Europäische Jugendziele: Gutes Lernen

von Anja Blume

Wohin soll sich Europa aus Sicht junger Menschen entwickeln? Welche Themen sind wichtig? Und was hat das mit dem VCP und mir zu tun? Die Europäischen Jugendziele – Youth Goals – fassen zusammen, welche Themen junge Menschen in Europa bewegen und was sie von der Politik erwarten.
Um euch die Europäischen Jugendziele näher zu bringen und zu zeigen, wie auch der VCP am Erreichen der Ziele mitwirkt, welche Aktionen bereits am Laufen bzw. in Planung sind und auch, welche Möglichkeiten ihr habt, eure Forderungen und Wünsche an die europäische Politik zu tragen, stellen wir euch dieses Jahr an jedem 11. Tag im Monat eines der Europäischen Jugendziele vor.

Europäisches Jugendziel: Gutes Lernen

Jede*r von uns lernt permanent, ob wir wollen oder nicht. Und alle, die jetzt diesen Beitrag lesen, kennen einen Ort, an dem richtig gutes Lernen stattfindet; bei den Pfadfinder*innen nämlich.

Aber was ist gutes Lernen?
Betrachten wir einfach mal Menschen am Anfang ihres Lebens:
Babies besuchen keine Bildungseinrichtung, lernen aber trotzdem unglaublich viele und vor allem besonders wichtige Dinge, und das auch noch sehr schnell. Doch selbst wenn wir uns die größte Mühe geben, sie würden nicht deutlich schneller Laufen und Sprechen.
Was lernen wir daraus?

  1. Man muss und kann niemandem etwas „beibringen“. Das Bedürfnis, etwas zu lernen, die Neugier, ist uns allen angeboren und wir tun es, auch wenn es nicht immer zielgerichtet stattfindet.
    Niemand kann einem anderen Menschen Wissen „eintrichtern“, also so übertragen, wie wir eine Datei von einem Speicherort zum anderen übertragen, obwohl das immer wieder versucht wird. Um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, müssen wir alles selbst mindestens gedanklich nachvollziehen und mit unserem bisherigen Wissen verbinden. Das hat auch zur Folge, dass sich das Wissen bei der Weitergabe immer ein bisschen verändert.
    Am einfachsten lernen wir, indem wir etwas tun und wahrnehmen, was da passiert. Wenn wir bewusst oder unbewusst darüber nachdenken, werden wir beim nächsten Mal unser Verhalten ändern, das Gleiche schneller oder besser oder einfach anders tun, so, wie es das Baby macht.
    Weil diese Art von Lernen so gut wie immer funktioniert, haben die Pfadfinder „learning by doing“ zum Prinzip gemacht.
  2. Der Lerninhalt muss dem Reifegrad entsprechen. Das Baby kann nicht Laufen lernen, bevor es stehen kann, obwohl es dauernd sieht, wie wir laufen. Neben den passenden Muskeln, die erst aufgebaut werden müssen, fehlen ihm die Erfahrungen mit dem Gleichgewicht, die Orientierung im Raum, und ähnliche wichtige Dinge. Wie oben erwähnt müssen wir neues Wissen mit bisherigem verbinden. Wenn da nichts ist, womit es verbunden werden kann, rauscht das Wissen an uns vorbei, ohne dass wir etwas lernen. Den meisten von uns würde das wohl bei einem Vortrag über den Nachweis der chemischen Zusammensetzung der Pferdekopfnebels so gehen. Anders ausgedrückt: wir müssen erst ein paar Vokabeln gelernt haben, bevor wir englische Sätze verstehen und uns merken können. Die Vorbedingungen sind allerdings nicht immer so offensichtlich wie bei den Fremdsprachen. Damit Pfadfinder*innen in jedem Alter die besten Lernerfahrungen machen können, gibt es im VCP die Stufenkonzeption. Die bietet eine wissenschaftlich begründete Orientierung bei der Frage, was Kinder und Jugendliche in welchem Alter lernen können und sollten.
  3. Die Umgebung kann den Lernprozess unterstützen. Bisher klang es ja so, als könnten wir das Lernen unserer Gruppenkinder kaum beeinflussen. Aber das können wir! Beim Baby macht es einen Unterschied, ob wir es probieren lassen und ermutigen, oder ob wir es ständig festhalten oder hinsetzen, damit es sich nicht weh tun kann. Wenn wir auf seine Geräusche und Sprechversuche nicht reagieren, wird es diese wieder bleiben lassen. Bei den Pfadfinder*innen nutzen wir die Natur als beste Lernumgebung der Welt. Viele Lernaufgaben stellen sich hier von selbst, wenn man nicht frieren, nicht nass werden, trockenen Fußes über den Fluss kommen will… Und auch sonst stellen wir den Kindern und Jugendlichen immer neue Aufgaben, bei denen sie lernen, an denen sie wachsen können. Eine Gruppenleitung, die immer mit gutem Beispiel voran geht, kann die Gruppenmitglieder direkt zu erfolgreichem Verhalten anstiften und vor allem Mut machen, immer neue Dinge auszuprobieren.

Was also sind die besten Voraussetzungen für gutes Lernen, egal ob in einer Kurseinheit oder in der Gruppenstunde?
Bei einem WAGGGS – Seminar habe ich eine kurze Formel dafür gelernt:
Der Lerninhalt muss relevant für die Zielgruppe sein. (Sie brauchen dieses Wissen und wissen das auch)

  • Die Lernmethode muss spannend/aufregend sein oder einfach Spaß machen.
  • Inhalt und Methode müssen zugänglich sein. Das heißt, die Aufgabe muss so gestellt sein, dass alle Gruppenmitglieder sie erfüllen können (evtl. gemeinsam) und an bestehendem Vorwissen ansetzen.
  • Das ganze ist Lerner-zentriert. Das heißt, die Lernenden sind die aktiv Handelnden, nicht eine Person, die etwas vorträgt oder vorführt.
    Hier also liegt der Unterschied zum klassischen Schulunterricht.

Was bei den Pfadfinder*innen passiert, heißt übrigens nonformale Bildung. Im Unterschied zur formalen Bildung gibt es hier keine Abschlusszeugnisse und strenge Regularien, obwohl auch das Ziel der nonformalen Bildung ist, dass die Teilnehmenden etwas lernen. Un- oder halbabsichtliches Lernen, z.B. beim Surfen im Internet heißt informelle Bildung.

Das Jugendziel „Gutes Lernen“ ist allerdings nicht, dass alle Pfadfinder*innen werden sollen. Aber die Forderung ist, dass alle Menschen Zugang zu Einrichtungen und Organisationen haben sollen, in denen so gutes Lernen stattfindet wie bei uns. Unabhängig vom rechtlichen und sozialen Status und der finanziellen Lage sollen alle Kinder und Jugendlichen die Bildungseinrichtung besuchen können, die sie möchten. Und formelle Bildung soll als gleichberechtigter Teil neben der formalen Bildung als Teil des lebenslangen Lernprozesses anerkannt werden.

Der VCP und die Europäischen Jugendziele