BdP und dem VCP. Auch auf einem Jamboree gibt es eben nur das eine deutsche Kontingent. Nach Japan haben wir beschlossen, nun alles komplett gemeinsam vorzubereiten. Die Idee ist bei den Vorständen gut angekommen – und hier sind wir nun.

Aber mal ehrlich: Bedeutet das nicht eigentlich viel mehr Organisationsaufwand?

Tiemo: So eng haben wir noch nie zusammengearbeitet. Da wir uns jetzt in vielen Punkten erst einmal auf einen gemeinsamen Nenner einigen müssen, ist der Planungsaufwand am Anfang natürlich sehr hoch. Wir verbringen zum Beispiel viel Zeit damit, die Rahmenbedingungen festzulegen und die Zusammenarbeit zu strukturieren. In der Gesamtsumme haben aber alle Verbände so weniger Aufwand.

Peter: Kurzfristig hast du vielleicht recht, denn wir müssen zunächst neue Fakten und neue Strukturen der Zusammenarbeit schaffen. Aber langfristig können wir Synergieeffekte nutzen. Wir erledigen Aufgaben für den VCP, den BdP und die DPSG in einem Rutsch, die ansonsten doppelt und dreifach angefallen wären. Das betrifft die Werbung, das Anmeldeverfahren, die Datenverarbeitung, die Logistik und später auch die Organisation des gemeinsamen Programms. Wir merken bereits, dass einige Sachen besser funktionieren, als beim letzten Mal. Ich glaube also, dass sich der Mehraufwand, den wir gerade haben, spätestens in Nordamerika rentieren wird.

Okay. Aber wie ist das Team denn aufgestellt? Sind alle Verbände gleich vertreten? 

Marie: Die Kontingentleitung – also die „Projektleitung“ – ist mit je zwei Vertreter*innen aus BdP, DPSG und VCP besetzt. Das ist sinnvoll, da jeder Verband seine eigene Vorstellungen und Herangehensweise mit in das Projekt einbringt und die unterschiedlichen Kulturen nicht verloren gehen sollen. Daher möchten wir auch, dass in den Vorbereitungsteams alle drei Verbände vertreten sind.

Tiemo: Wir schreiben alle Stellen für das Kontingentsteam in allen drei Verbänden aus und schauen dann, wie die Bewerberlage ist. Die Verbandszugehörigkeit ist ein wichtiges Kriterium, denn bei einem ausgeglichenen Team werden die unterschiedlichen Interessen berücksichtigt. Trotzdem gilt auch immer: Die besten Leute, für die richtige Aufgabe. Wenn die dann nicht aus dem eigenen Verband kommen, ist das eben so. An dem einen Thema arbeiten dann vielleicht mehr VCPler*innen, dafür ist in einem anderen Team die DPSG stärker vertreten.

Aber geht dann nicht die eigene Verbandsidentität verloren, wenn das so gemischt wird?

Peter: Ist unsere Verbandszugehörigkeit denn so wichtig? Ich meine, der Verband identifiziert sich doch hauptsächlich über seine Mitglieder und nicht über das Hemd. Und nur weil ich jetzt ein anderes Hemd anhabe oder weil ich mit anderen Menschen zu tun habe, verliere ich doch nicht meine Identität.

Marie: Warum fährt denn jemand zum Jamboree? Weil sie oder er neugierig darauf ist, wie Pfadfinder*innen auf der ganzen Welt so leben. Ein Jamboree führt Traditionen zusammen. Und genau darum geht es uns auch: Wir wollen junge Menschen aus den Verbänden zusammenbringen und keinen deutschen Einheitsverband erschaffen. Diesmal werden sich unsere Teilnehmer*innen vielleicht ein wenig anpassen den Gegebenheiten anpassen müssen, aber auch viel Freiraum haben, ihre Traditionen so zu leben, wie sie es gewohnt sind.

Tiemo: Wir können uns gegenseitig gut bereichern. Bei einem Jamboree lernen wir, die Vielfalt im Weltpfadfinderverband kennen und zu schätzen. Warum fangen wir nicht in unserem Land an? Über die Verbandsgrenzen hinweg können wir ebenfalls eine Menge voneinander lernen.

Seht ihr in den Verbänden eher die Unterschiede oder die Gemeinsamkeiten?

Peter: Die Frage ist, auf welche Ebene du schaust. Auf Stammesebene geht es in allen drei Verbänden um den Pfadfinderalltag, da spielt die Verbandszugehörigkeit eine eher untergeordnete Rolle. Auf Bundesebene merkt man die Unterschiede deutlicher, die sind dann aber für das Jamboree oft einfach nicht relevant. Und im Grunde sind wir doch alle gleich. Wir sind alle Pfadfinder*innen.

