Symptome einer Pandemie

Was ist eigentlich mit den Kindern und Jugendlichen? Die sind doch im Homeschooling.

von Johanna Mixsa

Homeschooling, Wechselunterricht oder Schulen öffnen? Indirekt sind Kinder und Jugendliche ständig Thema in aktuellen politischen Entscheidungen. Vielmehr als Schüler*innen sind sie dabei aber häufig nicht. Dass auch sie einen Alltag haben, der nicht nur aus Schule besteht, dass durch die Kontaktbeschränkungen sowie fehlende Freizeitangebote wichtige Entwicklungsfaktoren wegfallen – all das ist erstmal nicht relevant. Die Wirtschaft retten, das steht im Vordergrund. Diese Grundstimmung spiegelt auch die „JuCo“ Studie (Junge Menschen und Corona) wider: Die meisten der befragten Jugendlichen haben sich von der Politik nicht gehört gefühlt. Das dabei zum Teil schwerwiegende Schäden bei der nächsten arbeitenden Generation auftreten werden, wird vermutlich erst in 10 bis 20 Jahren „ganz plötzlich“ auffallen. Dann, wenn durch psychische Probleme nicht mehr so viel gearbeitet werden kann. Wie viel hat es uns dann gebracht, die Wirtschaft zu retten?

Genau das sieht auch der Deutsche Bundesjugendring (DBJR), weshalb er einen Zwischenruf formuliert hat, dass Kinder und Jugendliche höchste Priorität haben müssen.

Der neue „Corona-Alltag“ wirkt sich auch auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen aus. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) hat während des ersten Lockdowns die COPSY-Studie („Corona und Psyche“) durchgeführt und dabei erschreckende Ergebnisse erhalten.

Laut der Studie fühlten sich 71 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen durch die Pandemie äußerst oder ziemlich belastet.

Und auch die Lebensqualität hat sich verschlechtert: Während vor der Pandemie 15,3 Prozent der elf bis 17-Jähriegn von einer niedrigen Lebensqualität berichteten, waren es während der ersten Corona-Welle schon 40,2 Prozent. Bei fast Zwei Fünftel der Kinder und Jugendlichen hat sich das Verhältnis zu Freunden*Freundinnen verschlechtert.

Aber auch andere Psychische Auffälligkeiten haben zugenommen. Vor allem die Hyperaktivität und psychosomatische[1] Erscheinungen, wie Gereiztheit und Einschlafprobleme sind dabei zu nennen.

Quelle: COPSY Studie

Die steigende Hyperaktivität ist besonders hervor zu heben. Sie hat sich mit einem Anstieg von 12,8 % vor der Pandemie aus 23,6 % währendessen beinah verdoppelt.

Quelle: COPSY Studie

Prinzipell ist bei der Studie deutlich geworden, dass besonders die Kinder im Alter von 7 bis 10 Jahren vermehrt unter psychischen Beschwerden leiden. Die Zahl ist von 7,4 % auf 26,8 % gestiegen.

Die Vergleichsstudie für doe COPSY STudie ist die BELLA-Studie (Befragung zum Seelischen Wohlbefinden und Verhalten), bei der die Basisstudie 2003-2006 durchgeführt wurde. Daraufhin gab es noch vier weitere Befragungswellen im Zeitraum von 2004 bis 2017.

Probleme in der Familie

Dadurch, dass mit Home-Office, Homeschooling und Ausgangssperren die Familien oft 24/7 aufeinander hocken, hat sich bei einigen Familien zudem das Familienklima geändert, was für zusätztlichen Stress bei allen sorgt. Das hat besonders die Studie „Kindsein in Zeiten von Corona“ vom DJI (Deutsches Jugendinstitut) untersucht.

So ergab die Studie, dass in der Merhzahl der Familien während der Krise zumindest manchmal ein konflikthaltiges oder chaotisches Klima herrscht. Bei jeder fünften Familie kommt dies sogar häufig oder sehr häufig vor.
Trotzdem gaben etwa 77 % der Befragten an, dass höchsten manchmal „Land unter“ herrschte, Allerdings meinen 22 % der Eltern, dass Chaos oder Konflikte häufig bis sehr häufig Teil des neuen Corona-Alltages sind.

