„Jetzt ist die Zeit“ – und was bleibt, wenn sie vorbei ist?

Foto: Florian Gutnoff

Der 54. Evangelische Kirchentag liegt nun schon einen Monat zurück und es gibt viele positive Erinnerungen an ihn. Neue Freund*innen, spannende Begegnungen, Spaß und kleine Abenteuer.

Gleichzeitig hallt der Kirchentag auch auf eine andere Art und Weise nach. Die Äußerungen des Kirchentagspräsidenten Thomas de Maizière über die Gen Z beschäftigen uns immer noch. Bereits während des DEKT in Nürnberg, aber vor allem im direkten Anschluss daran, gab es eine Welle der Entrüstung – nicht nur medial, sondern vor allem und zurecht aus den Reihen der Helfenden und den Jugendverbänden.

Was passiert ist

In einem am 06. Juni in „Die Zeit“ erschienenen Interview wurde Thomas de Maizière als Präsident des Evangelischen Kirchentags befragt zu seiner Haltung zum Thema „Pflicht“. Schon die Schlagzeile zeigte, dass das Interview in eine andere Richtung gehen wird – „Work-Life-Balance? Abstrus!“ war dort zu lesen.

„[…] der Innenminister a. D. kritisiert die Anspruchshaltung der Generation Z.“ Generationenkonflikte sind nicht unüblich, im Gegenteil – sie prägen oft unsere Gesellschaft. Aber im Verlauf des Interviews verallgemeinert Herr de Maizière dann auf unangebrachte Weise. Er kritisiert den Wunsch vieler Menschen auf eine vier-Tage-Woche, Homeoffice und eine „work-life-balance“. Er formulierte: „Mich ärgert, dass sie [Generation Z – Jahrgänge von Mitte der 90er bis Mitte der 2010er Jahre] zu viel an sich denken und zu wenig an die Gesellschaft. […] Mit Mitte zwanzig drei, vier Tage die Woche zu Hause arbeiten, um sich gegen 22 Uhr bei Lieferando noch einen Champagner zu bestellen.

Diese Worte haben viele Helfende und uns verletzt und dazu geführt, dass sich Thomas de Maizière und die Leitung des Kirchentags deutlicher Kritik stellen mussten. Der VCP hat eine Klarstellung von ihm, als auch vom Kirchentag gefordert. Junge Menschen (auch ältere junge Menschen) so zu pauschalisieren und ihre Realität und Herausforderungen zu ignorieren, das wollten wir so nicht akzeptieren.

Was daraus wurde

Aufgrund der Kritik von jungen Helfenden und Jugendverbänden an seinen Aussagen über die Generation Z, suchte Kirchentagspräsident Thomas de Maizière den Dialog.

Seiner offenen Einladung zu einem Onlinegespräch am 04.07.2023 folgten rund 150 junge Engagierte und Mandatsträger*innen der Verbände. Im zweistündigen offenen und durchaus wertschätzenden Austausch gab es Gelegenheit, die Kritik zu begründen, als auch Missverständnisse auszuräumen. Seine Wahrnehmung des Gesprächs schildert Herr de Maizière nun in einem Statement des Kirchentags wie folgt:

„Ich bedaure es sehr, wenn sich engagierte junge Menschen durch meine Aussagen herabgesetzt fühlten und habe erkannt, dass einige Beispiele und Sprachbilder im Interview von mir zu pauschal und missverständlich waren.

Für die Gelegenheit, mich mit jungen Engagierten dazu in so offener und ehrlicher Form auszutauschen, bin ich sehr dankbar. Die große Ernsthaftigkeit und der tatkräftige Einsatz, mit denen sich viele Jugendliche und junge Erwachsene den riesigen Herausforderungen ihrer Generation stellen, nötigt mir Respekt ab. Zahlreiche der eingebrachten Perspektiven und Gedanken hallen nach und bringen mich auch zum Nachdenken. Und genauso habe ich vielleicht bei einigen Nachdenklichkeit über meine Positionen zum Thema Arbeit hervorgerufen.

Mir ist es wichtig, dass wir den Dialog der Generationen, aber auch zwischen verschiedenen Milieus und politischen Standpunkten bei unserem Kirchentag weiterführen.

