Pfadfinden liegt in meiner DNA

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Leah Klemm aus Karlsruhe arbeitet nun für ein Jahr im National Scout Office Western Cape in Kapstadt. Hier erzählt sie, wie es dazu kam. Die Fragen stellte Diane Tempel-Bornett.

Du hast erzählt, du hast dein erstes Lager mit drei Monaten erlebt…wie kam es denn dazu?

Meine Eltern haben sich vor ca 30 Jahren beim Pfadfinden kennen gelernt und einige Zeit später in einer Jurtenburg ihre Hochzeit gefeiert. Sie sind beide aktive Mitglieder des VCP und große Vorbilder für mich. Als ich dann geboren wurde, war es klar, dass ich ein Pfadfinderbaby sein wuerde, Pfadfinden liegt praktisch in meiner DNA. So scheuten meine Eltern auch nicht davor zurück, mich mit 3 Monaten auf mein erstes Pfadilager mitzunehmen. Auf manchen Lagern wurde sogar schon spekuliert, ob ich wohl in einer Jurte auf die Welt gekommen bin, was zu meiner großen Erleichterung aber dann doch nicht der Fall ist.

Dann hast du ja jetzt 18 Jahre Erfahrung mit Pfadfinden. Was ist denn das Besondere am Pfadfinden für dich?

Das Besondere: das Gefühl der Gemeinschaft und der Verbundenheit. Ein Teil dieser großen Familie zu sein, macht mich glücklich und stolz. Gemeinsam Abenteuer zu erleben und den Alltag zu vergessen, neue Leute kennen zu lernen und die verrücktesten Dinge zu tun, das ist für mich Pfadfinden. Auch das Internationale finde ich sehr besonders am Pfadfinden. So schließt man auf Lagern nicht nur Freundschaften mit Pfadis aus dem eigenen Land, sondern auch aus anderen Ländern und Kontinenten, wodurch man neue Kulturen kennen lernt und einen Weitblick für die Welt bekommt. Wir eignen uns durch Pfadfinden die wichtigsten Fähigkeiten an, die man sein Leben lang braucht. Das heißt nicht nur, dass wir wissen, wie man ein Feuer macht, um sich warm zu halten, sondern auch, dass wir mental auf unsere Zukunft vorbereitet werden und eine innere Stärke gewinnen.

Welche besonderen positiven – aber auch weniger positiven Erlebnisse hattest du bis jetzt?

Eine positive Erfahrung war die Evakuierung auf dem Bundeslager 2014. 5.000 Pfadfinderinnen und Pfadfinder mussten wegen einer Sturmwarnung den Lagerplatz räumen. Reisebusse brachten uns zu Turnhallen, Schulen und andere Unterkünften in der Nähe, da wir dort die Nacht verbringen sollten. Trotz der etwas gruseligen Umstände sah man weit und breit nur gut gelaunte Pfadis, die Lieder sangen, Spiele spielten oder friedlich schliefen. Dies beweist den Teamgeist und die emotionale Stärke von uns Pfadis, auch wenn wir in schwierigen Situationen sind.
Negative Erfahrungen habe ich eigentlich keine, außer dass einmal eine Kothe über mir einstürzte, als ich schlief. Aber diese Geschichte kenne ich nur aus Erzählungen, da ich damals noch ein Baby war.

Hast du ein besonderes Interesse an Südafrika?

Mein Papa hat schon, als ich klein war, die südafrikanischen Pfadfinder betreut, wenn sie auf unsere Lager kamen und hat mir eines Tages einen Halstuchknoten aus Zebrafell mitgebracht, den ich seitdem stolz an meinem Halstuch trage. Als ich sechs Jahre alt war, hat er mich auf einen Ausflug mit den südafrikanischen Pfadis mitgenommen. Damals konnte ich kein Wort Englisch, doch das machte nichts. Einer von ihnen hat mich einfach an der Hand genommen und ist mit mir voraus marschiert.

Im Sommer 2013 wurde dann vom Land Baden eine Fahrt nach Südafrika angeboten und ich wusste sofort, da muss ich mit! So kam es dann auch. Wir sind dreieinhalb Wochen durch dieses wunderschöne Land gefahren, haben geholfen, ein Waisenhaus aufzubauen, haben neue Freundschaften geschlossen und eine Menge Abenteuer erlebt. Mit jedem Tag habe ich mich mehr in dieses Land, die Kultur und die Mentalität verliebt, sodass ich mich nach meinem Abitur auf die Suche nach einer Stelle in Südafrika machte.

Was machst du denn genau?

