Der geile Bock ist der Teufel!

von Andreas Witt

Der geile Bock!“ – Dieser provokante Ausruf muss Anerkennung sein. Denn wie sonst ließe sich erklären, dass man T-Shirts und Pullis mit dem Aufdruck „geiler Bock“ kaufen kann? Es muss erstrebenswert sein, ein geiler Bock zu sein. Zumindest scheint es Menschen zu geben, die als solche erkannt werden wollen. Bemerkenswert – hat der Ausruf „du geiler Bock!“ denn nicht auch gleichermaßen eine negative Bedeutung? Beinhaltet die Redewendung nicht auch Verachtung für einen Lüsternen, dem es nur um die Befriedung seiner eigenen sexuellen Bedürfnisse geht?

Wer oder was ist also der „geile Bock“?

Szenenwechsel – Walpurgisnacht: Viele Frauen und einige Männer fliegen nackt auf einem Besen oder reiten auf einem Ziegenbock durch die Luft. Sie zelebrieren den Hexensabbat: Sie singen und tanzen ekstatisch um ihren Herrn, den Teufel, herum, während dieser in der Gestalt eines Ziegenbocks auf einem Thron sitzt. Das nächtliche Treiben mündet in einer großen Sexorgie. Dieser Exzess war im späten Mittelalter Realität – zumindest in der Vorstellung vieler Menschen, wenn sie an Hexen, Magier und den Teufel dachten. Auch gelehrte Theologen, wie zum Beispiel der berühmte Reformator Martin Luther, glaubten fest an Hexen und die Existenz des Teufels.

Eine Kernfrage zum Verhör von Hexen aus dem berüchtigten „Hexenhammer“, einem unseligen Buch, das eine Legitimation und eine Art Leitfaden für die Hexenverfolgungen und Hexenprozesse darstellte, lautet: „In was Gestalten anfangs der leidige Teufel zu ihr gekommen war, item (d. h.) zu Morgen, Mittag, abends oder nachts?“* Die hier angesprochene „Teufelsbuhlschaft“ zählte bei der Hexenverfolgung zu den zentralen Vorwürfen. Man glaubte nämlich, der Teufel nehme zum trügerischen Schein wahlweise den Körper eines Mannes oder einer Frau an, um mit einem Mensch den Geschlechtsakt zu vollziehen und sich dadurch dessen Seele zu bemächtigen. Das klingt für den Mensch wenig lustvoll. Nach heutigen Maßstäben würde man dies als klaren Übergiff gegen die sexuelle Selbstbestimmung werten. Ein Übergriff, der nicht nur die persönlichen körperlichen Grenzen verletzt, sondern auch die Seele. Woher stammt diese Vorstellung, dass der Teufel als „geiler Bock“ sein Unwesen treibt?

In der Bibel finden sich nur relativ wenige Texte, in denen der Teufel als Person vorkommt. Bekannte Texte sind das Buch „Hiob“ im Alten Testament oder im Neuen Testament die Geschichte von der „Versuchung Jesu“ durch den Teufel (Mt 4.1–11 par.). Allerdings erscheint der Teufel hier als Gegenspieler bzw. Widersacher Gottes und nicht als „geiler“ Bock, der etwa versucht hätte, Jesus in der Wüste sexuell zu verführen. Unsere geläufigen Bilder und Vorstellungen vom Teufel haben vielfältige, größtenteils außerbiblische Wurzeln: Der bocksbeinige Teufel mit Hörnern, Schwanz und Pferdefuß erinnert an den Hirtengott Pan aus der griechischen Mythologie. Pan – ursprünglich unter anderem ein Fruchtbarkeitsgott – ist stets hinter schönen Mädchen oder Jünglingen her – ein „echt megageiler Bock“. Der Ziegenbock gilt in verschiedenen Kulturkreisen als Symbol für große männliche Potenz – im positiven oder negativen Sinn.

Der „geile Bock“ ist also der Teufel selbst. Böse, durchtrieben, sexgierig und gewalttätig. Kein nachahmenswertes Vorbild. Allen denjenigen, die meinen, „ein geiler Bock“ wäre ein attraktiver Mann, der „Erfolg“ bei den Frauen hat, dem sei gesagt, dass er einem Geschlechterverhältnis nachhängt, das im VCP schon längst berholt ist.

* Zitiert nach: H. Staschen / T. Hauschild, Hexen, Krumwisch 2001, S. 72.