Marie: Im Großen und Ganzen verfolgen wir die gleichen Ziele. Natürlich haben die Verbände unterschiedliche Jamboree-Traditionen und in der Folge auch unterschiedliche Auffassungen davon, wie die gemeinsame Fahrt ablaufen sollte oder wo Schwerpunkte liegen. Das macht das Ganze aber auch einfach noch mal bunter und spannender. Und wir versuchen immer, den unterschiedlichen Vorstellungen gerecht zu werden, so dass sich am Ende jeder Verband in dem Projekt wiederfinden kann.

Beim letzten Jamboree seid ihr ja schon in der neuen gemeinsamen Kluft aufgetreten. Was für Erfahrungen habt ihr damit gemacht?

Tiemo: Jeder hat einfach mit jedem geredet. Diese klassischen Vorurteile, die wir manchmal gegenüber den anderen Verbänden pflegen, waren auf einmal kein Hindernis mehr. Man sah der Person, die einem entgegenkam, ja nicht mehr nicht mehr an, zu welchem Verband sie gehörte. Man erkannte jemanden auf den ersten Blick als deutsche Pfadfinderin oder deutschen Pfadfinder und grüßte freundlich. Wenn man im Gespräch die Verbandszugehörigkeit ausblendet, merkt man auch, dass die Unterschiede viel kleiner und die Gemeinsamkeiten viel größer sind, als gedacht. Auch die Weltebene und die anderen Nationen haben die gemeinsame Kluft extrem positiv aufgenommen.

Marie: Bei unserem Vorbereitungstreffen in Immenhausen haben wir die Kluft an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausgeteilt und zum ersten Mal ein gemeinsames Gruppenfoto damit gemacht. Zu Beginn der Fotosession trugen alle ihre jeweilige Verbandskluft – nach den ersten beiden Fotos haben wir uns dann umgezogen. Innerhalb weniger Minuten waren wir keine drei Verbände mehr, sondern ein Kontingent. Ich habe ewig gebraucht, um meine Kolleginnen und Kollegen aus der DPSG wieder zu finden, in der Zeit aber sicher drei neue Freundschaften geschlossen. Und ja, die gemeinsame Kluft hilft wirklich sehr dabei, sich auf die gemeinsame Aktion zu konzentrieren und nicht mehr die Verbandsinteressen in den Vordergrund zu rücken.

Worin seht ihr denn die größte Chance, gemeinsam aufzutreten?

Peter: Gute Frage! Ich sehe die größte Chance darin, den Jugendlichen zu vermitteln, dass Pfadfinden über die eigene Sippe hinausgeht. Es geht darum, Vorurteile gegenüber den anderen Verbänden abzubauen und den Weltpfadfinderverband zu erleben.

Marie: Genau, das denke ich auch. Bei all den Vorurteilen ist es eine große Chance, die Zusammenarbeit positiv wahrzunehmen und die drei Verbände in einem Kontingent vereint zu erleben.

Worauf freut ihr
euch denn schon am meisten?

Marie: Ähhhhhh…..

(alle Lachen)

Marie: Ich wünsche mir, dass die Teilnehmenden viel Spaß haben und etwas für sich mitnehmen. Wenn unsere Vorbereitungen dazu beitragen, wäre mein Ziel erreicht. Daher freue ich mich ganz besonders auf die Berichte und Geschichten der Jugendlichen. Als Erwachsener in der Kontingentleitung bist du oft mit organisatorischen Dingen beschäftigt und verpasst einiges von der Veranstaltung. Ich freue mich also auch darauf, einfach über den Platz zu laufen und mit Jugendlichen zu sprechen, die dann hoffentlich viel von ihren Erlebnissen erzählen.

Tiemo: Es ist ein tolles Gefühl, mit einem riesigen deutschen Kontingent in die USA zu fliegen. Wir werden sicher gemischte Units haben und wir werden extrem viel voneinander lernen. Und ich freue mich auch schon darauf, dass wir die vielen anderen Pfadfinder aus den anderen Nationen treffen. Das wird super.

Peter: Ich freue mich besonders auf die Dinge, die ich jetzt noch nicht vorhersehen kann. Auf Ereignisse, von denen ich jetzt noch nicht weiß, dass sie passieren werden. Darin liegt für mich der Reiz eines solchen Projektes. Es wäre langweilig, wenn alles routiniert und nach Plan verlaufen würde. Da fehlt mir der Pfeffer.

Das Interview führte: Elodie Scholten aus dem Media-Team des deutschen Jamboree-Kontingents

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