Heimlichkeiten auf dem Lager

Eine Glosse von Johannes Malinowski

Hand aufs Herz: Wann hast du zum letzten Mal auf dem Lager etwas getan, was eigentlich nicht gerne gesehen ist? Wann zum ersten Mal? Mit den Verboten ist es doch ein Elend.

In der Kinderstufe steht die erste Fahrt mit der Gruppe an, von Oma gibt es eine Tüte Bonbons mit. Kaum angekommen, heißt es: Alle Süßigkeiten zur Gruppenleitung! Es soll schließlich fair geteilt werden. Nichts da! Deine Tüte Bonbons von Oma bleibt unten im Rucksack. Nervennahrung gegen Heimweh und den Heißhunger in der Nacht. Und mit wem du teilst, entscheidest du schließlich immer noch selbst.

In der Pfadfinder*innenstufe ist es dann nicht mehr der Süßkram, den du vor den Gruppenleitungen verstecken musst. Nein, jetzt geht es ans Eingemachte. Deine Alltags-Gewohnheiten sollen ignoriert werden, beim Gedanken daran kribbelt es: Das Handy soll zuhause bleiben! Klar, es ist uncool, den ganzen Tag auf den Bildschirm glotzend über den Platz zu schlurfen und die anderen Leute dabei zu ignorieren. Und Strom gibt es im Zelt auch nicht. Trotzdem: Ein Anruf am Abend bei den Eltern, eine SMS an die besten Freunde wird doch erlaubt sein? Das Versteck im Rucksack muss nur gut gewählt sein, damit das Handy nicht aus Versehen beim Packen auf die Isomatte plumpst. Irgendwo zwischen Unterhosen und Socken findet sich immer ein Plätzchen.

Als Ranger*Rover ist man quasi erwachsen. Man fühlt sich zumindest so, auch wenn man offiziell noch nicht alles darf. Wer soll es dir da verbieten, nach Feierabend hinter der Kohte ein Bier zu trinken? Auf Oase hast du keinen Bock, zu laut, zu verraucht, zu viele Menschen. Den Getränkevorrat gibt es an der zwei Kilometer entfernten Tanke. Beim Einkauf wechselst du dich mit deinen Saufkumpanen ab. Bloß keinen Krach machen, bloß kein Licht. Das heimliche Bier schmeckt doch umso besser, je aufregender es ist. Dass es lauwarm ist, ist ein Kompromiss, den man eingehen muss. Zum Wohl!

Als Erwachsener im VCP kämpft man dann schlussendlich um ein kleines bisschen Privatsphäre. Zweisamkeit auf dem Zeltlager? Praktisch unmöglich. Egal, ob du Zeit mit der Partnerin*dem Partner oder einer Zufallsbekanntschaft verbringen möchtest. Mit jemandem aus deinem Stamm oder aus einer anderen Ecke des Landes das Techtelmechtel suchst. Sex auf dem Lager gehört zur Königsdisziplin – solange man sich nicht erwischen lassen möchte. Im eigenen Zelt liegen fünf andere Leute, draußen läuft die Nachtwache und das mit der Toilette kommt aus guten Gründen sowieso nicht infrage. Ihr sucht euch stattdessen ein leeres Programm­ oder Lagerzelt und tobt euch aus.

Ob Süßigkeiten, Handy, Bier oder Zeit zu zweit: Ein Pfadi-Leben ganz ohne Heimlichkeiten ist schwer vorzustellen und irgendwie auch langweilig, oder? Wichtigste Regel: Lasst euch nicht erwischen!

Heimlichkeiten auf dem Lager

Illustration: Miriam Lochner