Das überwältigende ehrenamtliche Engagement, dass ein solches Event erst möglich macht, ist Beleg dafür, wieviel Verantwortung gerade junge Menschen in unserer Gesellschaft übernehmen. Dies wertzuschätzen und zu fördern ist und bleibt Aufgabe für alle, die beim Kirchentag Verantwortung tragen.“

Und auch der Kirchentag räumte in diesem Gespräch ein, dass Fehler passiert sind und die Vertreter*innen aus den Leitungsgremien machten deutlich, dass sie aus den Erfahrungen lernen wollen.

Was für uns hängen bleibt

Die Bundesleitung des VCP hat dieses Gespräch als offen und durchaus wertschätzend wahrgenommen. Wir freuen uns, dass der Austausch Herrn de Maizière zum Nachdenken gebracht hat. Und wir schätzen die Bereitschaft in den Dialog zu treten und sich Kritik zu stellen. Auch wenn Thomas de Maizière im Verlauf des Gespräches im Grundsatz bei seinen Haltungen geblieben ist: Dass er bereit war, mit uns zu sprechen und nun auch formuliert, dass ihn die Diskussion zum Nachdenken angeregt hat – das haben wir sehr positiv wahrgenommen.

Es ist aber auch deutlich geworden, dass Generationskonflikte und damit verbundene Plattitüden so alt sind wie die Menschheitsgeschichte selbst und sich schwer aus der Welt schaffen lassen. Auch wenn wir als Gesellschaft von der Vielfalt eigentlich nur profitieren können.

Zugleich wurde klar, wie wichtig es ist, die eigene Position und Reichweite kritisch zu hinterfragen und ggf. eigene Kritik zu differenzieren.

Ihr habt gezeigt, dass junge Menschen einen eigenen Standpunkt haben und bereit sind, sich auch konstruktiv über unterschiedliche Sichtweisen „zu streiten“. Wir sind stolz darauf, mit wie viel Disziplin und Klarheit es VCPer*innen geschafft haben, die eigene Haltung zu benennen und Kritik zu äußern.

Aus der ganzen Sache haben wir vor allem zwei Dinge für uns als Pfadfinder*innen mitgenommen:

  1. Es ist wunderbar, mit wie viel Einsatz sich junge Menschen ehrenamtlich engagieren. Trotz, oder gerade wegen der Nöte, die sie empfinden (Corona, Klimawandel, Kriege, Inflation, zunehmender Extremismus in der Gesellschaft…). Werdet nicht müde die Missstände zu benennen und für eure eigene Zukunft einzustehen!
  2. Reden und Zuhören ist wichtig. Die Haltungen die Herr de Maizière geäußert hat, sind im Zweifel keine Einzelmeinung. Es gibt sicher viele Menschen, die seine kritische Perspektive auch teilen. Wir als Pfadfinder*innen sind gut darin einander zuzuhören, andere Menschen ernst zu nehmen, ins Gespräch zu kommen und dabei unsere Meinungen zu vertreten und dennoch wertschätzend miteinander umzugehen. Also: Redet mit den Menschen in eurem Umfeld, fragt sie, wie sie gerade auf „Jugend“ schauen, nehmt ihre Fragen ernst und steht zu dem, was euch für eure Zukunft und ein gutes Leben wichtig ist.

Wir sehen uns 2025 in Hannover!

2025 steht der nächste Kirchentag an – wir freuen uns schon jetzt auf eine gute, spannende und schöne Zeit mit vielen Helfenden jeden Alters im wunderschönen Hannover.

Da immer gilt: Nach dem Kirchentag ist vor dem Kirchentag beginnen wir jetzt bereits langsam mit unseren Planungen. Merkt euch also schonmal den 30. April bis 04. Mai 2025 – da erwartet euch eine Woche mit vielen Begegnungen, (im Nachgang sicher) legendären Singerunden, tollen Konzerten, spannenden Podien und dem sicher wieder schönsten Stand auf dem Markt der Möglichkeiten…in Hannover!

Wir möchten Hannover 2025 gerne zu „unserem“ Kirchentag machen. Deshalb: Wir sehen uns spätestens in zwei Jahren!

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