Wenig verwunderlich ist außerdem, dass sozioökonomsiche Faktoren stärkeren Einfluss haben. Es wird geschätzt, dass Kinder in Familien, die mit dem gegenwärtigen Einkommen kaum zurecht kommenunter höherer Belastung stehen als Kinder in Familien, die ihre finanzielle Lage positiv beurteilen.

Und wie mag das jetzt aussehen – nachdem weiteren dreiviertel Jahr Unsicherheit und Einschränkungen? Und bei den kaum befragten sozial schwächeren und „bildungsfernen“ Familien?

Was können wir in der Pfadi-Arbeit dagegen tun?

Versuchen irgendwie eine Struktur zu schaffen. Also regelmäßige Angebote, am besten mit Bewegung an der frischen Luft und indirektem Kontakt zu anderen Teilnehmenden. Wichtig ist dabei natürlich, dass immer die aktuellen Corona-Reglungen beachtet werden.

Hier ein paar Ideen:

  • Gemeinsam etwas bauen
    Hierfür könnt ihr euch als Gruppe einen Ort suchen, an dem ihr gemeinsam etwas bauen wollt. Zum Beispiel Steinmenschen oder eine Hütte. Dann müsst ihr euch absprechen, sodass alle nacheinander (zum Beispiel im Stundentakt) an diese Stelle kommen und das weiterbauen, was schon steht.
  • Schnitzeljagd
    Ich denke eine Schnitzeljagt kennt jede*r. Diese könnt ihr für euren Ort planen und so staffeln, dass sich die Teilnehmenden nicht begegnen. Vielleicht wollen die Kinder und Jugendlichen ja auch mit ihren Familien teilnehmen.
  • Challenges für draußen
    Ihr könnt euch kleine Aufgaben überlegen, die jede*r für sich selbst macht. Ob das nun eine Strecke von 100 Meter rennen und die Zeit messen ist oder die Aufgabe eine Birke in der Nachbarschaft zu finden ist egal. Der Kerngedanke ist, dass die Teilnehmenden sich an der frischen Luft bewegen können. Vielleicht ist ja auch ein Aktionbound etwas für die Gruppe. Wenn ihr die Aufgaben dokumentieren lasst (zum Beispiel durch Fotos), könnt ihr die Erfahrungen der Teilnehmenden und die Ergebnisse dann in einer nächsten Stunde auswerten.
  • Briefaktion oder Postkartenaktion in der Gruppe
    Ähnlich wie zum Beispiel die Postkartenaktion zum Thinking Day, könnt ihr sowas auch bei euch in der Gruppe machen. So können die Teilnehmenden den Kontakt zueinander verstärken und/oder halten (und das mal nicht digital!).
  • Ich packe meinen Koffer – von Haustür zu Haustür
    Auch mit dieser Idee können die Gruppenkinder sich mal – mit Abstand – wiedersehen. Gespielt wird (zum Beispiel) „Ich packe meinen Koffer“. Die erste Person in der Gruppe überlegt sich einen Gegenstand, läuft zu einer anderen Person aus der Gruppe nach Hause und gibt diesen Gegenstand (mündlich) weiter (Reihenfolge und Adressen müssen also davor klar sein). Und immer so weiter. So wird das Spiel von Haustür zu Haustür gespielt. Das geht natürlich nur dann wirklich gut, wenn die einzelnen Teilnehmenden nicht zuweit entfernt voneinander wohen.

… und auch das Projekt #pfadisbleiben entwickelt Ideen für einen tollen Pfadi-Sommer.

Wer wurde gefragt?

COPSY Studie: Corona und Psyche – Kinder und Jugendliche von elf bis 17 Jahren und Eltern
http://www.copsy-studie.de/

JuCo: Junge Menschen und Corona – Jugendliche und junge Erwachsene von 15 bis 30 Jahren.
https://www.uni-hildesheim.de/neuigkeiten/wie-erleben-jugendliche-die-corona-krise-ergebnisse-der-bundesweiten-studie-juco/

DJI – Kindsein in Zeiten von Corona – Eltern von Kinder zwischen 3 und 15 Jahren, Kinder im Alter von 7 bis 15 Jahren
https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/dasdji/themen/Familie/DJI_Kindsein_Corona_Erste_Ergebnisse.pdf

  • [1]Erkrankungen deren Ursachen nicht vollständig körperlich erklärbar sind