Raus aus der Gruppe – Mobbing

Von Philipp Zedelius, Karlsruhe

Das Wort Mobbing bedarf keiner ausführlichen Erklärung. Wir sind alle mindestens einer Form des Mobbing bereits begegnet. Leider.

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Foto: Peter Diehl

Mobbing – ein aus dem englischen Wort „mob“ (= ein Haufen Menschen) abgeleitetes Modewort, beherrscht die Medien ebenso wie Gespräche im Lehrerzimmer. Es beschreibt die Schikane, Qual und die psychische Gewalt, die Opfer von Mobbing erleiden, häufig von einer oder mehreren Personen im direkten Umfeld.

Wie im Sonntagabend-Tatort spricht man von Opfern. Und von Tätern. Deshalb eignet das englische Wort „Bullying“ besser für eine Präventionsdiskussion. Es löst die anonyme Masse des „Mob“ auf und nimmt den Täter, den Bully (=Tyrann) in den Blick. Der weich klingende Anglizismus wirkt zunächst weniger fatal als seine deutschen Äquivalente „Quälerei“ oder gar „Folter“. Dabei sollte man die schwerwiegenden Folgen von Mobbing nicht herunterspielen.

Wie äußert sich Mobbing? Wer ist davon betroffen? Warum tun Menschen so etwas? Wie kann man sich schützen?

Mobbing beginnt meist unauffällig, selten mit offenen verbalen Auseinandersetzungen oder Handgreiflichkeiten, denn: Mobbing ist feige. Gemobbt wird: zwei gegen einen, groß gegen klein, Angeber gegen Schüchterne, Starke gegen Schwache, „Coole“ gegen „Nerds“. Kleine, gezischte Gehässigkeiten, Geflüster und Gekicher, abwertende Bemerkungen über Klamotten und andere Äußerlichkeiten sind meistens der Anfang. In der Schule folgen oft erste Sachbeschädigungen wie das Wegwerfen des Mäppchens, Diebstahl des Pausenbrotes, Ausleeren der Schultasche in den Mülleimer. All das soll das Opfer demütigen und sein Selbstwertgefühl demontieren.

Opfer kann praktisch jeder werden. Gefährdet sind häufig eher schüchterne Kinder ohne einen großen Freundeskreis, Jugendliche mit ungewöhnlichen Hobbys, besonderen sozialen Hintergründen oder alternativen Kleidungsstilen und körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen. Aber auch eine neue Schülerin, die intelligenter ist als der Klassendurchschnitt, wird es bei der tonangebenden Clique sicher schwer haben.

Viele Opfer sind auch zuhause nicht mehr vor Angriffen ihrer Peiniger sicher, denn mit digitalen Medien und Netzwerken kann das Mobbing, aufbereitet mit peinlichen Bildern und Videos, fortgesetzt werden.

Warum? Wir bemühen die Zoologie: Mobbing ist ein perfides Auswahlsystem, das – ähnlich der Nahrungskette in der Savanne – das schwächste Mitglied der Herde fangen und fressen will. Es geht um die Erstellung einer „Hackordnung“ wie im Hühnerstall. Wer ist der Boss? Oder die Kampfhenne? Und wer steht ganz unten an der Hühnerleiter?

Mobbing ist nicht nur ein Thema bei Heranwachsenden. 30 % aller Angestellten geben an, schon einmal gemobbt worden zu sein – von der Leitung ebenso wie vom Kollegium. Das äußert sich (immer noch) durch Tratsch, der abbricht, wenn die entsprechende Person den Raum betritt und z.B. das demonstrative Ausschließen vom gemeinsamen Lunch, aber auch durch das Zuteilen sinnloser oder zusätzlicher Arbeitsaufträge. Das hat die Folge – manchmal auch das Ziel! – dass das Opfer irgendwann kündigt. Für den Betrieb ist so eine Kündigung kostengünstiger als eine Entlassung und hat nicht selten System: Raus mobben.

Was kann man tun?

Als Zeuge: nicht schweigend zusehen. Stellung beziehen und versuchen, auf den Täter einzuwirken.

Für Opfer von Mobbing gilt: Hilfe suchen. Schülerinnen und Schüler sollten den Vertrauenslehrer ansprechen, dieser wiederum kann sich an Sachverständige wenden. Gruppenkinder können ihre Gruppenleitung ansprechen. Wenn die Gruppenleitung mobbt, dann muss die übergeordnete Ebene informiert werden.

Im Internet findet man viele Adressen und Foren, die Rat und Hilfe für Kinder und Jugendliche, aber auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer anbieten.

Mobbing: ein altes Problem mit neuen Namen. Vielleicht gelingt es ja einer jungen Generation von Eltern, Lehrpersonal und Gruppenleitungen, Kindern und Jugendlichen Werte wie Toleranz und Empathie zu vermitteln, damit es irgendwann eine Gesellschaft gibt, in der Alphatiere und Introvertierte miteinander leben können.