Ich arbeite hier in Kapstadt im nationalen Pfadfinderbüro. Wir sind verantwortlich für alles, was in Südafrika mit dem Pfadfinden zu tun hat, sei es in unserem Shop „Uniformen“ zu verkaufen, Zuschüsse zu beantragen, Lager und Projekte zu organisieren oder Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Jeden Montag arbeite ich im Scout-Shop und die restlichen Tage helfe ich der Webmasterin, neue Homepages für jede Region hier einzurichten oder bereite mein Recycling-Projekt vor. An den Wochenenden gehe als Leiterin ich auf Camps, gehe mit den Seascouts segeln oder unternehme ausnahmsweise mal etwas nicht Pfadfinderisches.

Welche Erwartungen und Wünsche hast du an dieses Jahr?

Ich bin sehr abenteuerlustig, weshalb ich hoffe, dass ich einige verrückte Dinge hier erleben werde. Ich hoffe, dass ich mich hier weiterin so wohl fühle, wie ich es jetzt tue und noch viel mehr nette Menschen kennen lerne, die mir alle Ecken von Kapstadt zeigen. Außerdem hoffe ich, dass ich einiges lernen werde, was ich meinen Freunden in Deutschland dann beibringen kann.

Beschreibe doch mal einen Tag an deinem Arbeitsplatz.

Um 8.30 Uhr beginnt für mich der Arbeitstag mit einem gut gelaunten „Morning“ an die Ladys im Büro und einer Tasse Roibosch-Tee. Danach fahre ich meinen Computer hoch, checke ich meine E-Mails und schaue auf meiner To-do Liste nach, was ich als nächstes zu erledigen habe. Ich erledige Telefonate, schreibe Berichte bis zu meiner Mittagspause. Dann setze ich mich vor unserem Büro in die Sonne, quatsche mit dem Postboten, der jeden Tag vorbeikommt oder mit den Geschäftsleuten von nebenan. Nachdem ich mein Sandwich gegessen habe, gehe ich zurück zu meinem Schreibtisch und erledige meine restliche Arbeit, bis um 16.30. Dann habe ich Feierabend.

Kannst du denn schon sagen, wie sich Pfadfinden in Südafrika und in Deutschland voneinander unterscheiden?

Hier wird unterschieden zwischen Landscout, Seascout und Airscout. Zur Erkennung tragen sie jeweils unterschiedlich farbene „Uniformen“, wie sie hier genannt werden. Sie tragen nicht nur, wie wir in Deutschland ein Klufthemd und Halstuch, sondern auch die passende Hose, Kniestrümpfe und ein Barrett, sodass ich mich neben ihnen mit meiner VCP-Kluft etwas „underdressed“ fühle. Ein weiterer Unterschied hinsichtlich der Kleidung sind die vielen „Interest Badges“, sei es für Haustiere, Computer, Blumen…hier gibt es für alles einen Badge.

Vor zwei Wochen war ich als Jurymitglied auf meinem ersten Suedafrikanischen Scout-Camp, genauer gesagt einem Wettbewerb. Die einzelnen Gruppen bekamen Aufgaben, die sie innerhalb von zwei Tagen bewältigen sollten und wurden für alles bewertet.
Die Gruppe mit den meisten Punkten wurde Sieger. Etwas überfordert war ich, als ich bei den ankommenden Gruppen eine Inspektion ihrer Materialien durchführen sollte und sich eine Gruppe (kaum jünger als ich) plötzlich in eine Reihe aufstellte und vor mir salutierte. Ich muss wohl ziemlich komisch geguckt haben, da mich die Gruppe irritert anschaute, als ich nicht zurück salutierte. Auch Rituale wie Paraden waren neu für mich, bei der erst eine Flagge gehisst und dann gebetet wird. Etwas aus der Reihe getanzt bin ich wohl auch dieses Mal, als es hieß „Face the flag‘ und ich als einzige von 200 Pfadis mit dem Rücken zur Fahne stand.

Ein weiterer Unterschied ist auch, dass gefühlt jeder Zweite hier Pfadfinderin oder Pfadfinder ist. Sie sind sehr stolz darauf, Mitglied dieser Bewegung zu sein und tragen ihre Scout Pullover nicht nur zu Pfadfinderaktionen, sondern fast täglich. Fuer viele bedeutet das Pfadfinden der Weg aus der Armut, der Kriminalitaet und aus dem Township. Es gibt faszinierende Geschichten von Jugendlichen aus dem Township, die durch Pfadfinden aus der Drogenszene gelangt sind und durch Sponsoren sogar am diesjährigen Jamboree teilnehmen konnten.

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